Die Front verläuft mitten durchs Dorf

Über 427 Kilometer erstreckt sich die Front im ukrainischen Donbass. Für viele Familien ist der Krieg zum Alltag geworden, obwohl der Tod omnipräsent ist.

Nikolai Toki (83) zeigt das mit Trauerflor geschmückte Bild seines toten Sohnes Iwan. Dieser starb nach einem Granateneinschlag im eigenen Garten. Foto: Florian Hassel

Nikolai Toki (83) zeigt das mit Trauerflor geschmückte Bild seines toten Sohnes Iwan. Dieser starb nach einem Granateneinschlag im eigenen Garten. Foto: Florian Hassel

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Sergei Schawabanow und seine Mutter Wera glaubten, das Schlimmste hinter sich zu haben. Schliesslich wurde ihr Haus schon 2015 von Granatsplittern getroffen, kurz nach Beginn des Krieges im Osten der Ukraine. Die Familie blieb trotzdem im Dorf Schowanka, direkt an der Front zwischen der ukrainischen ­Armee und den von Moskau organisierten Separatisten. «Ich habe nicht geglaubt, dass es uns noch einmal treffen könnte», sagt Wera Schawabanowa, eine 77 Jahre alte Dame im weiss geblümten Sommerkleid und mit weissem Kopftuch über den ergrauten Haaren.

Zwei Kriegsjahre später hagelten ­wieder Dutzende Raketen und ­Granaten auf Schowanka nieder, Mutter und Sohn flüchteten in den Kartoffelkeller im ­Garten. Als sie Stunden später wieder nach oben stiegen, stand ihr Haus in Flammen. Nur die Aussenmauern ­blieben stehen. Wera Schawabanowa konnte eine Handtasche mit ein paar Dokumenten retten.

Für einen Wiederaufbau haben die Schawabanows kein Geld. Sergei, ein 49-jähriger Eisenbahner, verlor seinen Job, als der Bahnhof wegen der Nähe zur Front geschlossen wurde. Seit dem ­Feuer vor zweieinhalb Jahren wohnen Mutter und Sohn in ihrer von Petunien umwucherten Sommerküche. Sie leben von Hühnern und Enten, ihrem ­Gemüse und einer Rente, die weniger als ­hundert Franken ausmacht.

Der Friede ist fern

Fast fünfeinhalb Jahre dauert der Krieg im Donbass mittlerweile, fast so lange wie der Zweite Weltkrieg. 3,9 Millionen Menschen sind betroffen, sagt die UNO. Mehr als 13'000 Menschen liessen ihr Leben, mehr als 27'000 wurden verletzt oder zu Invaliden. Allein in Donezk – der zweiten Region neben Luhansk – wurden 13'000 Häuser beschädigt oder zerstört. Vom Wiederaufbau ist wenig zu sehen.

Sterben und Zerstörung gehen weiter. An der Front ist keine Ruhe ein­gekehrt – nicht, nachdem Kiew und Moskau Anfang September Geiseln und Kriegsgefangene ausgetauscht hatten, auch nicht, nachdem Vertreter der ­Ukraine und Russlands am 1. Oktober die «Steinmeier-Formel» für Wahlen und einen Sonderstatus für die Ost­ukraine unterschrieben haben. Bald soll unter Vermittlung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron über ein Ende des Krieges geredet werden.

Bis Juli zählten die Minenräumer im Donbass 2054 Menschen, die durch Minen starben oder zu Krüppeln wurden.

Doch der Friede ist fern. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) meldet, der Stellungskrieg mit Granaten und Raketen, Minen und Scharfschützen sei wieder aufgeflammt. Allein am 2. Oktober zählten Beobachter entlang der 427 Kilometer langen Front rund 400 Explosionen und 1000 weitere Verletzungen der Waffenruhe.

Der Weg zur Front in Schowanka, 15 Kilometer nördlich der Kleinstadt Horliwka, führt durch die sanfte Hügellandschaft des Donbass. Abgeerntete Weizenfelder glänzen schwarz in der Spätsommersonne; Sonnenblumen­felder wachsen schier endlos in den ­Horizont, die Ernte steht noch aus. ­Allein an der Strasse der Schawabanows stehen etliche Hausruinen, ausgebombt, verkohlt.

Die Front verläuft mitten durchs Dorf. Sergei und Wera Schawabanow leben im nördlichen, von Kiew kontrollierten Teil. Zwei Strassen weiter und nur ­wenige Hundert Meter südlich haben die Kämpfer der von Moskau organisierten «Volksrepublik Donezk» die Kontrolle. «Kaum eine Nacht vergeht, in der wir nicht irgendwo den Lärm von ­Explosionen hören», sagt Wera Schawabanowa.

Ludmilla Pachomowa, eine pensionierte Grundschullehrerin, kümmert sich als ehrenamtliche Dorfvorsteherin um die 126 Menschen, die von den einst 800 Einwohnern geblieben sind. «Die meisten sind Rentner wie ich, die ihre Häuser nicht verlassen wollen oder ­niemanden haben, zu dem sie ziehen könnten», erzählt Pachomowa mit einem Schulterzucken. «Häuser werden nicht wieder aufgebaut, weil die ­Kämpfe weitergehen. Hilfsorganisationen kommen höchstens für ein paar Stunden hierher. Die Wasserleitungen sind zerschossen, was für uns nur deshalb keine Katastrophe ist, weil die Hälfte der Häuser eigene Brunnen hat. Vor zwei Jahren ­waren wir dreizehn Monate ohne Strom. Und Gas gibt es schon seit 2014 nicht mehr.»

Die Front in der Ostukraine gehört zu einem der am stärksten verminten Gebiete weltweit. Die Minenräum­gruppe Halo Trust zählte bis Juli im Donbass 2054 Menschen, die durch Minen starben oder zu Krüppeln wurden. Auf das Sammeln von Holz zum Heizen oder ­Kochen in den nahen Wäldern verzichten die Dorfbewohner deshalb lieber. Viele Felder sind gesperrt.

Hilfe kommt oft von internationalen Spendern, doch deren Aufmerksamkeit wird längst durch andere Kriege und Katastrophen beansprucht. Die UNO hat bisher nur ein Drittel des Geldes eingesammelt, um im Winter wenigstens ­Nothilfe leisten zu können. Ludmilla ­Pachomowa hat immerhin schon im ­August vier Tonnen Kohle vom Roten Kreuz in Empfang genommen, bevor Herbst­regen, Schnee und Eis den ein­zigen Feldweg ins Dorf unsicher oder ­unpassierbar machen.

Seit Jahren getrennte Leben

Die einzige asphaltierte Strasse nach Schowanka verläuft auf russisch kontrolliertem Gebiet. «Auch Schule und ­Kindergarten, Bibliothek und Kirche ­liegen in der Dorfhälfte der Separatisten – ebenso wie beide Lebensmittel­geschäfte und das Gemeindehaus», seufzt Pachomowa. Und so dient das leer stehende Haus eines geflohenen Dorfbewohners als «Humanitäres Zentrum». Der Wagen, der einmal pro Woche frisches Brot ins Dorf bringt, macht hier ebenso Station wie die drei Ärzte, die ­zumindest im Sommer jeden zweiten Mittwoch im Monat samt Röntgengerät und gynäkologischem Stuhl ins Dorf kommen. Auch wenn es ein Priester nach Schowanka schafft, lädt er ins «Humanitäre Zentrum». Der letzte Gottesdienst ist allerdings schon 16Monate her.

Schowanka-Nord und Schowanka-Süd leben seit Jahren getrennte Leben. «Wir alle haben drüben Eltern, Kinder oder Enkel – aber keinen Kontakt», sagt Pachomowa. Ihr Sohn ­Jewgeni (32) und dessen Kinder wohnen im südlichen Dorfteil, 900 Meter entfernt, doch getrennt durch die Front und ­Minenfelder. «Es ist zwei Jahre her, seit ich Jewgeni und meine Enkel zuletzt gesehen habe.»

Früher brauchte Ludmilla Pachomowa für den Weg zu ihrem Sohn ein paar Minuten, heute müsste sie einen Umweg von 17 Kilometern nehmen, der sie durch Kontrollposten ukrainischer Grenzschützer und der Separatisten führt. «Selbst ohne lange Schlangen wäre ich fünf Stunden unterwegs», sagt Pachomowa, «und mit meinen pro­ukrainischen Ansichten habe ich Angst, nach drüben zu fahren.» Allein auf ­ukrainischer Seite müssen der UNO ­zufolge rund 70'000 Menschen an der Front überleben.

Traktorist auf der Ilitsch-Farm

Wer von Schowanka vier Autostunden gen Süden fährt, kommt 35 Kilometer nordöstlich von Mariupol ins Dorf Tschermalik. Dort ist selbst der Weg zu den Toten versperrt. Das Dorf liegt am aufgestauten Kalmius-Fluss, auf der ­anderen Seite liegen die Stellungen der Separatisten. Seit Kriegsbeginn darf man weder fischen noch baden, der ­Zugang zum Friedhof ist verboten. Wenn dort ein neues Grab ausgehoben werden muss, vereinbaren ukrainische Armee und Separatisten unter Vermittlung der OSZE zwei Tage Feuerpause. Nach orthodoxem Brauch muss ein ­ausgehobenes Grab vor der Beerdigung über Nacht ruhen. Das letzte Mal trugen die Leute von Tschermalik Mitte Juli einen der Ihren zu Grabe.

Nikolai Toki, 83 Jahre alt und auch im Sommer im grauen Anzug und einer blauen Baseballkappe unterwegs, erzählt, wie er noch schnell auf einen Sprung zu einem Nachbarn ging. Sein 49-jähriger Sohn Iwan blieb zurück im Garten bei den Hühnern und Ziegen. Kurz vor ­Sonnenuntergang schlug eine Granate neben dem Aprikosenbaum ein. 90 Minuten später war Iwan tot. «Er war ein kräftiger, hübscher Kerl», sagt ­Nikolai Toki und blickt müde auf das Foto seines toten Sohnes, über das er einen Trauerflor gezogen hat.

Die Familie gehört zu den Alteingesessenen im Dorf. In der Sowjetzeit war ­Nikolai Toki ein halbes Jahrhundert Traktorist auf der Ilitsch-Farm, Sohn Iwan trat in seine Fussstapfen. Jeder kannte die beiden. Und so gaben mehr als 200 Menschen Iwan das letzte ­Geleit. Zumindest an diesem Tag ruhten die Waffen, anders als im Februar, als eine Trauergemeinde trotz vereinbarter Feuerpause auf dem Friedhof beschossen wurde. Fast drei Monate sind nun vergangen, «seitdem habe ich das Grab meines Sohnes nicht mehr besuchen dürfen», sagt Nikolai Toki.

Erstellt: 06.10.2019, 20:08 Uhr

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