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Die Reform der Kurie ist kein grosser Wurf

Die Dezentralisierung der päpstlichen Macht zugunsten der Ortskirchen findet nicht statt.

Papst Franziskus küsst eine Statue des Jesuskindes, als er zu Beginn des neuen Jahres in der Petersbasilika im Vatikan einer Messe zur Feier der heiligen Maria vorsteht. Foto: Gregorio Borgia/AP Photo
Papst Franziskus küsst eine Statue des Jesuskindes, als er zu Beginn des neuen Jahres in der Petersbasilika im Vatikan einer Messe zur Feier der heiligen Maria vorsteht. Foto: Gregorio Borgia/AP Photo

Im April 2013, kaum einen Monat auf dem Stuhl Petri, setzte Franziskus den weltweiten Kardinalsrat K9 ein und kündigte eine grundlegende Reform der römischen Kurie an. Als er dann vor Weihnachten 2013 und 2014 mit der Kurie ins Gericht ging, ihr «Eitelkeit», «Heuchelei», «geistige Versteinerung» oder «existenzielle Schizophrenie» vorwarf, machte er vollends klar, mit eisernem Besen kehren zu wollen.

Theologen und Medien waren sich einig: Franziskus will die Regierung der Weltkirche, mithin die älteste Bürokratie, modernisieren, den höfisch-monarchischen Apparat dezentralisieren und die Bündelung der legislativen, exekutiven und judikativen Funktionen entflechten. Kurz: Die Bischöfe vor Ort sollen bei der Leitung der Kirche deutlich mehr Gewicht bekommen.

Seither, seit sechs Jahren also, hat sich das K9-Gremium regelmässig mit dem Papst getroffen. Inzwischen zum K6-Rat geschrumpft, ist es um diesen auch merklich stiller geworden. Eigentlich wollte er noch Ende 2019 mit der Apostolischen Konstitution «Praedicate Evangelium» («Verkündet das Evangelium») die neue Kurienverfassung vorlegen. Doch die Publikation verzögert sich auf Januar, möglicherweise auf das Frühjahr.

Glaubenskongregation verliert Gewicht

Den Textentwurf, der an alle nationalen Bischofskonferenzen gegangen ist, hat die katholische Zeitschrift «Herder Korrespondenz» in Teilen publik gemacht. Vom Geist des Aufbruchs und der Revolution ist darin wenig zu spüren. Wahrlich kein grosser Wurf. Das zeigt sich schon daran, dass die Inhalte für Aussenstehende schwierig zu vermitteln sind.

Natürlich wird es Theologen und Journalisten geben, die den Entwurf für historisch erklären, denn die bisher überaus wichtige Glaubenskongregation verliert an Gewicht. Von ihr heisst es vermeintlich revolutionär, sie verbinde «die Treue zur Lehre der Tradition auch mit dem Mut, neue Antworten auf neue Fragen zu finden».

Doch die Leitbehörde der Kurie soll fortan ein «Dikasterium für die Evangelisierung» sein («Dikasterium» nennen sich die Ämter der Kurie). Typisch für Franziskus, dass er die missionarische Verbreitung des Evangeliums über die Doktrin stellt.

Dezentralisierung, mehr Einfluss von Laien, Dienstcharakter der Behörden, bessere Binnenkommunikation.

Vernünftig gewiss, dass künftig der Austausch der Kurienbehörden durch «regelmässige Kabinettssitzungen» verpflichtend ist. Um das früher zutage getretene Informationschaos zu verhindern, wird ein Koordinationsgremium geschaffen, «Ufficio», Büro genannt. Es wird dem Staatssekretariat angegliedert, der nach wie vor mächtigen Kurienbehörde. Dieses zentrale Verwaltungsinstrument, das zugleich päpstliche Staatskanzlei und Aussenministerium ist, bleibt unangetastet.

Als Ziele der Kurienreform nennt das Dokument: Dezentralisierung, mehr Einfluss von Laien, Dienstcharakter der Behörden, bessere Binnenkommunikation. Insgesamt soll die Kurie nicht mehr allein dem Papst dienen, sondern auch dem weltweiten Bischofskollegium. Das aber bleibt frommer Wunsch, denn es werden keine Massnahmen genannt, wie die Kurie auch zur Dienstleisterin der Bischöfe und Bischofskonferenzen werden soll.

«Papa emeritus» bleibt unerwähnt

Damit bleibt Franziskus weit hinter seinen verheissungsvolllen Aussagen zur «heilsamen Dezentralisierung der Kirche» zurück. Die gaben zur Hoffnung Anlass, er werde weitreichende Kompetenzen an die Ortskirchen delegieren: allen voran das Recht, die Bischöfe selber zu wählen, das Recht der theologischen Fakultäten, eigenständig Professoren zu berufen, und die Aufwertung der weltweiten Bischofssynode vom beratenden zum beschliessenden Gremium. Doch nichts von alldem im Vorentwurf.

Auch offene Fragen wie der Papstrücktritt oder der Status des «Papa emeritus», wie aktuell im Fall des zurückgetretenen Papstes Benedikt VI., bleiben unerwähnt.

Der italienische Soziologe Marco Marzano hatte schon vor zwei Jahren vorausgesagt, Franziskus werde das monarchisch-zentralistische Profil der Kirche unangetastet lassen. Statt Reformen werde er nur eine «Feinjustierung des gut geölten Apparats vornehmen». Die Prognose scheint sich leider zu bewahrheiten. Bischöfe und Gläubige hätten etwas anderes verdient.

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