Die Gestrandeten von Chios

Die griechische Insel vor der türkischen Küste ist durch den EU-Türkei-Deal von 2016 zur Sackgasse für mehr als 2000 Flüchtlinge geworden.

Kinder hinter dem Zaun des Flüchtlingscamps Vial auf Chios. Statt 1094 leben dort zurzeit 2090 Insassen unter schlimmen Bedingungen. Foto: Louisa Gouliamaki (AFP)

Kinder hinter dem Zaun des Flüchtlingscamps Vial auf Chios. Statt 1094 leben dort zurzeit 2090 Insassen unter schlimmen Bedingungen. Foto: Louisa Gouliamaki (AFP)

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Die Fähre schafft die Strecke in 20 Minuten, Touristen können mehrmals täglich vom türkischen Çesme auf die griechische Insel Chios übersetzen, von weissen Sandstränden zu den Felsenbuchten auf der Insel. Die Nähe hat ein besonderes Verhältnis geschaffen, zu allen Zeiten. Chios war fast 350 Jahre unter osmanischer Herrschaft. Als die Deutschen Chios im Zweiten Weltkrieg besetzten, flohen Griechen in Fischerbooten in die Türkei. Heute verläuft die Migrationsroute in umgekehrter Richtung.

Im dramatischen Sommer 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung, erreichten täglich 1000 Menschen Chios. Im Februar 2016 wurde hier der erste Hotspot zur Registrierung und Unterbringung eingerichtet. Es wurden dann fünf, und es gibt sie immer noch: auf Lesbos, Leros, Kos und Samos – auch wenn längst viel weniger Menschen ankommen. Auf allen Inseln waren es am Freitag 81, um die 100 aber sind es oft. Mindestens sechs Türken sind gerade vor Lesbos ertrunken, darunter drei Kleinkinder, meldete der Sender CNN Türk am Sonntag. Türken, die diesen illegalen Weg nehmen, flüchten gewöhnlich vor einer Verhaftung in der Türkei.

Das griechische Innenministerium meldet jeden Tag die Neuankünfte. Seit dem Abkommen zwischen der EU und der Türkei vom März 2016 sollen die Geflüchteten in den Insel-Hotspots bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden ist – und bei Ablehnung direkt zurück in die Türkei. Derzeit sind noch 18’100 Flüchtlinge auf den Inseln, weitere 40’000 in Unterkünften auf dem Festland. Im Lager von Chios leben 2090 Menschen, das Camp hat nur 1014 Plätze.

«Wir sind überbelegt», sagt Vaso Danou, die Direktorin. Sie ist erst seit ein paar Wochen im Amt, ihr Vorgänger hat nach einem halben Jahr aufgegeben. Als Grund nannte er «wachsenden Druck aus der lokalen Bevölkerung». Danou, 33, sitzt in ihrem Büro, es ist blickdicht abgetrennt vom Rest einer riesigen Fabrikhalle. Hier wurde einst Aluminium produziert, das Unternehmen hiess Vial. So heisst nun das Lager. «Die Leute hier haben gegen eine Erweiterung des Hotspots geklagt», sagt Danou. Der Streit ging bis vors oberste Gericht. Das entschied, dass es in Vial nur 100 Container geben dürfe, für 1274 Menschen. Danou sagt: «Wir haben auch zu wenig Übersetzer, zu wenig Ärzte.» In Chios würden sie immer genau spüren, was «in der Region passiert», sagt Danou. Im April kamen Kurden aus Afrin. Die türkische Armee hatte zuvor die kurdisch-syrische Stadt eingenommen. Syrer, Iraker stellen immer noch die Mehrheit der Leute im Camp. Geplant war einst, dass sie 3 bis 25 Tage in diesem «Erstaufnahmezentrum» bleiben. Dann kam das Türkei-Abkommen, die Inseln wurden zur Sackgasse. «Die Flüchtlingskrise ist ein grosses Problem für alle Länder», sagt Danou, «wir versuchen unser Bestes.»

Danou sagt, man verstärke jetzt den Zaun um das Lager, Bauern hätten Angst um ihre Olivenernte. Das Camp liegt inmitten von Feldern, 20 Autominuten entfernt von der Inselhauptstadt. Das Eingangstor ist nicht verschlossen, aber Wachleute kontrollieren Ein- und Ausgang. Ausser den Mitarbeitern mehrerer NGOs darf niemand rein.

Weil die Container nicht reichen und das Gerichtsurteil es verbietet, mehr aufzustellen, ist fast jeder freie Platz auf dem Gelände mit Zeltplanen überspannt, dazwischen Säcke, Stoffstücke, für ein bisschen Privatheit. Die Sommerhitze lässt die Luft flirren. Aus einer Zeltgasse stürzt ein Mann auf eine Helferin zu, schreit auf Englisch: «Give me a room.» Die Helferin geht weiter, sagt nichts. Sie heisst Maria, ist Griechin, will Geografie studieren: «Hier kannst du nur arbeiten, wenn du dich daran gewöhnt hast», sagt sie. Sie erzählt von der Schule für Kinder im Camp und davon, dass man etwa 60 unbegleitete Jugendliche nun in einem «geschützten Bereich» im Lager unterbringen konnte. Darauf ist sie ein bisschen stolz.

Ohne Freiwillige läuft nichts

Ein Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, sitzt im Staub vor einem Zelt, reibt mit Sand einen leeren Joghurtbecher aus. Kochen ist nicht erlaubt im Camp, das Essen wird angeliefert. Vial wurde wie alle Hotspots vom Militär eingerichtet. Vielleicht wirkt das Camp deshalb, als wäre es in einem Kriegsgebiet gerade erst gebaut worden. Migrationsminister Dimitris Vitsas hat jüngst gesagt, bis Jahresende wolle er die Zuständigkeit vom Militär übernehmen. Er versprach eine enge Zusammenarbeit mit internationalen Akteuren, lokalen Gemeinden und den NGOs.

Ohne die Mithilfe der Freiwilligen würde es in Vial noch viel schlimmer aussehen. «Für die Unterstützung sind wir dankbar», sagt Direktorin Danou. Trotzdem trifft man die NGO-Vertreter lieber ausserhalb des Camps, in einem Café in Chios-Stadt. Eine Ärztin sagt, «wenn die Menschen verstehen, dass sie in diesem Camp feststecken, dann sind viele verzweifelt, haben Panikattacken». Einige sagten dann auch: «Ich würde am liebsten zurückkehren.» Ein Helfer sagt, Migranten, die auf Chios ankämen, wüssten oft gar nicht, wo sie gelandet seien. «Es gibt tausend Gerüchte, und viele denken, sie müssten nur zwei Tage hier bleiben.» Kein Schmuggler würde den Flüchtlingen sagen, dass sie von der Insel nicht mehr wegkämen.

Auch Lesbos ist überfüllt

Noch schwieriger als in Chios ist die Lage auf Lesbos. Das Lager Moria ist notorisch überfüllt, 7470 Menschen sind dort zurzeit untergebracht, auf offiziell 3100 Plätzen. Die Spannungen sind hoch, es gibt Auseinandersetzungen unter den Migranten, aber auch mit Inselbewohnern. Jüngst schoss ein 78-jähriger Grieche auf einen 16-jährigen Syrer und verletzte ihn schwer.

Der Migrationsminister will die Asylverfahren auf den Inseln bald auf drei bis vier Monate verkürzen. Auch die zweite Instanz soll schneller arbeiten, und dann sollen auch Flüchtlinge in die Türkei zurück. In der täglichen Tabelle des Ministeriums steht in der Spalte der Rückkehrer in die Türkei meist eine Null.

Erstellt: 30.07.2018, 20:57 Uhr

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