Die Frauenrechtlerin und das Bordell

Ausgerechnet eine lautstarke Kritikerin der Prostitution verteidigt ein Berliner Bordell. Pflegt sie eine private Geschäftsbeziehung zum Betreiber?

Blick ins Berliner Etablissement Artemis. Foto: John MacDougall, AFP

Blick ins Berliner Etablissement Artemis. Foto: John MacDougall, AFP

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Seyran Ates hat einen Ruf als mutige Kämpferin, seit vielen Jahren betreibt sie eine Anwaltskanzlei in Berlin, mit der sie vor allem Hilfe suchenden Frauen zur Seite steht. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, ihr kommendes solle von Prostitution handeln, so erzählt sie Journalisten. Seyran Ates, 56 Jahre alt, ist seit langem auch eine lautstarke Kritikerin der Prostitution, das sei «moderne Sklaverei», hiess es in einem Appell der Zeitschrift «Emma», den sie im Jahr 2013 mit unterzeichnete. «Das System Prostitution brutalisiert das Begehren.»

Umso überraschender war dann dies: Über das Berliner Grossbordell Artemis hat Ates sich auffallend positiv geäussert. Wenn schon Prostitution, dann solle es so sauber und fair ab­laufen wie dort, sagte sie im vergangenen Jahr einer Reporterin der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». «Ich habe viele Gespräche mit den Frauen geführt.»

«Fair und sauber»: Seyran Ates lobt ein Grossbordell. Foto: Reto Oeschger

Eine bessere Werbung konnte man sich kaum vorstellen für die Betreiber des Etablissements, das in Deutschland das grösste seiner Art sein soll. Wenn schon die Feministin Ates es lobt, muss es ja wirklich okay sein.

Wie nun aus Unterlagen hervorgeht, die diese Zeitung einsehen konnte, pflegt sie allerdings auch eine private Geschäftsbe­ziehung zu dem Bordellbetreiber, die sie im Zusammenhang mit ihren öffentlichen Äusserungen nie offengelegt hat. Es geht um ein Privatdarlehen, 45'000 Euro hat Artemis-Chef Hakki Simsek ihr demnach versprochen. Am 12. September haben er und Ates den Vertrag geschlossen. Das Dokument, das diese Zeitung eingesehen hat, trägt Ates’ Unterschrift.

Die Konditionen sind für Ates äusserst günstig: Wenn sie die monatlichen Raten à 5000 Euro pünktlich zurückzahle, würden ihr die Zinsen erlassen, heisst es in einer internen Mail des Anwalts des Bordellbetreibers, die diese Zeitung ebenfalls einsehen konnte. Schon zum 30. September, steht in den Mails, solle Ates dieses Geld bekommen. Sie selbst lässt auf Anfrage mitteilen, dies stimme nicht.

Kinofilm vorgeschlagen

Seyran Ates, die mit vielen Menschenrechtspreisen geehrte Autorin, recherchiert offenbar nicht nur für ein Buch. Auch ein Film sei in Vorbereitung, der das Artemis beleuchten soll. «Man muss die Story zu einem sehr guten Kinofilm machen», schrieb Ates am 11. September in einer Mail an den Bordellbetreiber Simsek und dessen Anwalt. Just am Tag nachdem Ates diese Mail an die Männer verschickt hatte, erhielt sie offenbar den Darlehensvertrag. Bordellbetreiber Hakki Simsek wollte sich dazu nicht äussern.

Der Fall des Artemis ist besonders heikel, weil das Bordell seit Jahren im Clinch mit der Berliner Justiz liegt. Die Staatsanwaltschaft hat erhebliche Zweifel, ob die zweihundert Frauen, die dort arbeiten, wirklich so fair behandelt werden, wie es Geschäftsführer Hakki Simsek gern vor Journalisten darstellt. Es geht um Sozialbetrug, also die Ausbeutung von Arbeitnehmerinnen. «Wenn eine nicht arbeiten kann, wird sie rausgeschmissen», so hatte es eine der Prostituierten, Maryam R., den Ermittlerinnen des Landeskriminalamts erklärt. «Auch im Falle einer Krankheit wird man rausgeschmissen. Man hat in der Woche einen Tag frei.»

Bordellchef Simsek stellt es ganz anders dar. «Ich bin nicht der Chef», sagte er. Die Frauen seien «selbstständige Prostituierte», kleine Ich-AGs. Simsek hat nicht nur Anwälte mobilisiert, um die Vorwürfe der Ermittler abzuwehren – sondern auch PR-Berater. Für deren «Pressearbeit» soll Simsek seit dem Jahr 2016 eine beachtliche Summe gezahlt haben, wie aus einer internen Aufstellung hervorgeht: mehr als 210'000 Euro. Die Richter des Landgerichts haben das Verfahren gegen Simsek zuletzt gestoppt. Es bestehe kein hinreichender Verdacht. Als ein Journalist des Tagesspiegel im vergangenen Jahr eine Reportage über das in der Justiz so umstrittene Artemis schrieb, sagte Seyran Ates ihm: Die Staatsanwaltschaft tue dem Bordellchef unrecht.

Die Ermittler hätten hier versucht, ein echtes Vorzeigebordell in den Schmutz zu ziehen. Ates sagte, sie ärgere sich über «die Heuchelei all derer, die Prostitution als ‹Sexarbeit› beschreiben und einen Ort, an dem dies bestmöglich geschieht, unter Aufsicht der Behörden auseinandernehmen, aber dort wegschauen, wo es den Frauen wirklich um Stufen elender geht». Eine «ungewöhnliche Unterstützerin» habe der Bordellbetreiber da gefunden, notierte der Tagesspiegel beeindruckt. «Sie kennt das Artemis gut.» Anders als Bordellchef Simsek, seine Anwälte und seine teuren PR-Berater tritt die Frauenrechtlerin in solchen Momenten mit der besonderen Glaubwürdigkeit auf, die auch aus ihrer Vita erwächst – als eine muslimische Frau, die 1984 ein Attentat überlebte, und als eine Liberale, die «aus eigenem Erleben und innerer Überzeugung» streitet, wie der ehemalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff bei der Verleihung des Marion-Dönhoff-Preises an Ates vor einem Jahr sagte.

Erstellt: 20.12.2019, 11:27 Uhr

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