Die Rechtspopulisten ignorieren die Zeichen an der Wand

Die Verluste der SVP bei den letzten Wahlen könnten der Beginn eines europäischen Trends gewesen sein.

Die Jungen wollen von der SVP nichts mehr wissen: Überklebtes Wahlplakat des Zürcher SVP-Regierungsrats Ernst Stocker. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Jungen wollen von der SVP nichts mehr wissen: Überklebtes Wahlplakat des Zürcher SVP-Regierungsrats Ernst Stocker. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Wahlkampf in einer kleinen Zürcher Gemeinde. Roger Köppel, Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei SVP spricht vor vollem Haus. Der Gasthaussaal ist zu klein, zu spät Kommende müssen stehen. Die beachtliche Zahl an Zuhörern macht den Redner sichtbar stolz. Der Altersdurchschnitt sollte ihm eher Sorgen bereiten. Grob geschätzt ist die Hälfte der Besucher über 70 Jahre alt, die andere Hälfte knapp darunter. Mit seinen 54 Jahren wirkt Köppel unter ihnen wie ein Jugendlicher.

Gut, es sind natürlich die Älteren, die zu solchen lokalen Veranstaltungen kommen und die besonders gerne hören, wenn Rechtspolitiker versprechen, ihre kleine, heile Welt gegen Ausländerinvasion und Brüsseler Bevormundung zu verteidigen. Aber mittlerweile verliert die SVP die Jungen auch in den eigenen Reihen und vor allem an der Wahlurne, wie unlängst die Kantonswahlen in Luzern, Basel-Land und Zürich zeigten.

Unter Christoph Blocher war die SVP die erste rechtspopulistische Partei in Europa, die sich mit einer aggressiven, fremdenfeindlichen Politik von der Kleinpartei zur stärksten Kraft des Landes katapultierte. Wäre es möglich, dass die Schweizer Rechtspopulisten nun abermals einen europäischen Trend vorwegnehmen? Dass sich ihre Sündenbock-Politik überholt hat? Dass sich jüngere Generationen abwenden?

Nachwuchsprobleme bei der FPÖ

Mit dem Problem der Überalterung sind die Schweizer jedenfalls nicht allein. In Österreich holte der rechtspopulistische Star Jörg Haider in den 1990er-Jahren ziemlich unpolitische, aber dafür ehrgeizige blutjunge Männer in sein Team. Mit seiner «Buberlpartie» lehrte er den etablierten «Altparteien» das Fürchten. Haider ist tot, mit seinen Buberln beschäftigt sich höchstens noch die Justiz.

Die heutigen Führungskräfte der Freiheitlichen Partei FPÖ sind um die 50 Jahre alt und haben ihr ganzes Leben in der Politik verbracht. Sie gehen bestens eingefahrene Wege. Ausser «eine neue Flüchtlingswelle droht» und «der Islam bedroht Europa» kommt von ihnen nichts.

Die einzigen Jungen, die engeren Kontakt zur Partei suchten, kamen aus der rechtsextremen «Identitären Bewegung». Aber seitdem eine Spende des Attentäters von Christchurch an den Chef der Identitären bekannt wurde, muss sich die FPÖ von ihrem Nachwuchspool distanzieren.

Nachwuchs mit gemässigteren Ansichten ist für die Partei nicht in Sicht. Die FPÖ ist offenbar nur mehr wenig anziehend. Allerdings sind die Freiheitlichen seit eineinhalb Jahren an der Regierung, und Macht kann die strukturellen Probleme einer Partei hervorragend überdecken. Sie darf nur nicht mehr verloren gehen – die Macht.

Orbans morsche Partei

Aus demselben Grund ist das grosse Vorbild aller europäischen Rechtspopulisten, die ungarische Fidesz, langfristig zum Untergang verdammt. Viktor Orban begann Ende der 1980-Jahre als schlanker, ranker Revolutionär, der die Kommunisten stürzte. Heute ist er feist geworden und lässt als Regierungschef an seiner absoluten Macht nur wenige Günstlinge seiner Altersgruppe teilhaben. Da gibt es für Newcomer keinen Platz. In Orbans Partei werden Minister und Funktionäre mit der Zeit grau und versteinern, so wie einst die Apparatschiks der kommunistischen Partei. Und irgendwann wird dieses Parteigebilde so morsch sein, dass es nur noch einen jungen Revolutionär von aussen braucht, der mit einer glanzvollen Rede alles zum Einsturz bringt. Aber bis dahin kann es noch länger dauern.

In nächster Zeit wird es eher bei kleinen Zeichen bleiben, in Ungarn und ganz Europa: Vielleicht werden die Wahlergebnisse für die erfolgsverwöhnten Rechtspopulisten weniger glänzend ausfallen, als sie erwarteten. Vielleicht werden sie, wie in der Schweiz, Niederlagen einstecken müssen. Es gibt Anzeichen, dass vor allem ihre jungen Wähler es satthaben, dass die Erderwärmung oder die soziale Kluft von den Rechtspopulisten völlig ignoriert werden. Wenn SVP, FPÖ und Freunde jedoch auf die kleinen Zeichen nicht reagieren, könnten sie so abgestraft werden, wie in der Vergangenheit die Sozialdemokraten, die das Problem der Migration ignorierten. Nur: Den Kurs zu ändern, fällt heute der Rechten genauso schwer wie damals der Linken.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.04.2019, 19:01 Uhr

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