ETH-Statiker: «Brücke kann ohne Warnsignale einbrechen»

Baustatiker Thomas Vogel über das Brückenunglück in Genua und ob ein solcher Einsturz auch in der Schweiz passieren könnte.

Unglaubliche Bilder aus Genua: Mitten in der Stadt bricht die Autobahnbrücke der A10 zusammen.
Video: Tamedia-Webvideo

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Die Morandi-Brücke ist in Fachkreisen als besonderes Bauwerk bekannt. Warum?
Riccardo Morandi war ein berühmter Ingenieur, der in den 1960er-Jahren weltweit grosse Brücken gebaut hat, die ungewöhnlich konstruiert sind. Vor allem in Südamerika stehen mehrere. In der Fachwelt kennt man die Ponte Morandi allerdings als Polcevera-Viadukt.

Eingeweiht wurde die Brücke 1967. Was ist ungewöhnlich?
Das Spezielle sind die einbetonierten Schrägkabel, die Morandi verwendet hat. Diese hängen dabei nicht durch wie Hängebrücken, sondern sind schräg gespannte Kabel, die die Fahrbahn tragen. Man hat diese Konstruktion zuerst in Deutschland bei Stahlbrücken über den Rhein verwendet. Morandi hat die Kabel dann bei den ersten Betonbrücken einbetoniert. Die Ingenieure sind aber schnell wieder von dieser Konstruktionsweise weggekommen. Man findet sie eigentlich nur bei Brücken aus jener Zeit, vor allem von Morandi.

Infografik: Tamedia, Bildmaterial: Google

Wieso?
Es geht beim Einbetonieren vor allem darum, die Kabel vor Korrosion zu schützen. Dafür fand man aber schnell bessere Möglichkeiten.

Könnte es sein, dass die ungewöhnliche Bauweise der Grund für den Einsturz der Brücke in Genua war?
Das ist Spekulation. Es könnte allerdings schon sein, dass die Schrägkabel gerissen oder korrodiert sind. Sie sind der Schwachpunkt der Konstruktion. Aufgrund der Bilder, die ich gesehen habe, kann ich jedoch keine konkreten Aussagen machen. Da müssen wir die Untersuchung abwarten.

Es war lange schlechtes Wetter in der Region. Kann das die Ursache für einen solchen Einsturz sein?
Durchaus. Wenn das Wasser wegen verstopfter oder überlasteter Abläufe liegen bleibt, steigt die Last auf der Brücke. Im konkreten Fall glaube ich allerdings nicht, dass das die alleinige Einsturzursache ist. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine kleine Zusatzlast durch Wasser einen gewissen Einfluss hatte.

Video: Die Brücke aus der Luft

Aufnahmen aus der Luft zeigen das Ausmass der Zerstörung . (Twitter/Tamedia)

Wie häufig geschehen solch katastrophale Brückeneinstürze überhaupt?
Weltweit passiert dies schon ein paar Mal pro Jahr. Wir erfahren lange nicht von allen. Je näher bei uns so etwas stattfindet, desto mehr sind wir beunruhigt. Wenn das irgendwo in Südamerika stattfindet, finden wir schnell eine Ausrede, warum so etwas bei uns nicht geschehen kann. Bei Italien wird das etwas schwieriger.

Ist es überhaupt möglich, dass eine Brücke ohne Warnsignale einbricht?
Das kann tatsächlich vorkommen. Bei einer Autobahnbrücke sowieso. Bei den Fahrgeschwindigkeiten würden Vorzeichen gar nicht wahrgenommen.

Die Bilder des Unglücks:

Im Rahmen von Inspektionen oder Unterhaltsarbeiten sollten aber Warnsignale schon sichtbar sein.
In der Schweiz werden Brücken alle fünf Jahre inspiziert. Wie es bei der Morandi-Brücke war, weiss ich nicht. Das Ziel ist schon, Warnsignale rechtzeitig zu entdecken. Aber eine Garantie dafür gibt es nicht.

Das Spezielle sind die einbetonierten Schrägkabel, die Morandi verwendet hat. Das sind schräg gespannte Kabel, die die Fahrbahn tragen. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Was wären typische Zeichen?
Risse oder Deformationen. Aber es gibt eben auch Bauweisen mit einem schlechten Ankündigungsverhalten. Bei denen merkt man im Voraus fast nichts.

Könnte so ein Einbruch auch in der Schweiz passieren?
Das würde man bei den Überprüfungen wohl rechtzeitig merken. Zudem versuchen wir bei uns die Brücken so zu bauen, dass es zuerst deutliche Risse oder Durchbiegungen gibt, bevor wirklich etwas einstürzt.

Erstellt: 14.08.2018, 19:19 Uhr

Thomas Vogel

Der Ingenieur ist ETH-Professor für Baustatik und Konstruktion, Schwerpunkt Konstruktion und Erhaltung.

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