Die IS-Fanatiker zu lange ignoriert

Die Türkei hat den Kampf gegen den IS hintertrieben. Mit dem Anschlag in Suruc ist diese Politik gescheitert.

Angehörige von Anschlagsopfern trauern in Suruc. Foto: Reuters

Angehörige von Anschlagsopfern trauern in Suruc. Foto: Reuters

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Der Anschlag von Suruç trifft die Türkei ins Herz. Mindestens 32 junge Männer und Frauen kamen ums Leben, als am Montag der Terror über die kleine Stadt kam, die nur wenige Kilometer entfernt von der syrischen Grenze liegt. Eine Bombe riss die Männer und Frauen einer sozialistischen Jugendbewegung in den Tod. Sie waren aus den grossen Städten des Landes gekommen, um in ihren Sommerferien ein gutes Werk zu vollbringen. Sie wollten helfen, die syrische Stadt Kobane wieder aufzubauen, nachdem kurdische Kämpfer sie den Milizen des Islamischen Staates (IS) entrissen hatten.

Kobane war zum Symbol dafür geworden, dass der Kampf gegen die Schlächter vom IS zu gewinnen ist, wenn er entschlossen geführt wird. Die Grenzstadt Suruç droht jetzt zum Symbol dafür zu werden, was passiert, wenn es an dieser Entschlossenheit fehlt. Noch ist die brutale Tat nicht aufgeklärt. Die Türkei vermutet die Attentäter in den Reihen der IS-Terrormiliz. Dafür spricht einiges. Sollte sich der Verdacht erhärten, führt der Akt auf schmerzhafte Weise der Türkei vor Augen, dass ihre Syrienpolitik auf ganzer Linie gescheitert ist.

Die durchlässige Grenze

Der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat den IS lange nicht als wirkliche Bedrohung für sein Land wahrgenommen. Für Regierungschef Ahmet Davutoglu waren die Kämpfer des Islamischen Staates anfangs bloss wütende Menschen. Auch dann noch, als der menschenverachtende Fanatismus dieser Islamisten die Weltöffentlichkeit schockierte, war die Politik der Türkei von Verharmlosung geprägt. Den Kampf der internationalen Allianz gegen den IS hat Ankara nicht nur halbherzig unterstützt, sie hat ihn sogar hintertrieben: Dem Terrortourismus leistete die Türkei Vorschub, indem sie ihre Grenze lange Zeit für Kämpfer durchlässig hielt.

Bis heute hat sich daran wenig geändert. Und bis heute konnte die Regierung den Verdacht nicht ausräumen, dass in Geheimdienstoperationen auch IS-Kämpfer jenseits der Grenze mit Waffen und Medikamenten versorgt worden sind. Unerträglich, wenn man bedenkt, dass persönliche Enttäuschung das Motiv dafür sein dürfte: Seitdem Erdogan die Türkei anführt, soll das Land zur Regionalmacht aufsteigen. Syrien sollte als Tor zur arabischen Welt dienen. An diesem Land wollte die Türkei ihr neues Rollenverständnis demonstrieren.

Aber es kam anders. Anfangs biederte sich die Türkei regelrecht an. Aber Syriens Präsident Bashar al-Assad war auch auf Drängen Ankaras nicht zu Reformen zu bewegen. Er stürzte stattdessen Syrien in den Bürgerkrieg und liess die ehrgeizigen Pläne in Ankara Makulatur werden. Erdogan war bald wie besessen von der Idee, Assad zu stürzen. Das war wichtig für ihn – und nicht, den Vormarsch des IS zu stoppen.

Angst vor dem Kurdenstaat

Der grösste Feind ist immer ein anderer – nur nicht der Islamische Staat. Gerade erst hat die Regierung die Truppen an der Grenze zu Syrien verstärkt. Über einen Einmarsch wurde spekuliert. Ein Kurswechsel? Mitnichten. Die Regierung fürchtet das Erstarken der Kurden, die grosse Teile Nordsyriens unter Kontrolle gebracht haben und auch in der Türkei nach Unabhängigkeit streben könnten, mehr als den IS. Dafür rüstet sich Ankara.

Erdogan will nicht wahrhaben, dass die Kurden im Kampf gegen den IS der Schlüssel sind. Das gilt gerade für seine Türkei. Die Gewalt gegen die Kurden und die zögerliche Haltung der Regierung treiben einen Keil immer tiefer in die türkische Gesellschaft. Der türkische Staatschef wird nur gemeinsam mit den Kurden Erfolg haben – im Kampf gegen den IS und in seinem Land.

Erstellt: 21.07.2015, 23:01 Uhr

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