«Die Tore in der Mauer stehen weit offen»

Die Nachricht des ARD-Sprechers vom 9. November 1989 traf Deutschland ins Mark. Auftakt zur Serie «30 Jahre Mauerfall».

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Die Nachricht kam überraschend. Hanns Joachim Friedrichs, silberhaariger Moderator der westdeutschen ARD, eröffnete an diesem Tag die Nachrichtensendung «Tagesthemen» um 22:42 Uhr so: «Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten; sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.»

Er verkündete in Westdeutschland die Nachricht vom Mauerfall: ARD-Sprecher Hanns Joachim Friedrichs. Foto: Getty

In der Deutschen Demokratischen Republik wie überall in Osteuropa haben im Herbst 1989 die Bürgerinnen und Bürger für Freiheit und Demokratie demonstriert. Und gegen die kommunistische Diktatur: «Wir sind das Volk», riefen sie in Leipzig, Ostberlin oder Magdeburg. Doch dass die Mauer fallen würde, war undenkbar. 28 Jahre lang, seit 1961, hatte sie Berlin in Ost und West geteilt, die Mauer war Brennpunkt und Symbol des Kalten Kriegs.

Ihr Fall markierte deshalb dessen Ende. Für die Generationen, die diesen ungewöhnlich friedlichen Epochenbruch miterlebt haben, gibt es ein Davor und ein Danach: Das geteilte Deutschland wurde wieder vereinigt, der Ostblock löste sich auf, die Supermacht Sowjetunion implodierte. Das Zeitalter der Extreme mit zwei Weltkriegen und dem Kalten Krieg, mit Ideologien, die unvereinbar waren, und mit der permanenten Gefahr der nuklearen Vernichtung, schien überwunden.

Ernüchterung und Enttäuschung

Schien, denn auf die Euphorie von 1989 folgten bald Ernüchterung und Enttäuschung. Heute suchen westliche Gesellschaften nach ihrer Identität, Globalisierung und Digitalisierung pulverisieren Gewissheiten, Migration und Populismus fordern die Demokratien heraus; gleichzeitig lockt die autoritäre Versuchung mit scheinbar einfachen Lösungen. Inzwischen ist wieder die Rede von einem Kalten Krieg, diesmal zwischen dem Westen und Russland sowie mit China, dem neuen Giganten.

Deshalb blicken wir zurück auf die Wende von 1989. Nach der grafischen Einführung porträtieren wir vier Persönlichkeiten, die damals die Geschichte mitgestaltet haben: eine ostdeutsche Bürgerrechtlerin, einen Doppelagenten des KGB, den Stabschef des damaligen US-Präsidenten sowie den Architekten der deutschen Wiedervereinigung. Ein Historiker-Interview schliesst die sechsteilige Serie ab.

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Das geteilte Deutschland

Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs (USA, UdSSR, Grossbritannien und Frankreich) verwalteten ab 1945 Deutschland in vier Besatzungszonen, Berlin wurde in vier Sektoren aufgeteilt. 1949 schlossen sich die Westzonen zur Bundesrepublik Deutschland zusammen, aus der Ostzone wurde die DDR. Analog dazu wurde die ehemalige Reichshauptstadt in Ost- und Westberlin geteilt.

155 km lang ist die Berliner Mauer, 43 km an der innerstädtischen Grenze, 112 km zwischen Westberlin und der DDR. Stacheldraht, Minenfelder, 302 Beobachtungstürme und 259 Hundelaufanlagen verstärken die Grenzanlage. Die Mauer selbst ist 3,6 Meter hoch.

1378 km lang ist die innerdeutsche Grenze zwischen der DDR und der BRD. Sie wurde bereits vor dem Bau der Mauer abgeriegelt, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen.

3,8 Millionen Ostdeutsche haben die DDR von 1949 bis 1961 verlassen, viele illegal und unter grosser Gefahr. Nach dem Bau der Mauer endet die Massenflucht.

Zirka 200 Personen wurden bei Fluchtversuchen an der Mauer getötet. Die genaue Zahl ist nicht bekannt.

7 Strassenübergänge gab es zwischen West- und Ostberlin. Der berühmteste war Checkpoint Charlie. Zudem war Ostberlin per S-Bahn, U-Bahn und Fernverkehr erreichbar via Bahnhof Friedrichstrasse.

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Vom Mauerbau zum Ende des Kalten Krieges

13. August 1961
Bau der Berliner Mauer: Das ostdeutsche Regime sperrt mit sowjetischer Unterstützung die drei West-Sektoren definitiv ab, die Stadt ist in Ost- und Westberlin geteilt. Zuvor waren bis zu 500 DDR-Bürger pro Tag nach Westberlin geflohen.

26. Juni 1963
«Ich bin ein Berliner»: US-Präsident John F. Kennedy besucht Westberlin und verspricht, die Stadt notfalls militärisch zu verteidigen.

11. März 1985
Machtwechsel in der Sowjetunion: Der 54-jährige Michail Gorbatschow wird zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei ernannt.

12. Juni 1987
Ronald Reagan in Berlin: «Herr Gorbatschow, reissen Sie diese Mauer ein», sagt der US-Präsident am Brandenburger Tor.

11. September 1989
Ungarn öffnet den Eisernen Vorhang: Zehntausende DDR-Bürger reisen via ungarische Westgrenze in die Bundesrepublik aus.

9. Oktober 1989
Entscheidung in Leipzig: 70'000 Ostdeutsche protestieren bei der bisher grössten Montagsdemonstration gegen das Regime. Stasi, Polizei und Armee stehen bereit, der Einsatzbefehl bleibt aus.

9. November 1989
Fall der Mauer: Die DDR-Führung erlaubt ihren Bürgern die Ausreise. Tausende strömen zu den Berliner Grenzübergängen, jener an der Bornholmer Strasse öffnet zuerst. Bis Mitternacht sind alle offen.

3. Oktober 1990
Deutsche Wiedervereinigung: Die ostdeutsche DDR tritt der westdeutschen BRD bei. Die Bundesrepublik Deutschland bleibt Mitglied der Nato und der EU.

25. Dezember 1991
Ende des Kalten Kriegs: Die Sowjetunion löst sich in 15 Nachfolgestaaten auf. Russland übernimmt die Atomwaffen und den permanenten Sitz im UNO-Sicherheitsrat.

Grafiken: Klaudia Meisterhans. Texte: Christof Münger. Quelle: berlin.de/Berliner Mauerarchiv


30 Jahre Mauerfall – Serie zur Wende von 1989


Erstellt: 28.10.2019, 23:08 Uhr

30 Jahre nach dem Mauerfall

Noch immer starke Ost-West-Unterschiede

Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer gibt es in Deutschland noch immer beträchtliche Unterschiede zwischen Ost und West. Nicht nur das wirtschaftliche Gefälle in Europas grösster Volkswirtschaft, sondern auch Mentalitätsunterschiede wirken sich auf das Wahlverhalten der Bürger aus.

Zwar hat der ehemals kommunistisch regierte Teil Deutschlands Förderung in Billionenhöhe erhalten, die diese Unterschiede etwas abgemildert hat. Dennoch stagniert das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf im Osten seit Jahren bei rund 70 Prozent des Westniveaus. Die Arbeitslosenquote ist immer noch höher als im Westen. Kein einziger Dax-Konzern hat seinen Sitz im Gebiet der ehemaligen DDR.

Seit dem Mauerfall am 9. November 1989 sind mehr als zwei Millionen Menschen auf der Suche nach besseren beruflichen Chancen in den Westen gezogen. Zwar ist die Abwanderung seit 2017 gestoppt, doch heute lebt im dünn besiedelten Osten nur noch etwa ein Sechstel der deutschen Gesamtbevölkerung. Wegen des Wegzugs so vieler junger Menschen altert der Osten schneller als der Westen.

Ostdeutsche Identität

Nach einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach verstärkt sich in Ostdeutschland das Gefühl, abgehängt zu sein. In Westdeutschland wird die Lage im Osten demnach viel positiver gesehen als von den Ostdeutschen selber.

Laut der Studie hat sich ein spezifisches ostdeutsches Identitätsgefühl verfestigt: Während sich 71 Prozent der Westdeutschen in erster Linie als Deutsche und nicht als Westdeutsche sehen, identifizieren sich viele Ostdeutsche nach wie vor mit ihrem früheren Staatsgebiet. 44 Prozent sehen sich in erster Linie als Deutsche, 47 Prozent aber als Ostdeutsche. (sda)

Videos zum Berliner Mauerfall

Günter Schabowski, Sprecher des SED-Politbüros, verkündet am Abend des 9. November 1989 die Reisefreiheit für DDR-Bürger. Quelle: Youtube/Deutsche Welle

Die Öffnung der Berliner Mauer an der Bornholmer Strasse. Quelle: Youtube/Tymachos

Die Nacht des Mauerfalls an verschiedenen Grenzübergängen in Berlin. Quelle: Youtube/Berlin Channel

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