Die Jahrhunderthülle

Eine gigantische Schutzkonstruktion wurde über den Unglücksreaktor in Tschernobyl geschoben. Das Megaprojekt ist noch lange nicht fertig.

Soll 30 Jahre nach dem Supergau die Strahlendosen verringern: Die Schutzhülle um den Katastrophenreaktor 4.

Soll 30 Jahre nach dem Supergau die Strahlendosen verringern: Die Schutzhülle um den Katastrophenreaktor 4. Bild: Gleb Garanich/Reuters

Es ist 110 Meter hoch, 257 Meter breit und 165 Meter lang. Das silberne Stahlgewölbe verbirgt die düstere AKW-Ruine von Tschernobyl unter sich, um zu verhindern, dass weiterhin radioaktive Strahlen entweichen. Die neue Hightech-Schutzhülle für den Katastrophenreaktor 4 war in den letzten zwei Wochen mit einem Schiebsystem aus Teflonschienen und hydraulischen Winden in Schüben von 60 Zentimetern ihrem Ziel entgegengeschoben worden.

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Der neue Sarkophag wurde in einer Entfernung vom havarierten Kernkraftwerk gebaut, die geringe Strahlendosen garantiert. Sie betrugen auf dem Bau­gelände 0,02 bis 0,4 Millisievert pro Stunde. Zum Vergleich: Der Grenzwert für die effektive Dosis pro Jahr für beruflich strahlenexponierte Personen liegt bei 20 Millisievert.

«Die grösste je gebaute mobile Konstruktion auf Erden», wie die ukrainischen Medien jubelten, bewegte sich in einer Geschwindigkeit von 10 Metern pro Stunde. Rund 36'000 Tonnen schwer ist das New Safe Confinement (NSC), wie die doppelwandige Konstruktion aus Beton und Stahl im Fachjargon heisst. Unter dem riesigen, glitzernden Mantel in Bogenform hätte die Pariser Kathedrale Notre-Dame Platz.

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Seit dieser Woche umhüllt das NSC den brüchigen Betonsarkophag, der wenige Monate nach der Havarie vom 26. April 1986 eiligst errichtet worden war. Die bisherige Schutzhülle für das ukrainische Katastrophen-AKW hat noch eine Bewilligung bis 2023. Sie gilt aber schon lange als marode, ein hermetisch abgeschlossenes Bauwerk war sie nie. So ist sie ein Sicherheits­risiko, da sie jederzeit einstürzen kann. Experten vermuten in dem explodierten Reaktor noch etwa 200 Tonnen Uran, dessen Radioaktivität für Menschen tödlich ist.

2,1 Milliarden Kosten

Der neue Sarkophag soll nun für die nächsten 100 Jahre die Umgebung vor Radioaktivität und die Reaktorruine vor Umwelteinflüssen wie Nässe schützen. Denn das Stahlgerüst darf nicht zu früh rosten – das würde die Sicherheit beeinträchtigen. Nach Angaben der Ingenieure des französischen Konsortiums Novarka soll das NSC auch Erdbeben bis zu einer Stärke von 6 sowie Tornados aushalten können, wobei beides in der Region von Tschernobyl eher unwahrscheinliche Ereignisse sind. Noch sind nicht alle Arbeiten abgeschlossen. Erst im November 2017 wird das NSC den alten Sarkophag hermetisch und sicher verpacken.

So wurde in Tschernobyl die neue 36'000 Tonnen schwere Schutzhülle über den Unglücksreaktor geschoben.

Dennoch: Die Übergabe des technischen Meisterwerks ist schon diese Woche mit einer Zeremonie gefeiert worden. «Das ist der Anfang vom Ende des 30-jährigen Kampfes gegen die Folgen der Katastrophe», sagte der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak. Von einem «historischen Tag» sprach Suma Chakrabarti, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Die EBRD verwaltete den 1997 gegründeten Chernobyl Shelter Fund (CSF), aus dem die Kosten für den Bau des 1,5 Milliarden Euro teuren Sarkophags gedeckt worden sind. Am CSF beteiligten sich 40 Staaten, darunter die Schweiz mit 9,3 Millionen Euro. Grosszügige Geldgeber waren die EU, die USA, Frankreich und Deutschland. Die EBRD selber leistete substanzielle Beiträge. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf 2,1 Milliarden Euro.

«Provisorium für 100 Jahre»

«Ja, wir haben es geschafft», frohlockte auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Die Freude über den neuen Sarkophag kann aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Folgen der AKW-Katastrophe noch lange nicht bewältigt sind. Experten betonen, dass der entscheidende Teil der Sanierung erst bevorsteht. Bereits in seinem Bericht «Tschernobyl: 30 Jahre danach» hatte Greenpeace darauf hingewiesen, dass «eine langfristige Abwendung der Gefahr, die vom havarierten Reaktorblock ausgeht, durch die neue Schutzhülle nicht erreicht wird». Es sei nicht mehr und nicht weniger als eine Zwischenlösung, ein Provisorium für 100 Jahre, meint Tobias Münchmeyer, AKW-Experte von Greenpeace Deutschland. Bis 2017 müsse noch sehr viel gemacht werden. «Der Atommüll unter der alten Hülle muss zuerst geborgen, danach zwischengelagert und irgendwann auch irgendwo endgelagert werden.»

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Trotz der neuen Schutzhülle sei der Wettlauf gegen die Zeit nicht gewonnen, sagt Münchmeyer weiter. Weil der nach dem Super-GAU von 1986 errichtete Sarkophag einzustürzen drohe. Der Rückbau des Kernkraftwerks müsse so rasch wie möglich in Angriff genommen werden. «Wenn die alte Hülle zusammenbricht, wird es ungleich komplizierter, teurer und gefährlicher, den Atommüll zu bergen.»

Alte Hülle noch nicht gesichert

In den kommenden Jahrzehnten wollen Experten mit ferngesteuerten Baumaschinen den alten Sarkophag und den restlichen Brennstoff unter der Stahl­glocke abbauen. Wie das geschehen soll, ist offen. «Wir müssen den Plan mit unseren Partnern entwickeln», sagte der ukrainische Umweltminister Semerak. Ein weiteres Problem ist die Finanzierung. Semerak schätzt die Betriebskosten auf jährlich Dutzende Millionen Euro. Woher die von einer Wirtschaftskrise und einem Krieg gegen Separatisten ausgezehrte Ukraine das Geld nehmen soll, ist nicht restlos geklärt. Immerhin sagte die EU der Ukraine weitere Unterstützung zu. Brüssel soll bereits rund 750 Millionen Euro für Tschernobyl-Projekte bereitgestellt haben.

Die grosse Utopie der ukrainischen Regierung ist es, Tschernobyl in einen «ökologisch sicheren Zustand» überzuführen. Bei der Einweihung des neuen Sarkophags äusserte Umweltminister Semerak die Hoffnung, dass in naher Zukunft eine grosse Fläche des verlassenen Territoriums rund um Tschernobyl zu einem Zentrum für erneuerbare Energien wird. Die Ukraine produziert derzeit die Hälfte ihres Stroms an vier AKW-Standorten mit 15 Reaktoren sowjetischer Bauart. Die ukrainische und die russische Atomwirtschaft sind eng miteinander verflochten. In der Energiepolitik will die Ukraine die Abhängigkeit von Russland verringern. Wegen des Konflikts mit Russland ist in der Ukraine ein eigenes Endlagerkonzept zum Thema geworden.

Der Entsorgungsplan in Tschernobyl ist jedoch mit der Schutzhülle noch nicht abgeschlossen. Rund 25'000 Brennelemente der Blöcke 1 bis 3 befinden sich derzeit in Abklingbecken. Sie sollen künftig in einem Trockenlager zwischengelagert werden. Flüssige Betriebsabfälle, die bisher in Tanks deponiert waren, werden zementiert und in Stahlfässer abgefüllt. Bedeutend ist laut der Deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) aber auch, mehr über die radiologische Situation innerhalb der 30-Kilometer-Schutzzone zu erfahren: Dort gibt es etwa 800 lokale Deponien mit radioaktivem Abfall.

Bei der Explosion des Reaktorblocks 4 im AKW Tschernobyl waren am 26. April 1986 mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen. Es folgte eine Kernschmelze, die Millionen Menschen einer gefährlichen Dosis radioaktiver Strahlung aussetzte. Hunderte Orte wurden geräumt und sind bis heute unbewohnbar. Die radioaktive Wolke breitete sich bis nach Westeuropa aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2016, 21:46 Uhr

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