Er verhalf 100'000 Juden zur Flucht über den Brenner

Marko Feingold ist der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs. Wie der 105-Jährige nach Kriegsende vom Verfolgten zum Retter wurde.

Vom Geretteten zum Retter. «Es hat sich so ergeben, dass ich von einer Funktion in die andere reingeschlittert bin», sagt Marko Feingold. Foto: Joe Klamar (AFP Photo)

Vom Geretteten zum Retter. «Es hat sich so ergeben, dass ich von einer Funktion in die andere reingeschlittert bin», sagt Marko Feingold. Foto: Joe Klamar (AFP Photo)

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Als ihn der Salzburger Erzbischof fragte, was man tun müsse, um so alt zu werden, gab ihm Marko Feingold den Rat: «Machen Sie es wie ich, heiraten Sie eine junge Frau!» Seine zweite Frau Hanna ist 35 Jahre jünger. Feingold, 105 Jahre alt, kann über seinen eigenen Scherz herzhaft lachen. Seinen ­Humor hat er nie verloren, nicht einmal in den schlimmsten Situationen seines Lebens. Dass Feingold überhaupt überlebt hat, würden andere ein Wunder nennen, er selbst sieht es als «Zufall, denn sonst hätte es zwanzig Wunder geben müssen».

Als Marko Feingold geboren wurde, war sein Geburtsort Neusohl in der heutigen Slowakei noch Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie. Er wuchs in Wien auf und war einer der ersten Juden in Österreich, die 1939 von den Nazis abgeholt wurden. Als einer von fünfen aus einer ehemals grossen Familie hat er überlebt – gleich vier Konzentrations- und Vernichtungslager: Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald. Nach der Befreiung durch die Alliierten 1945 wog der damals 32-Jährige nur noch knapp vierzig Kilo. Feingold schont die Zuhörer nicht, wenn er über seine Zeit im Lager spricht: «Die Gedärme hingen mir beim After heraus. Ich hatte Mühe, speziell beim Hinsetzen, da ich mich ja nicht auf meine Gedärme setzen konnte. Die musste ich, brutal gesagt, zuerst hineinschieben.» Aber am schlimmsten sei für ihn etwas anderes gewesen: «Als uns der Friseur den Kopf kahl geschoren hat. Da steht man pudelnackt da. Das ist so demütigend, das kann man schwer erklären. Da hat man ein Gefühl der Wertlosigkeit, gar keine Menschlichkeit mehr.»

Feingold, der 1948 sein Geschäft Wiener Moden in Salzburg gründete, hat immer Wert auf sein Äusseres gelegt. Egal, ob er Besucher in seiner Wohnung oder seinem Büro neben der Salzburger Synagoge empfängt, ob er in Tel Aviv eine Veranstaltung besucht: Er hat stets akkurat frisiertes Haar und einen perfekt getrimmten Schnurrbart. Er weiss aufzutreten und sitzt jedem so ungebeugt und vital gegenüber, dass es schwerfällt, sich seine Lebensgeschichte vorzustellen.

Er ist für den Dialog – auch mit Leuten wie Strache von der FPÖ.

Feingold, damals Vertreter für Flüssigseife und Bohnerwachs, trug einen Anzug, als er ins Konzentrationslager deportiert wurde. Man nahm ihm den Anzug sofort ab, reichte diesen aber in jedes neue Lager weiter, in das sein Besitzer kam. Nach der Befreiung bekam er ihn wieder. «Es geht nichts über eine gründliche Verwaltung. Der Anzug war tipptopp», meint Feingold schmunzelnd. «Er hat zwar am Anfang nicht gepasst, aber ich bin wieder hineingewachsen.»

Mit dem Anzug im Gepäck wollte er, zusammen mit 127 anderen Überlebenden von Buchenwald, schnell nach Hause. Viele Länder schickten Busse, um ihre Leute abzuholen – Österreich nicht. «In Wahrheit wollten sie uns nicht zurückhaben», erregt sich Feingold noch heute. Also haben die Holocaust-Überlebenden kurzerhand drei Linienbusse im nahen Weimar gekapert. Weil die russische Besatzungsmacht den Bus nicht nach Wien durchliess, ist er in Salzburg ausgestiegen und «dort zufällig hängen geblieben». Die Polizei wies ihnen eine Wohnung im ersten Stock in der Haydnstrasse 2 zu, das ehemalige Büro der NS-Frauenschaft. «Die erste Zeit hat man mich als Flüchtling betrachtet. Als Österreicher! So ein Unsinn!» Noch heute kann er seinen Zorn kaum zurückhalten.

In Drohbriefen als «Saujud» bezeichnet

So geht es ihm immer wieder, wenn er von anti­semitischen Vorfällen erzählt: Wie ein Inserat in der SPÖ-Parteizeitung nicht gedruckt wurde und dann auch noch seine Parteimitgliedschaft ohne sein Wissen ruhend gestellt wurde; wie er in Drohbriefen noch heute als «Saujud» bezeichnet wird. Darüber spricht er immer wieder, bei allen sich bietenden Gelegenheiten, gerne mit Jugendlichen. Seine Überlebensgeschichte hat Feingold auf­geschrieben in einem Buch mit dem Titel: «Wer ­einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh». Er trat in «Die letzten Zeugen» im Wiener Burgtheater auf, jenem Zeitzeugenprojekt des Autors Doron ­Rabinovici und des damaligen Intendanten Matthias Hartmann, das 2013/14 unter anderem auch in Berlin und Dresden zu sehen war.

Kaum bekannt ist dagegen ein anderer Teil von Feingolds Lebensgeschichte: wie der jüdische Flüchtling wider Willen zum Fluchthelfer für Juden wurde. Mehr als 100'000 Menschen brachte er über den Brennerpass nach Italien, die letzten 5500 von ihnen im Jahre 1947 über die wohl spektakulärste Route: zu Fuss über die 2634 Meter hohen Krimmler Tauern. Es habe sich «so ergeben, dass ich von einer Funktion in die andere reingeschlittert bin», meint er selbst bescheiden.

Begonnen hatte es in der «KZ-Küche». Im Stift von Sankt Peter in Salzburg war nach Kriegsende eine Küche eingerichtet worden, um die Rückkehrer aus Konzentrationslagern und Zuchthäusern zu versorgen. Feingold «weiss selbst nicht warum, das war halt einer dieser Zufälle»: Neun Tage nach seiner Ankunft wurde ihm die Versorgung der 550 Personen anvertraut. Obst und Gemüse hätten sie von Händlern, die als Nazis bekannt waren, bekommen. Später übernahm Feingold, der inzwischen eine in seiner Wohnung registrierte Firma gegründet hatte, mit zwei ehemaligen Häftlingen aus Buchenwald die Büroarbeiten für die Verwaltung der Lager für Displaced Persons (DP) in Salzburg.


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In den ersten Nachkriegsjahren hielten sich die Amerikaner nicht an die Wünsche der britischen Verbündeten, die als Mandatsmacht in Palästina dort keine Juden mehr einreisen lassen wollten. Aber sie wollten nicht selbst tätig werden und wandten sich an Feingold mit der Bitte, «die Juden aus den Lagern wegzubringen». Es waren inzwischen Tausende, die in Salzburg gestrandet waren.

Feingold betrat die Verkehrsabteilung der Salzburger Landesregierung, welche die von den Nazis hinterlassenen Fahrzeuge verwaltete. Ein Beamter wollte ihm die fünf verlangten Lastwagen verweigern. «Da hab ich ihm geantwortet: Wenn ich die nicht kriege, dann bleiben die Juden da. Und hab auf den Tisch gehauen.» Da sei dem Mann herausgerutscht, genau das müsse man verhindern. «So hab ich die Autos gekriegt», sagt Feingold und lacht. Er kam auch in Kontakt mit der Bricha, jener jüdischen Untergrundorganisation, welche die Ausreise von Juden nach Palästina unterstützte.

Bei der ersten Tour über den Brenner fuhr Feingold in seinem Auto voraus. Dass er aus seiner Zeit als Vertreter in Italien die Sprache beherrschte, beeindruckte die italienischen Zöllner genauso wie die mitgebrachten Konserven. «Ich hab denen erzählt, ich bringe Italiener, die von den Deutschen verschleppt wurden. Das war natürlich eine Lüge», meint er. Aber sie half. So konnten die sechs Lastwagen passieren, auf deren Ladefläche sich unter Planen die jüdischen Flüchtlinge drängten. Nicht nur in dieser Julinacht 1945, sondern Hunderte Male fuhr der Konvoi diese Strecke. Zwischen 300 und 500 Menschen pro Tour wurden so über die Grenze geschleust, zweimal pro Woche – immer dann, wenn Beamte im Innenministerium Dienst hatten, die Feingold kannte. Auf der italienischen Seite wurden sie von Mitgliedern der Bricha in Empfang genommen und dann Richtung Palästina geschleust.

Dreimal pro Woche über den Pass

Auf Druck der Briten wurde 1947 die Grenze zwischen Österreich und Italien tatsächlich dichtgemacht. Im DP-Lager Saalfelden, 67 Kilometer südlich von Salzburg, warteten noch immer Tausende auf die Flucht nach Palästina. «Givat Avoda» nannten es die Juden, «Hügel der Arbeit». Da bekam Feingold im Juni 1947 einen Hinweis, dass sich die Amerikaner einen zehn Kilometer breiten Streifen mit direktem Zugang nach Italien gesichert hatten. Feingold fuhr mit den Bricha-Führern Asher Ben Natan und Aba Gefen nach Krimml und entdeckte einen Schmugglerweg. Die nächste Station war das Tauernhaus auf 1631 Metern. Die Wirtin, Liesl Geisler-Scharfetter, war bereit zu helfen. Also riskierte man die erste Tour kurz vor Mitternacht. Auf der Ladefläche der fünf Lastwagen sassen etwa 150 Menschen: Man wollte möglichst viele bei jedem Marsch über die Grenze bringen.

Mit Viktor Knopf fand sich ein Bergführer, der bereit war, die Touren anzuführen: bis zu dreimal pro Woche in den vier Monaten bis zum Winterbeginn. Im Schutze der Dunkelheit ging es über den Pass: 1011 Höhenmeter hinauf, 1068 hinab nach Italien, insgesamt 15 Stunden Gehzeit. «Es waren Schwangere und kleine Kinder dabei. Alte Fetzen trugen manche Leute, kein richtiges Schuhwerk, sie waren unterernährt, körperlich schwach. Trotzdem haben es mehr als 5500 geschafft», meint Feingold. «Von Abstürzen hat man nichts erzählt.»

All diese Geschichten sind noch sehr lebendig bei den rund hundert Menschen, die sichin Israel bei zwei Veranstaltungen im Daniel Hotel in Herzliya und in einem Saal auf einem Kasernengelände in Ramat HaSharon bei Tel Aviv treffen. Es sind die noch lebenden «Krimmler», wie sie sich selbst nennen, und ihre Nachfahren. Marko Feingold ist für sie der «Judenretter», ihr Ehrengast. Als zum Abschluss die Hatikvah, die israelische Hymne der Hoffnung, gesungen wird, singt er voller Inbrunst mit. Warum er in seinem Alter die weite Reise nach Israel auf sich genommen hat? Feingold versteht die Frage nicht oder will sie nicht so verstehen. «Um einen Gegenbesuch abzustatten. Es waren noch nicht alle in Krimml, und manche werden wir vermutlich das letzte Mal sehen.»

«Ich glaube wohl an einen Gott und bin ihm auch dankbar, denn irgendwas muss es da geben bei all den Zufällen in meinem Leben.»Marko Feingold

Der 105-Jährige meint die anderen, nicht sich selbst. Ob er nie daran dachte, nach Israel auszuwandern? «Die ersten Jahre hab ich gehofft: Vielleicht taucht doch noch einer meiner Verwandten auf. Dann kam die Frau, das Geschäft. So hat eins das andere ergeben, und ich bin geblieben.»

Von 1946 bis 1947 war er Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg, seit 1979 steht er wieder der Gemeinde mit circa 100 Mitgliedern vor. Vom damaligen Vorsitzenden der rechtspopulistischen FPÖ, Jörg Haider, hat er umgerechnet 30'000 Euro für das Jüdische Kulturzentrum in Salzburg angenommen. Das hat ihm genauso Kritik eingebracht wie die Annahme einer Einladung ins Bundeskanzleramt in Wien aus Anlass seines Geburtstags. Bilder der Begegnung mit dem konservativen Kanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der rechten FPÖ wurden von der Regierung auf Instagram gepostet. Strache stellte ein Bild auf Twitter, das ihn mit dem Ehepaar zeigt, und lobte Feingold als «humoristischen Menschen». Dass Feingold, anders als der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, mit einem Rechten wie Strache Kontakt pflegt, begründet er so: Er sei für Dialog «mit allen» und glaube, dass die FPÖ nun zeigen müsse, wie sie mit der Vergangenheit umgehe.

Als «besonders religiös» bezeichnet sich Feingold selbst nicht. «Ich glaube wohl an einen Gott und bin ihm auch dankbar, denn irgendwas muss es da geben bei all den Zufällen in meinem Leben.» Über die wundert er sich hin und wieder. «Dass ich die KZ überlebt habe, so viele Juden über den Brenner bringen konnte und später dann noch über die Alpen ohne gescheite Schuhe. Das war eine Kuriosität», sagt er. Und lacht, einmal mehr.

Erstellt: 28.06.2018, 19:00 Uhr

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