Die Maske ist gefallen

Marine Le Pen hat im Fernsehen gezeigt, dass sie eine desaströse Präsidentin würde – voller Hass, Hetze und Häme.

Beleidigend und emotional: Die letzte TV-Debatte von Macron und Le Pen. (Video: Tamedia-Webvideo)

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Vor der französischen Präsidentschaftswahl 2002 verweigerte Jacques Chirac ein Fernsehduell mit seinem Kontrahenten Jean-Marie Le Pen. Eine Debatte mit Le Pen sei nicht möglich, sagte Chirac damals. Und das gilt bis heute, auch wenn nun Jean-Marie Le Pens Tochter Marine Präsidentschaftskandidatin ist.

Sie agierte beim Fernsehduell am Dienstagabend wie ein gereizter Boxer, der blindwütig auf seinen Gegner eindrischt. An einem Schlagabtausch nach den Regeln der Debattenkunst oder gar einer Sachdiskussion war die Anführerin des Front National nicht interessiert. Denn dabei hätte sie gegen ihren wesentlich besser vorbereiteten Gegner Emmanuel Macron keine Chance gehabt.

Le Pen setzte bisher auf eine «Entteufelung» des rechtsextremen Front National, um ihn für breite Schichten wählbar zu machen. Doch nun zeigt ihr Auftritt voller Hass, Hetze und Häme, dass sie nicht mehr an einen Wahlsieg am Sonntag glaubt. Sie versuchte gar nicht mehr, moderate rechte Wähler zu überzeugen, die sie dafür bräuchte. Ihr Gepolter zielte auf ihre Kernwähler ab, auf jene Wütenden, Frustrierten und Abgehängten, die lieber eine weibliche Version Donald Trumps ins Elysée schicken als einen Sozialliberalen.

Diese Gruppe, die Le Pen beim TV-Duell hochpeitschte, ist ihre Machtbasis für die Zukunft. Sie dürfte 30 Prozent der französischen Wählerschaft ausmachen, vielleicht auch ein paar Prozentpunkte mehr. Das ist bestürzend viel, aber zu wenig, um 2017 ins Elysée einzuziehen.

Ein Lehrstück in Demagogie

Dort wird – falls nicht Unvorhersehbares passiert, ein Anschlag, eine Enthüllung – Macron landen. Der junge Mann mit seiner Bewegung En Marche hat den Attackenhagel seiner Gegnerin nicht immer souverän oder staatsmännisch, aber doch erfolgreich abgewehrt. Welche Politik von ihm als Präsident Frankreichs zu erwarten ist, wurde dabei nur in Umrissen klar. Macron war zu sehr beschäftigt, die Schläge Le Pens zu parieren, um konkreter werden zu können.

Dennoch war das Duell aufschlussreich. Es bot ein Lehrstück in rechts­nationalistischer Demagogie. Marine Le Pen argumentierte nach einem Muster, das so ähnlich auch Trump oder die rechtspopulistische Pegida verwenden: Ich bin die Kandidatin des Volkes. Macron ist der Kandidat der Volksfeinde. Und wer das Volk ist, bestimme ich. So werden der Gegner und dessen Wähler delegitimiert und quasi aus der Volksgemeinschaft ausgestossen – ein ebenso durchsichtiges wie erfolgreiches Manöver vieler Populisten.

Auch in anderen Punkten folgte Le Pen bewährten Propagandamethoden. Sie nahm tatsächliche Missstände wie Arbeitslosigkeit und Kriminalität, überzeichnete sie ins Groteske und präsentierte dann eine Reihe von Schuldigen: die Eliten, die Banken, die Reichen, die Immigranten, die EU und die Deutschen. Zugleich versprach sie den Franzosen das Blaue vom Himmel herunter, viel Geld für fast alle, ohne nachvollziehbar zu erklären, woher sie dieses Geld nehmen will.

Die französischen Wähler können aus dem Duell zwei Erkenntnisse für den Sonntag mitnehmen: Ob Emmanuel Macron ein guter Präsident wird, ist ungewiss. Dass Marine Le Pen eine desaströse Präsidentin würde, ist dagegen garantiert.

Erstellt: 04.05.2017, 23:55 Uhr

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