Die marinebraune Flutwelle

Marine Le Pen wird sicher nicht alles anders, aber dabei mit Sicherheit eine gute Figur machen. Das ist die Gefahr.

Als Regionalpräsidentin wird sie keine grossen Spielräume haben. Marine Le Pen nach ihrer Stimmabgabe in Henin-Beaumont. Foto: Pascal Rossignol (Reuters)

Als Regionalpräsidentin wird sie keine grossen Spielräume haben. Marine Le Pen nach ihrer Stimmabgabe in Henin-Beaumont. Foto: Pascal Rossignol (Reuters)

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Frankreich steht unter Schock. Erst die blutigen Attentate von Paris, drei Wochen später ein Rechtsruck, wie ihn das Land noch nicht erlebt hat. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Angst hat derzeit Konjunktur. Und Angst war immer schon ein schlechter Berater. Sie lässt jetzt eine Flutwelle durchs Land schwappen, die gern als marineblau bezeichnet wird. In Wahrheit ist sie braun.

Die Abschottung Frankreichs nach aussen, die Schliessung der Grenzen, die Rückkehr zum alten Franc, die nationale Rückbesinnung auf die eigene Identität, das waren schon vor Monaten Themen, die viele Franzosen angesprochen haben. Durch die Flüchtlingswelle des Sommers und die Terrorattacken vom November fühlen sie sich darin bestätigt. Präsident François Hollande mag würdig durch die Zeit der Trauer gekommen sein und sogar an Beliebtheit gewonnen haben, das Blutbad von Paris hat vor allem einer Partei Aufwind gegeben: dem Front National.

Die einzige Alternative

Von Anfang an hatte Marine Le Pen ihren Wahlkampf um die nördlichste Region des Landes mit nationalen Themen bestückt. Die politische Aktualität hat sie in dieser Strategie bestätigt. Aber das allein erklärt nicht ihren historischen Wahlerfolg. Jahr für Jahr gewinnt der Front National Punkte. Wie ein Bulldozer pflügt sich die rechtspopulistische Partei durch die Landschaft und sät ihre Thesen dort, wo sich allgemeine Politikverdrossenheit in Politikverachtung verwandelt hat. Marine Le Pen wollte erreichen, dass der FN als die einzige Alternative zu den alteingesessenen Parteien erscheint. Das ist ihr gelungen.

Bislang hat sie die Pose der Retterin ungestraft einnehmen können. Sie mag im Europäischen Parlament sitzen, einer Institution, die sie verachtet. Nie stand sie in politischer Verantwortung. Sollte der FN am kommenden Sonntag Regionen gewinnen, wird er damit beweisen wollen, dass er regieren kann. Le Pen hat die Kommune als Labor für die Region verstanden, die Region als Labor für die Republik. Umgekehrt erlaubt die Verwaltung der FN-Gemeinden einen Vorgeschmack auf das, was die Region, was die Republik erwarten könnte: undemokratische Gleichschaltung und Ausgrenzung von Andersdenkenden.

Diese Wahl ist erst der Anfang

Als Regionalpräsidentin wird Marine Le Pen in Wahrheit keine grossen finanziellen oder politischen Spielräume haben. Sie wird sicher nicht alles anders, aber sie wird dabei mit Sicherheit eine gute Figur machen. Das ist die Gefahr. Die Franzosen begreifen jetzt erst, dass es nicht genügt, das Programm des FN zu bekämpfen. Wenn es keine andere Antwort gibt auf die Verzweiflung ganzer Schichten, auf die politische Ohnmacht, wird diese Wahl erst der braune Anfang sein.

Erstellt: 07.12.2015, 18:28 Uhr

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