Die Helfer brauchen selber Hilfe

Zehntausende Freiwillige engagieren sich in Deutschland für Flüchtlinge. Aber die Bürokratie erschwert ihre Arbeit – und Fremdenhasser attackieren sie immer rabiater.

Die Scheune des Ehepaar Lohmeyer im mecklenburgischen Dorf Jamel steht in Flammen. Foto: Horst Lohmeyer (Keystone)

Die Scheune des Ehepaar Lohmeyer im mecklenburgischen Dorf Jamel steht in Flammen. Foto: Horst Lohmeyer (Keystone)

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Jamel ist ein winziger Flecken im hügeligen Nordwesten von Mecklenburg, zur Ostsee ist es nur ein ausgedehnter Spaziergang. Eine Strasse, zehn Häuser, 35 Einwohner. In sieben von zehn Häusern leben Neonazis, regelmässig kommen Dutzende weitere zu Besuch. Jamel ist sozusagen eine nationalsozialistische Mustersiedlung. «National befreite Zone», wie die Rechtsextremen selber sagen. Doch in einem der zehn Häuser, dem sogenannten Forsthaus, wohnt ein Ehepaar, das ihnen Widerstand leistet: Das sind die Lohmeyers. Die Frau mit den leuchtend roten Haaren und der Mann mit den grellbunten Hemden legen sich gegen Rassismus ins Zeug und organisieren einmal im Jahr ein anti-faschistisches Musikfestival namens «Jamel rockt den Förster».

Seit sie 2004 von Hamburg in die mecklenburgische Pampa ausgewandert sind, werden die Krimiautorin Birgit und der Musiker Horst Lohmeyer von den Neonazis angefeindet. Einmal lag eine tote Ratte im Briefkasten, ein andermal war ein Autoreifen aufgeschlitzt oder ein Baum auf ihrem Grundstück angesägt. Letzte Woche folgte die nächste Stufe der Gewalttätigkeit: Unbekannte fackelten mittels Brandbeschleuniger eine leer stehende Scheune neben ihrem Wohnhaus ab. Niemand kam zu Schaden, dennoch war der Schrecken gross. Die Lohmeyers aber, die schon mehrfach für ihre Zivilcourage ausgezeichnet worden sind, bleiben unbeugsam. «Wir denken nicht daran wegzugehen», sagte Birgit Lohmeyer zur «Süddeutschen Zeitung». «Erst brannten die Asylunterkünfte, jetzt brennen die Häuser der engagierten Bürger. Wir sind mit unserem Engagement hier in Jamel genau am richtigen Ort.»

Kapituliert vor dem Hass

Am richtigen Ort sind auch andere, aber irgendwann geben sie dennoch auf, zermürbt und verbittert. Unter dem Titel «eine Kapitulationserklärung» begründete kürzlich der bekannte Strafverteidiger und Kolumnist Heinrich Schmitz, warum er sich die Hassmails der Rechtsextremen, die ihn und seine Familie mit dem Tod bedrohen, nicht mehr antue. «Ich bin jetzt auch ein besorgter Bürger. Ich sorge mich um die Sicherheit meiner Frau und meiner Kinder. Und ich bin nicht mehr bekloppt genug, diese Sicherheit für etwas zu riskieren, was ­ohnehin nur einen sehr begrenzten Teil der Bevölkerung erreicht.»

Weitgehend unbeachtet von der Berichterstattung der internationalen Medien, engagieren sich in Deutschland mittlerweile Zehntausende Freiwillige für Flüchtlinge. Und sie werden immer mehr, einzelne Kommentatoren sprechen schon von einer Bürgerbewegung. Nach einer Studie der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Oxford hat die Zahl der freiwilligen Helfer in den letzten Jahren um 70 Prozent zugenommen. Auf private Initiative nehmen sie Flüchtlinge in ihren Wohnungen auf, begleiten sie zu Terminen bei Behörden, lehren sie Deutsch, schenken ihren Kindern Spielzeug. Die Engagierten kommen aus allen Schichten. Überdurchschnittlich oft sind sie jedoch sehr gut gebildet und weiblich. Sehr jung oder schon ziemlich alt.

Ein ziemlich Alter, der sich engagiert und dafür auch regelmässig beschimpft und sogar mit dem Tod bedroht wird, ist Martin Patzelt, der ehemalige Oberbürgermeister von Frankfurt an der Oder. Der 68-jährige Bundestagsabgeordnete der CDU strahlt die Ruhe und Weisheit eines reifen Menschen aus, dem man seine politische Herkunft aus der kirchlichen Bürgerrechtsbewegung der DDR anhört, sobald er den Mund öffnet. «Vor einem Jahr habe ich zur allgemeinen Konsternation meiner Partei öffentlich vorgeschlagen, dass Private Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen könnten, um das Elend der Massenaufnahmestellen zu lindern.» Er sei doch verrückt geworden, meinten selbst enge Freunde.

Die Hetzer fühlen sich sicher

Doch Patzelt liess den Worten Taten folgen und nahm selbst zwei junge Eritreer in seinem Haus auf. Sogleich begann es mit den Drohungen und Hassmails. «Dich sollte man mit dem Flammenwerfer ausrösten wie einen Kanaken», schrieb ein Fremdenhasser. Die Bundeskriminalpolizei bot Patzelt Personenschutz an. Dieser verzichtete, weil er sich nicht wirklich bedroht fühlt.

Beschimpft und beleidigt werden auch Vereine, die sich engagieren. Mareike Geiling hat die Internetplattform «Flüchtlinge willkommen» mit aufgebaut. Über die Plattform werden Zimmer in Wohngemeinschaften und bei älteren Leuten an Asylbewerber vermittelt, die nicht mehr in Heimen wohnen wollen. «An die Beschimpfungen habe ich mich gewöhnt», sagt die 28-jährige Religionswissenschaftlerin. «Aber in den letzten zwei, drei Wochen ist der Ton nochmals deutlich rauer geworden.» Zu denken gibt ihr, dass die Fremdenhasser immer seltener anonym und immer häufiger unter vollständigem Namen und Adresse hetzen. Ein Zeichen dafür, dass diese sich mittlerweile sicher fühlen und keinen Grund mehr sehen, sich zu verstecken. Zum ersten Mal hat sich Geiling nun auch überlegt, in einem Fall Anzeige zu erstatten.

Franziska Hartmann und Emily Kuck koordinieren das Projekt Arrivo in Berlin, das Asylbewerbern nicht Wohnungen, sondern Ausbildungsplätze verschafft. Auch sie sind Hassmails gewohnt. Was sie aber noch mehr nervt als die üble Post, sind die Behörden, die ihnen, anstatt zu helfen, «Steine in den Weg legen, wo immer sie können».

«Abstruse» Auflagen

Die private Unterbringung käme den Staat billiger zu stehen als ein Platz in einem Asylbewerberheim. Dennoch überziehen die Verwaltungen die freiwilligen Helfer mit «abstrusen» bürokratischen Auflagen, die viele abschrecken, wie Geiling sagt. Hartmann und Kuck haben dieselbe Erfahrung gemacht. Asylbewerber, die eine Lehrstelle finden, kosten den Staat fast nichts mehr, weil sie mit ihrem kleinen Lohn grösstenteils für sich selber aufkommen und sogar noch Steuern zahlen. Ausländerrechtlich bewegen sich die Flüchtlinge und ihre Helfer damit aber in einer Grauzone, und weil das so ist, müssen sie für jede Bewilligung während Wochen, manchmal Monaten kämpfen.

«Der Staat, der mit Hunderttausenden von Flüchtlingen konfrontiert ist, tut, was er kann», relativiert Patzelt, der Bundestagsabgeordnete und Ex-Bürgermeister. Seine Strukturen seien aber zwangsläufig schwerfällig, die Beamten mitunter wenig motiviert und über die ständig wechselnden Gesetzeslagen ungenügend informiert. «Wir sollten nicht vergessen, dass wir als private Helfer Pioniere sind. Da bewegt man sich halt erst einmal in unwegsamem Gelände, bevor der Weg angenehmer wird.»

Helfen beim beschwerlichen Gang tun die Hunderte von unterstützenden Reaktionen, welche die freiwilligen Helfer nebst all den beleidigenden Zuschriften auch erhalten. Das Ehepaar Lohmeyer aus Jamel wurde nach dem Brandanschlag regelrecht mit Hilfe überschwemmt: «Wir sind gerührt über die Flut der Solidarität, die uns derzeit erreicht. Sie gibt uns das Gefühl, Deutschland stehe hinter uns. Die Brandstifter haben eine Welle losgetreten, die nun auf sie zurückschwappt.» Bevor jedoch das Zurückschwappen im Alltag hilft, erhalten die Lohmeyers nun doch noch Polizeischutz.

Erstellt: 16.08.2015, 23:03 Uhr

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