Die Peinlichkeiten einer Präsidentin

Sie verurteilt Flüchtlinge und blamiert sich mit bizarren Aussagen über das alte Jugoslawien. Was ist bloss mit Kroatiens Staatschefin los?

Nach ihren Äusserungen steht Kolinda Grabar-Kitarovic wieder im Regen, wie hier nach dem WM-Final mit Emmanuel Macron.

Nach ihren Äusserungen steht Kolinda Grabar-Kitarovic wieder im Regen, wie hier nach dem WM-Final mit Emmanuel Macron. Bild: Keystone

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Erinnern Sie sich noch an Kolinda Grabar-Kitarovic? Bei der letzten Fussball-WM in Russland fiel die Frau mehr auf als Diego Maradona. Die kroatische Staatspräsidentin umarmte verschwitzte und halb nackte Spieler, herzte sie im strömenden Regen, dem französischen Staatschef strich sie übers Haar, vor dem russischen Premierminister legte sie ein Siegestänzchen hin. «Bei ihr haben die Bremsen versagt», schrieb ein kroatischer Kolumnist nach dem WM-Endspiel gegen Frankreich, das Kroatien mit 2:4 verlor. Patriotisch ge­sinnte Kroaten fanden die Performance der Staatschefin auf ­russischen Fussballtribünen ­dagegen grandios.

Nun hat sich die konservative Politikerin in einem Interview mit der österreichischen «Kleinen Zeitung» erneut in Szene ­gesetzt – und nichts daran ist grandios. Grabar-Kitarovic, deren Land in den vergangenen Jahren fast alle Flüchtlinge und Migranten nach Westeuropa durchgewunken hat, warf der EU vor, sie habe in der Flüchtlingskrise kläglich versagt und sei zu naiv gewesen. Die meisten Ankömmlinge, so die Staatschefin, seien «Männer im kampffähigen Alter», die EU habe «die falschen Flüchtlinge» aufgenommen. In den vergangenen anderthalb ­Jahren sind im EU-Land Kroatien zwölf Flüchtlinge tödlich ver­unglückt, mehrere Nichtregierungsorganisationen beschul­digen die kroatische Polizei, sie habe in diesem Sommer Dutzende Flüchtlinge an der bosnischen Grenze brutal verprügelt.

Die Nationalisten umgarnen

Völlig ins Abseits geriet Grabar-Kitarovic mit ihren Aussagen über das Leben im alten, sozialistischen Jugoslawien, dessen Teil Kroatien bis zur Unab­hängigkeitserklärung 1991 war. Schlimm sei es gewesen in diesem Staat, so schlimm, dass die Kroaten sich nicht getraut hätten, über ihre Herkunft zu reden, sagte sie dem österreichischen Blatt. Man durfte damals laut Grabar-Kitarovic nicht sagen «Ich bin ein Kroate», sondern «Ich bin aus Kroatien». Und wer seinen Nationalstolz offen gezeigt habe, dem drohte eine Gefängnisstrafe. «Warum lügt die Präsidentin?», fragte sich nicht nur ein Journalist des News­portals Index.hr.

Jugoslawien war bestimmt kein sozialistisches Paradies, aber auch kein Völkergefängnis, wie kroatische Nationalisten und nun auch die Staatschefin behaupten. Jeder konnte sich zu seiner Nationalität und Religion bekennen, in der jugoslawischen Verfassung aus dem Jahr 1974 hiess es, die kroatische Teil­republik sei ein Nationalstaat des kroatischen Volkes, Radio Zagreb spielte jede Nacht kurz vor 24 Uhr die kroatische Nationalhymne «Unser schönes Heimatland». Selbst der jugoslawische Führer Josip Broz Tito trug sich in seinem Eheschein als Kroate ein.


Video: Kroatische Präsidentin küsst WM-Pokal

Die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovi? gibt zusammen mit Emmanuel Macron dem WM-Pokal ein Küsschen. Video: SRF


Bizarr klingt besonders die Klage der kroatischen Präsidentin, im sozialistischen Jugoslawien habe es keine Auswahl an Joghurts gegeben, und sie habe den Behörden immer mitteilen müssen, wie viel Brot sie für die nächste Woche brauche. Die kroatischen Medien haben nun nur Hohn und Spott übrig für die Tochter eines Metzgers aus der Hafenstadt Rijeka, die als Teen­agerin in den 80er-Jahren Jugoslawien verlassen und im Rahmen eines Austauschprogramms die Mittelschule in den USA abschliessen durfte.

Kolinda Grabar-Kitarovic will im nächsten Jahr wiedergewählt werden. Und seit sie im Amt ist, versucht die Präsidentin, die nationalistische Klientel zu mobilisieren. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war die Entfernung der Tito-Büste aus der Empfangshalle der Präsidentenresidenz im Zagreber Villenviertel Pantovcak. Die Literaturwissenschaftlerin und frühere Diplomatin liebt die Musik des umstrittenen Sängers Marko Perkovic alias Thompson, der als «Barde des Hasses» bekannt ist. Als sie angeblich aus Versehen kroatischen Kindern in Dubrovnik Schokoriegel aus serbischer Produktion schenkte, entschuldigte sie sich. Eine kroatische Präsidentin verteilt keine Produkte des einstigen Aggressors, sie gelobte Besserung.

Wo die Messer glänzen

Bei einem Besuch in Argentinien im Frühjahr sagte sie, viele Kroaten hätten dort nach dem Zweiten Weltkrieg einen «Raum der Freiheit» gefunden. Dafür wurde sie vor allem von linken Publizisten heftig kritisiert. Tatsache ist, dass nach 1945 mehrere Führer der kroatisch-faschistischen Ustascha-Bewegung in Argentinien Zuflucht fanden. Während des Zweiten Weltkrieges hatten sie Zehntausende Serben, Juden, Roma und kroatische Partisanen im Konzentrationslager Jasenovac ermordet. Zwar verurteilt die Präsidentin die Untaten im Marionettenstaat von Hitlers und Mussolinis Gnaden. Doch mit ihren unbedachten Äusserungen leistet sie oft dem Geschichts­revisionismus Vorschub.

In einem Dokumentarfilm und in stümperhaften Studien wird Jasenovac als Sammel- und Arbeitslager verharmlost. Kroatische Generäle, die in den 90er-Jahren Kriegsverbrechen an Serben begangen haben, werden als Volkshelden gefeiert. Der Europarat zeigte sich zuletzt alarmiert über das Erstarken von Neofaschisten in Kroatien.

Vielleicht ist es auch für die Staatschefin Zeit, den kroatischen Jahrhundertautor Miroslav Krleza genau zu lesen. Von ihm stammt die Warnung: «Wenn in der balkanischen Spelunke die Lichter ausgehen, dann glänzen die Messer.» Apropos ­Joghurts: Laut der Fachzeitschrift «Mljekarstvo» (Molkerei) aus dem Jahr 1975 hatte Jugo­slawien mindestens 85 Joghurtsorten. Damals war Kolinda Grabar-Kitarovic acht Jahre alt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 06:36 Uhr

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