Merkel wollte sie als Bundespräsidentin

Angela Merkel wollte Marianne Birthler als neue Bundespräsidentin. Birthler aber lehnte nach einer Bedenkzeit freundlich ab.

Hatte Angst, dem Amt nicht zu genügen: Marianne Birthler.

Hatte Angst, dem Amt nicht zu genügen: Marianne Birthler. Bild: Tobias Schwarz/Reuters

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Manchmal hängt im Leben alles an einem seidenen Faden, wächst sich ein feiner Zweifel zu einer Sorge aus, die unüberwindbar scheint. Ohne dass die Öffentlichkeit davon gewusst hätte, war Marianne Birthler einige Tage lang designierte deutsche Bundespräsidentin. Aber ihre Ängste, dem Amt nicht zu genügen, wuchsen. Schliesslich verliess sie der Mut. Sie rief Angela Merkel an, eine geschätzte Bekannte seit Jahrzehnten, und sagte ab. Das Telefonat, das beide Frauen unglücklich zurückliess, endete mit Birthlers Frage: «Und was jetzt?» Merkel antwortete: «Jetzt wird es Steinmeier.»

Birthler, 1948 in Ost-Berlin geboren, mit grossen Verdiensten als Bürgerrechtlerin gegen das DDR-Regime, wäre zweifellos eine gute Bundespräsidentin geworden – zudem nach elf Männern die erste Frau. Merkel hatte ihre Kandidatur monatelang im Geheimen geschickt vorbereitet. Erst liess sie einen Freund Birthlers sondieren, dann schickte sie einen Emissär, schliesslich rief sie selber an, vor neun Tagen war das. Da sagte Birthler Merkel zu, nicht fröhlich, doch vernehmlich, bat aber um vier letzte Bedenktage.

Derweil hatte die Kanzlerin im Hintergrund längst den nötigen politischen Rückhalt organisiert. Die Grünen standen bereit, selbst CSU-Chef Horst Seehofer war einverstanden – schliesslich sei Birthler seit langem keine aktive grüne Politikerin mehr. Zusammen haben Grüne und Union bei der Wahl eine klare Mehrheit. Merkel hätte triumphiert, die SPD-Granden Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier wären düpiert gewesen. Dann sagte die Kandidatin ab.

Mut für zwei

Birthler habe klassische «Schwellenangst», erklären Freunde. Wenn man sie aber einmal ins Wasser geschubst habe, schwimme sie wie ein Fisch. Bereits im Jahr 2000 musste Birthler geschubst werden, als sie Joachim Gauck als Wächterin über die Akten des DDR-Staatssicherheitsdiensts nachfolgen sollte – ausgerechnet jenem Mann also, den sie nun als Präsidentin wieder hätte ersetzen können. Als Birthler einmal im Amt war, erwarb sie sich schnell den Respekt aller Seiten und blieb zehn Jahre.

Birthler hat, wenn es darauf ankommt, Mut für zwei. Wie Gauck kämpfte sie aus dem kirchlichen Milieu gegen den Unrechtsstaat DDR und leistete klug und furchtlos Widerstand. Nach der Wende baute sie als grüne Ministerin das Bildungswesen in Brandenburg wieder auf. Aus Protest gegen die Stasi-Vergangenheit des Ministerpräsidenten opferte sie ihr Amt, ohne zurückzuschauen.

In ihrer vor zwei Jahren erschienenen Autobiografie beklagt Birthler, dass viele Bürgerrechtler nach der Wende an den Rand gedrückt worden seien. Um Freiheit hätten sie zu kämpfen gewusst, um Macht weniger. Auf die Autorin selber traf dies nie zu. Aber nun ist die bald 69-Jährige doch vor einer Aufgabe zurück­geschreckt, die sie als allzu gross empfand.

Erstellt: 22.11.2016, 17:48 Uhr

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