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Die Madonna der Unbeugsamkeit tritt zur Seite

Sahra Wagenknecht war die populärste Politikerin der deutschen Linkspartei.Werden nun Koalitionen mit Sozialdemokraten und Grünen wahrscheinlicher?

MeinungDominique Eigenmann, Berlin
Sahra Wagenknecht erklärt vor der Presse ihren Rücktritt als Fraktionschefin der Linkspartei. Foto: Imago
Sahra Wagenknecht erklärt vor der Presse ihren Rücktritt als Fraktionschefin der Linkspartei. Foto: Imago

Als Sahra Wagenknecht am Sonntagabend in der Talkshow von Anne Will erzählte, wie der ständige Stress in der Politik sie ausgelaugt und krank gemacht habe, sah man ihr das – einmal mehr – nicht an. Sie wirkte eher gelöst als aufgelöst, rhetorisch brillant wie immer, die Haare apart hochgesteckt, distinguiert im gelben Kostüm, mit blitzenden Ohrringen. Der Widerspruch zwischen grossbürgerlicher Ausstrahlung und revolutionären Ansichten hat Wagenknechts Anhänger stets mindestens genauso fasziniert wie ihre Gegner. Als Madonna der Unbeugsamkeit war Sahra Wagenknecht eine Ikone. Eine Rosa Luxemburg der neuen Berliner Republik.

Die 49-Jährige sprach im Fernsehen bei Anne Will, weil sie Anfang der letzten Woche fast alles hingeschmissen hatte, was ihr in den vergangenen zwei Jahren politisch wichtig gewesen war: erst die Führungsrolle bei der von ihr gegründeten linken Sammlungsbewegung «Aufstehen», zwei Tage später ihr Amt als Fraktionschefin der Linkspartei im Bundestag. Nicht die Angriffe der Gegner, die Intrigen und Verleumdungen aus den eigenen Reihen hätten sie zermürbt, sagte Wagenknecht. Darüber, dass sie diesen Streit im eigenen Haus selbst angezettelt und unablässig geschürt hatte, sagte sie nichts.

Permanent im innerlinken Streit

Wagenknechts Ehemann, der 26 Jahre ältere Oskar Lafontaine, gilt als Altmeister in der Kunst, sich gegen die eigene Partei zu profilieren. Auf den Tag genau 20 Jahre vor seiner Frau hatte Lafontaine 1999 Knall auf Fall seine Ämter als Finanzminister unter Kanzler Gerhard Schröder und als Vorsitzender der SPD aufgegeben. Sechs Jahre später grün­dete er als SPD-Abtrünniger zusammen mit dem Ost­berliner Gregor Gysi die Linkspartei. Sahra Wagenknecht wiederum sprengte mit ihren dissidenten Meinungen und ihrer auf sie ausgerichteten ausserpartei­lichen Bewegung in den letzten Monaten fast die Linkspartei – darin mächtig angestachelt von Lafontaine.

Trotz des permanenten innerlinken Streits blieb Wagenknecht der einzige Star der Partei und deren wichtigstes Gesicht. Sie füllte mit ihren Reden die Hallen, verführte die «arbeitenden Massen» genauso wie die jungen urbanen Intellektuellen, die in der U-Bahn ihre Bücher studierten.

Mit ihrem national ausgerichteten Sozialismus verstiess die blitzgescheite Ökonomin gegen mehrere Tabus linker Politik in Deutschland: Die EU geisselte Wagenknecht als unrettbar neoliberale Verschwörung globalisierter Konzerne, vor der nur der nationale Sozialstaat Schutz biete. Asyl und Migration sah sie nicht als humanitäre Pflicht oder demografische Chance, sondern vorrangig als Bedrohung jener einheimischen Niedriglöhner, die am Ende mit den Einwanderern um die raren sozialen Ressourcen konkurrierten.

Er sehe «neue Perspektiven», sagte SPD-Vize Ralf Stegner, die ohne Wagenknecht eher möglich seien als mit ihr.

Aus Wagenknechts Sicht schützten die USA und das westliche Verteidigungsbündnis Nato nicht Deutschland, sondern zogen es vielmehr in neokolonialistische Kriege gegen arme Länder in aller Welt. Russland dagegen sah sie als unverzichtbaren Partner und verschmähten Freund, nicht als Gefahr. Vor allem mit der Kritik an EU und Flüchtlingspolitik widersprach sie nicht nur der linken Orthodoxie, sondern buhlte auch offen um Wähler der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland. Viele in der Linkspartei empfanden das als Verrat am humanitären und internationalistischen Erbe der Partei.

Sahra Wagenknecht ärgerte mit ihrem Eigensinn freilich nicht nur ihre eigene Partei, sondern schreckte auch mögliche Bündnispartner links der Mitte ab. Am grössten war die Allergie zwischen der Linkspolitikerin und der SPD – nicht nur wegen des «Verräters» Lafontaine, sondern auch wegen der ­scharfen Anti-SPD-Rhetorik Wagenknechts.

Eröffnet ihr Rückzug nun also politische Möglichkeiten, die vorher verschlossen waren? Er sehe tatsächlich «neue Perspektiven», sagte der linke SPD-Vize Ralf Stegner kürzlich, die ohne Wagenknecht eher möglich seien als mit ihr. Der alte Leitwolf des linken Flügels der Grünen, Jürgen Trittin, äusserte sich ähnlich. Die übrig bleibende Spitze der Linken – Dietmar Bartsch, Katja Kipping und Bernd Riexinger – hält Bündnisse mit SPD und Grünen schon länger für wünschenswert und möglich.

Die Grünen bewegen sich in die Mitte

Weniger linke Politiker bei SPD und Grünen sind vorsichtiger und nennen die pazifistische, EU-kritische und russlandfreundliche Aussenpolitik als Problem, das weiter bestehe, auch wenn Wagenknecht es nicht mehr verkörpere. Möglicherweise verlieren die Par­teien links der Mitte mit Sahra Wagenknecht auch nur eine Ausrede, warum es mit ihnen im Bund nie geklappt hat.

Während die SPD derzeit selber nach links schwenkt und sich den Sozialstaatsideen der Linken annähert, bewegen sich die Grünen eher Richtung bürgerliche Mitte. Diese gegenläufige Dynamik macht Bündnisse nicht wahrscheinlicher: Die SPD wird für die Linkspartei dadurch ein Konkurrent auf eigenem Boden, die Grünen ein eher fernstehender Partner.

Das wichtigste Hindernis für linke Machtträume ist auf absehbare Zeit ein anderes: Rot-Rot-Grün fehlt eine Mehrheit. Auf 41 bis 45 Prozent summieren sich in den neuesten Umfragen ihre Anteile. Stärkste Partei im Trio sind die Grünen, die doppelt so viele Wähler anziehen wie die Linke. Seit Wagenknechts Rückzug sind die Werte ihrer Partei um einen Prozentpunkt gesunken.

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