Die atomare Bedrohung wird unterschätzt

Sie taucht wieder auf. Die Atombombe. In Militärbudgets und in Worten. Was wir bräuchten, wäre eine nukleare Vernunft.

Ein französischer Atombombentest auf dem Mururoa-Atoll in  Französisch-Polynesien (Juli 1970). Bild: Keystone/AP

Ein französischer Atombombentest auf dem Mururoa-Atoll in Französisch-Polynesien (Juli 1970). Bild: Keystone/AP

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Am Anfang war der Jubel, die Freude darüber, dass zwei Bomben ausreichten, um einen Weltkrieg zu beenden. Die erste traf am 6. August 1945 die japanische Stadt Hiroshima. Sie war auf die Zielliste gekommen, weil kaum alliierte Kriegsgefangene in der Umgebung inhaftiert worden waren. Die zweite traf drei Tage später Nagasaki. Nazi-Deutschland hatte da schon kapituliert. Sonst würde man heute womöglich in Berlin an die Schrecken des Atomkrieges erinnern.

Von den Schrecken erfuhr die Welt lange nichts. Schliesslich waren es Journalisten, die sich auf den Weg machten. Der Chefredakteur des Magazins «New Yorker» hatte sich darüber geärgert, dass in den Berichten nur die Geschichte der grössten militärischen Erfindung aller Zeiten beschrieben wurde. Die Opfer aber kamen nicht vor. Er schickte den Pulitzerpreisträger John Hersey nach Hiroshima. Hersey recherchierte die Geschichten von sechs Überlebenden.

Dem Schrecken ganz nah: Ein TV-Team und Soldaten beobachten am 22. April 1952 einen Atomtest in Nevada. Foto: Getty Images

Am 31. August 1946 druckte der «New Yorker» eine besondere Ausgabe, der Text nahm die gesamte Zeitung ein. Damit begann die Diskussion über Moral, Vernunft und Verantwortung in Zeiten einer Waffe, die jederzeit das Ende der Menschheit bedeuten kann. In diesen Tagen bietet der Text sich wieder zur Lektüre an. Es ist ja nicht nur das Ende des INF-Vertrags und die sich wieder hochschaukelnden Spannungen zwischen den beiden nuklearen Giganten Russland und USA. Auch China rüstet auf. Und auch in Israel, Grossbritannien, Frankreich, Pakistan und Indien wird an neuen Systemen geforscht und gearbeitet, an neuen Sprengköpfen, mobilen Abschussrampen und der Frage, ob Cyberwaffen das gegnerische Arsenal nicht schon vor dem Abschuss lahmlegen können. Man kann ein neues Wettrüsten gar nicht mehr verhindern. Es hat schon begonnen.

Jelzins überraschender Vorschlag

Allein für die Modernisierung des US-Arsenals sind in den nächsten zehn Jahren 494 Milliarden Dollar eingeplant. Russlands Präsident Wladimir Putin führt gern Filme von «unbesiegbaren» neuen Interkontinentalraketen und Hyperschallwaffen vor, die mit Mach 20 fliegen sollen. Russland ist wieder da, heisst die Botschaft. Zur Hardware kommen die Worte. Sie klingen nicht nach Mässigung. Im Weissen Haus sitzt ein Präsident, der sich damit brüstet, dass er den grössten Atomknopf direkt auf dem Schreibtisch hat. Sein Kollege im Kreml sagte im Oktober, bei einem atomaren Angriff würden «die Angreifer einfach verrecken» und die Russen «als Märtyrer ins Paradies kommen». Zwei Machos kommandieren die grössten nuklearen Arsenale der Welt.

Es scheint lange her zu sein, als ein russischer Präsident namens Boris Jelzin nach Washington kam und es Bill Clinton ob der Kühnheit eines Vorschlags die Sprache verschlug. «Wir sollten unsere Atomkoffer loswerden,» sagte Jelzin am 27. September 1994. «Was sollen meine militärischen Helfer dann tun?», fragte Clinton. Jelzin: «Sie gehen zurück zur Air Force oder Navy.» Clinton: «Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.»

Den Präsidenten der beiden grossen Atommächte wird bis heute der Koffer für den sofortigen Einsatz hinterhergetragen.

Den Präsidenten der beiden grossen Atommächte wird bis heute der Koffer für den sofortigen Einsatz hinterhergetragen, Armageddon ist immer nur ein paar Schritte entfernt. Und doch steht der damalige Vorschlag für jene Zeiten der Vernunft, die sich im Nuklearzeitalter immer mit Zeiten der Unvernunft abgewechselt haben. Die Vernunft ist der Grund dafür, dass bis heute keine weitere Bombe im Krieg eingesetzt, keine von Terroristen gestohlen oder versehentlich gezündet wurde. Sie ist der Grund dafür, warum die Welt trotz dieser existenziellen Bedrohung so viel Glück gehabt hat.

Zu Beginn war es anders. Im Koreakrieg überlegten US-Militärs, Peking, Shanghai, Moskau und Stalingrad auszulöschen. Zwei Monate nach dem Mauerbau zündeten die Sowjets die grösste je eingesetzte Bombe. Sie war acht Meter lang, zwei Meter im Durchmesser und wog mehr als 20 Tonnen.

Beinahekrieg bei Kubakrise

Ein Jahr später brach die Kubakrise aus, und beinahe wären solche Sprengköpfe gezündet worden. Arthur Schlesinger, der Redenschreiber von John F. Kennedy, hat später einmal gesagt: Hätte es damals schon Anhänger des später so populären Konzepts des «vorbeugenden Krieges» im Weissen Haus gegeben, wäre es wohl zur Katastrophe gekommen. Es war das Erschrecken über den Beinahekrieg, der zu ersten Überlegungen über Rüstungskontrolle führte. Tests wurden verboten, der Atomwaffensperrvertrag erdacht und ratifiziert, den Politiker wie Franz Josef Strauss zunächst als ein «Versailles kosmischen Ausmasses» schmähten. Der Sperrvertrag verhinderte, dass sich die halbe Welt militärisch bewaffnete. Im Gegenzug versprachen die Atommächte Abrüstung.


Bildstrecke: Mururoa – Frankreichs strahlendes Erbe


Nach der Kubakrise rückte die Welt noch einmal gefährlich nah an den Rand eines Nuklearkrieges, diese Episode ist beinahe in Vergessenheit geraten. Gerade erst sind aus dem früheren KGB-Archiv in der Ukraine umfassende Bestände freigegeben worden. Sie beschreiben die nukleare Paranoia der Sowjetunion in den frühen Achtzigerjahren. Der damalige Generalsekretär Juri Andropow war davon überzeugt, dass die USA den Erstschlag planten. Die Geheimdienste wurden angewiesen, nach Anzeichen für einen Krieg Ausschau zu halten, etwa dem Horten von Blutkonserven. In Berlin kann man noch immer Zeitzeugen treffen, so wie Werner Grossmann, den früheren Chef der HVA, der Auslandsspionage der Stasi.

Einmal wurde Grossmann in Moskau abgekanzelt. Er hatte gemeldet, es gebe keine Anzeichen für einen Angriff. Grossmann hatte einen Spion weit oben in der Nato, er hätte wissen müssen, wenn ein Krieg geplant worden wäre. «Aber sie waren überzeugt. Sie waren nicht davon abzubringen», erinnert sich Grossmann. Andropows Angst, das zeigen die Protokolle, galten besonders den später durch den INF-Vertrag abgeschafften Mittelstreckenraketen. Sie benötigten doch nur sechs Minuten bis Moskau.

Reagan von Film beeindruckt

Die Vernunft setzte sich aber wieder durch, sie ist mit den Namen Michail Gorbatschow und Ronald Reagan verbunden. Der ehemalige Hollywood-Schauspieler zeigte sich tief beeindruckt, als er so wie 100 Millionen US-Amerikaner 1983 den Film «The Day After» sah. Durch das geschilderte Schicksal von Überlebenden in Kansas nach einem Atomkrieg sahen die US-Amerikaner ihr eigenes mögliches Schicksal. Das öffnete ihnen die Augen. Der Vertrag für «Intermediate Range Nuclear Forces» (INF) war der grösste Durchbruch und zugleich der Beginn einer Reihe weiterer kühner Abrüstungsvorhaben.

Doch nun sind wir wieder mittendrin, in den Zeiten der Unvernunft. China rüstet auf, eine neue Weltmacht wächst heran, und damit droht ein nukleares Kräftemessen zwischen dann drei Staaten.

Die Zeiten der Vernunft waren stets jene, in denen kühne und weitsichtige Politiker ihre Verantwortung erkannten.

Nie war die Frustration jener Länder, die freiwillig auf eine atomare Bewaffnung verzichteten, so gross. 122 von ihnen haben sich inzwischen einem Vorhaben angeschlossen, das die Waffe ächtet. Sie haben das Vertrauen verloren, dass die Atommächte sich an ihre zentrale Zusage aus dem Atomwaffensperrvertrag halten wollen und sich um Abrüstung bemühen. Das war bereits, bevor das INF-Abkommen gekündigt wurde. Im Auswärtigen Amt in Berlin zirkuliert bereits seit Monaten ein Dossier, das vor dem völligen Zusammenbruch der Rüstungskontrollarchitektur warnt. Es scheint, als sei die Erinnerung daran, was die Bombe ist und welcher Anstrengungen es bedarf, in Zeiten ihrer Existenz das Überleben zu sichern, nach einer langen Friedensperiode in Vergessenheit geraten. Wenn die Deutschen heute über Nachrüstung diskutieren, ist damit meistens der Diesel gemeint. «Die Vision von einer atomwaffenfreien Welt muss mehr sein als heisse Luft», warnt der Diplomat Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz.

Die Zeiten der Vernunft waren stets jene, in denen kühne und weitsichtige Politiker ihre Verantwortung erkannten. In denen sie sich nicht berauschten, sondern fürchteten vor der schrecklichen Macht in ihren Händen. Nie zuvor sei sie so gross und so nutzlos gewesen wie im Atomzeitalter, hat Henry Kissinger gesagt. Und der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow schilderte einmal, wie er tagelang nicht schlafen konnte, nachdem er eingeweiht worden war, was da alles im Arsenal liegt.

Es fehlt der Druck der Bevölkerung

Manchmal klingen auch Trump und Putin wie einst Reagan und Gorbatschow. Als Trump noch kein Präsident war, sprach er in einem Interview über die Schrecken des «nuclear global warming» und nannte dies die schlimmste Bedrohung der Welt. Das Ganze sei «beängstigend». Putin wurde in seiner jährlichen Pressekonferenz gefragt, was er dazu sage, dass in russischen Küchen wieder öfter das Wort «Krieg» zu hören sei. Es sei sehr schade, dass es eine Tendenz gebe, die Schrecken eines Nuklearkrieges zu unterschätzen, erwiderte Putin.

Die Zeiten der Vernunft folgten oft auf eine gefährliche Eskalation und waren stets eng verbunden mit einer grossen Sorge der Menschen. Und mit der von ihnen erhobenen Forderung abzurüsten, Mass zu halten, die Schrecken des Atoms zumindest zu bändigen. Heute, so sieht es etwa der frühere US-Verteidigungsminister William Perry, bekämen die Politiker nicht mehr genügend Druck von ihrer Bevölkerung, weil sie nicht realisiere, wie gross die tatsächliche Gefahr sei.

Leider haben die vergangenen Tage nun gezeigt, wie gross sie ist.

Erstellt: 08.02.2019, 10:37 Uhr

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