Italiens neue Lust auf Abenteuer

Im Römer Hauptbahnhof Termini widerlegen junge Start-upper den Fatalismus des Stillstands – mit Ideen, die gut zu Italien passen.

Ein grosser pulsierender Brutkasten, mitten in Rom: Jungunternehmer besprechen bei Luiss Enlabs ihre Ideen. Foto: Luigi Narici (AGF)

Ein grosser pulsierender Brutkasten, mitten in Rom: Jungunternehmer besprechen bei Luiss Enlabs ihre Ideen. Foto: Luigi Narici (AGF)

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Manchmal riecht die Zukunft nach Kaffee aus einem Automaten, selbst in Italien. Schnell gebrüht, gar nicht schlecht. Unten, man hört sie nicht, fahren die Züge in die Stazione Termini, Roms bewegten Hauptbahnhof. Der Ort ist eine Metapher für sich, ein Sackbahnhof. Doch oben, im zweiten Stock des massiven Flügelbaus, in einer Bürohalle mit viel Licht und Glas hoch über Gleis 24, entwerfen junge Menschen mit Com­putern auf den Knien und den Füssen auf den Tischen Wege in die Welt. Sie ­er­zählen von ihren Reisen: London, ­Madrid, Berlin, San Francisco.

Sie reden so, wie man überall dort ­redet, wo schnell gedacht wird, wo jede Idee einen Slogan haben muss. Es ist ein Italienisch voller Entlehnungen aus dem Englischen: «Founder» für Gründer, «Field» für Geschäftsfeld. «Worldwide», wird Alessandro Rossi in seinem Redeschwall gleich sagen, einer der Gründer von CoContest, einem sozialen Netzwerk für Innendesigner. Sein «o» ist kein «ö», sein «r» gerollt. Rossi ist 28, er kommt gerade zurück aus dem Silicon Valley, drei Monate war er da. «Sehr ­dynamisch», sagt er, «wenn dus dort schaffst, schaffst dus überall. Aber leben möchte ich viel lieber hier, im lang­samen Rom.» Von wegen Braindrain. Er lacht, nur kurz, keine Zeit. «Ciao!»

Findige Leute ohne Kapital

Willkommen bei Luiss Enlabs, einem ­Inkubator für Start-ups, einem Brut­kasten für Jungunternehmer der digi­talen Welt, für findige Köpfe ohne Kapital, für Kämpfer wider den Fatalismus. So also, mit einer Anlehnung an die ­klassische Geburtshilfe, nennen sie das in der Branche. Inkubatoren gibt es mittlerweile an vielen Orten. Doch dass es einen so grossen, pulsierenden, blühenden Brutkasten ausgerechnet in Rom gibt, einer musealen Stadt mit schwie­rigem Verhältnis zur Moderne, ist eine kulturelle Sensation. Auch für die Römer selbst. Das Beispiel bricht mit dem Bild, das man sich im Ausland gemeinhin vom krisengeschüttelten Italien macht, gerade im südlicheren Teil des Landes mit seiner hohen Jugendarbeitslosigkeit, seinen trüben Statistiken, den vielen Geschichten aus der verlorenen Generation.

«Es klingt paradox», sagt Luigi ­Capello, Gründer und Seele der «Innovationsfabrik», wie er sie nennt, «doch die Krise hilft uns.» Keine andere Stadt Europas zähle mehr Studenten als Rom mit seinen 300'000, ein formidables Kapital kluger Köpfe – mit schlechten Aussichten auf feste Stellen. Da muss man agil sein, Alternativen suchen, Ideen generieren, sich seinen Job selber schaffen. «Nach acht Jahren tiefer Krise haben alle Lust auf Aufbruch und Abenteuer», sagt er, «auch die Investoren.»

Vor drei Jahren konnte er Luiss, die private Universität des italienischen Arbeitgeberverbands, für sein Projekt gewinnen. Die hat einen guten Ruf. Sie gab dem Unternehmen das nötige Re­nommee. Staatliche Gelder erhält der Inkubator nicht. «Ist auch besser so», sagt ­Capello, «der Staat würde sich nur einmischen.» Immerhin sorgte die linke Regierung von Premier Matteo Renzi dafür, dass Start-ups und Geldgeber beträchtliche Steuererleichterungen erhalten. Die Bürokratie wurde entschlackt. Es ist ein Beitrag zum guten Klima.

300 Jobs aus dem Nichts

Bei jeder neuen Ausschreibung von Luiss Enlabs bewerben sich jeweils mehrere Hundert Kandidaten um Aufnahme ins Programm. Der Platz ist knapp, die Selektion hart. Da lernt man das schnelle Reden. Pro Wettbewerb schafft es ein halbes Dutzend in den Brutkasten, 15 im Jahr. Capello stellt ihnen Berater zur Seite, gibt ihnen je 30'000 Euro in cash und 30'000 Euro in Dienstleistungen – «60 K», noch so ein Amerikanismus.

Nach der Brutzeit kommt die Brautschau, der Investor-Day. Da buhlen die neuen Firmen um das grosse Geld für die Umsetzung ihrer Ideen. Mal sind es 300'000, mal 400'000, mal 500'000 Euro. «Für die Versorgung aller Start-ups der ersten Staffel brauchten wir sechs Monate», sagt Capello. Das war vor drei Jahren, als das Misstrauen noch gross war. «Bei der jüngsten Staffel im letzten Juni reichte eine Stunde, und es floss erst noch viel mehr Geld.»

Das Konzept setzt sich also auch in Italien durch, der Kulturwandel scheint geschafft, zumindest über Gleis 24, in den süssen Schwaden überzuckerten Automatenkaffees. 300 Jobs konnten schon geschaffen werden, aus dem Nichts gewissermassen. Und wenn die Bürofläche bald von 2000 auf 10'000 Quadratmeter wächst, dann ist das Potenzial noch viel grösser.

In der Schlange – viel zu lange

Roberto Macina sitzt mit sechs Mitarbeitern eng auf eng in einem Glaskasten. Er war schon im Fernsehen mit seiner Idee, einer App fürs Smartphone. Qurami, so heisst sie, erspart dem Nutzer das lange Schlangestehen auf den Ämtern, eine alte italienische Plage. Dank Qurami kann man die Wartenummer auf Distanz ziehen, per Fernbedienung sozusagen, und erst dann hingehen, wenn man auch wirklich dran ist. «Banal, nicht?», sagt der Informatiker. Er kam darauf, nachdem er im Sekretariat seiner Uni eine Stunde auf ein Dokument hatte warten müssen. Die Idee liess ihn nicht mehr los.

Macina kündigte seine Anstellung bei Telecom Italia. Nach dem Studium hatte er dort einen befristeten, schlecht bezahlten Vertrag erhalten – «einen italienischen Vertrag», sagt er und verzieht das Gesicht zur Grimasse. Er wagte den Sprung in den Brutkasten. Zu Beginn waren sie zu dritt, nun sind sie 14. Die Stadtverwaltungen von Rom, Mailand und Florenz hängten sich bei Qurami an. Kürzlich schloss Macina Verträge in ­Spanien und England. «In Italien wächst der Markt der Start-ups gerade expo­nentiell», sagt er, «es entsteht ein Ökosystem. Aber natürlich: Im Vergleich zu Amerika und Grossbritannien begannen wir ja bei minus 10.» Bald soll Qurami auch die Wartezeiten beim Friseur und beim Zahnarzt melden können. Auch Macina lockt es nicht ins Ausland: «Ich würde immer in Rom leben wollen, wenn es irgendwie geht, mit dem Koffer für kleine Reisen in der Hand.»

Zwei Glasboxen weiter sitzen die Erfinder von WineOwine, einer Plattform für kleine Weinkellereien im verzwei­felten Wettlauf mit den Grossen. Eros Durante und sein Team aus Önologen, Designern und Marketingspezialisten testen Weine, gestalten die Etiketten der Flaschen, nähren das Storytelling mit schön geschriebenen Geschichten aus den Herkunftsregionen, mit Biografien der Winzer – und schlagen ihrer schnell wachsenden Community jede Woche einen Tropfen vor. Sogenannte Flash Sales, Blitzverkäufe.

WineOwine nimmt die Bestellungen auf, kauft dem Hersteller die Flaschen ab, verkauft sie weiter. Ohne Lager. Die erfolgreichsten Flaschen kommen in den permanenten Katalog. Die Grossen der Kleinen, nennt sie Durante. Die Idee entstand bei einem Essen mit viel Wein, in einem Dorf bei Chieti in den Abruzzen, wo Durante und sein Geschäftspartner, ein Jugendfreund, herkommen. «In Italien gibt es 380 000 Kellereien», sagt Durante, «der Markt ist satt, der Wett­bewerb scheinbar geschlossen.» Seine App öffnet ihn ein bisschen.

Schnell mal nach New York

Bei CoContest gelang das auf spektakuläre Weise. Kaum eine Berufsgattung litt mehr unter der Krise als jene der Architekten und Innendekorateure. Gebaut wurde wenig. Schönheit war Luxus, und Luxus konnte sich kaum jemand leisten. CoContest revolutionierte und demokratisierte den Kontakt zwischen Kunden, die ihr Daheim umgestalten wollen, und den Gestaltern. 25'000 Zeichner aus 90 Ländern registrierten sich auf der Plattform. Worldwide eben. Sie ­nehmen online an Ausschreibungen teil, reichen ihre Projekte ein. «Es kann ­vorkommen», sagt Alessandro Rossi, «dass ein junger italienischer Designer ohne grosses Studio im Rücken einen Auftrag für den Umbau eines Lofts in New York gewinnt und hinfährt.»

Junge Talente ausgebremst

Der Erfolg von CoContest gefällt nicht ­allen. Unlängst wurde die Firma für eine Befragung ins italienische Parlament ­zitiert. Der Kommission, erzählt Rossi belustigt, habe ein Abgeordneter vor­gesessen, der privat Architekt sei: «Der fürchtet wohl, dass er künftig kein ­Personal mehr findet, das für einen Hungerlohn für ihn arbeitet, die Eimer leert, den Kaffee bringt.» So werden Jugend und Talent gebremst, auch das ist eine italienische Plage. Oft schaffen es nur Leute mit Verbindungen und prominenten Empfehlungen. Leistung allein reicht selten. Die Aufstiegschancen von Architekten und Innendesignern sind besonders prekär. Ein italienischer ­Architekt, erzählt Rossi, verdiene im Durchschnitt jährlich 17'000 Euro. «Bei uns verdienen sie viel mehr, und sie können sich endlich einen Namen machen, ein Portfolio zusammenstellen, an ihrer Zukunft bauen.» Worldwide.

Die Welt der Architektur war ihm fremd, als Rossi mit seinen Partnern in den Inkubator von Luiss Enlabs stieg. Er hatte gerade sein Wirtschaftsstudium beendet, scheute die Ohnmacht der Leere, hatte Lust auf Bewegung. Nun träumt er, wie die meisten hier, von ­einem schönen «Exit», einem Millionenverkauf seiner Idee. Für neue Abenteuer, auf neuen «Fields». In Rom, ­ausgerechnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2015, 01:19 Uhr

Serie Jugendarbeitslosigkeit

Soziale Tragödie in Europa

Dies ist die letzte Folge der Serie, in der sich der «Tages-Anzeiger» dem Thema ­Jugendarbeitslosigkeit in Europa gewidmet hat. Dabei wurde dieses verheerende ­gesellschaftliche Problem, dessen Folgen uns noch jahrzehntelang beschäftigen dürften, aus der Perspektive verschiedener Länder geschildert und analysiert.
(ben)

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