Die sibirische Prinzessin singt

Maria Butina hat als russische Agentin den Kontakt zu Trump gesucht. Putin will von nichts gewusst haben. Dabei reichten ihre Beziehungen bis in den Kreml.

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Sie trafen sich erstmals in einem Hotel in Las Vegas. Das war im Juli 2015, Donald Trumps Wahlkampf war in der embryonalen Phase, seine Pressekonferenz am Freedom-Fest, einem Kongress des konservativen Amerikas, war jedoch überfüllt. Die rothaarige junge Russin erregte trotzdem seine Aufmerksamkeit. «Ja, bitte, ma'am», lud er sie ein, eine Frage zu stellen. Maria Butina wollte wissen, was Trump als Präsident vorhabe, um die angeschlagenen russisch-amerikanischen Beziehungen zu verbessern. «Ich glaube, ich werde sehr gut auskommen mit Putin», sagte Trump.

Butina, damals 27, wurde in Las Vegas gefragt, weshalb sie von so weit her ans Freedom-Fest angereist sei. «Ich möchte mehr wissen und dieses Wissen nach Russland bringen», sagte Butina, wie der «Guardian» berichtete. «Ich hoffe, es wird meinem Land nützen.»

«Ich glaube, ich werde sehr gut auskommen mit Putin»: Butinas Frage und Trumps Antwort. Video: Guardian/Youtube

Drei Jahre später hatte sich Butinas patriotische Neugierde in eine kriminelle Verschwörung entwickelt: Im vergangenen Juli wurde die Russin festgenommen. Die US-Staatsanwaltschaft warf ihr vor, als Geheimagentin für den Kreml gearbeitet zu haben. Selber eine leidenschaftliche Waffenrechtsaktivistin, wurde Butina angeklagt, die National Rifle Association (NRA), die mächtige amerikanische Waffenlobby, infiltriert zu haben. Des weitern hat Butina gemäss FBI versucht, die Republikanische Partei und die US-Regierung zu beeinflussen.

Zunächst bestritt die inzwischen 30-jährige Russin jede Schuld. Sie ist in der Nähe Washingtons inhaftiert, zeitweise in einer Einzelzelle. Gemäss ihrem Anwalt leidet sie an Depressionen und Platzangst. Nun kooperiert Butina mit der US-Staatsanwaltschaft und bekennt sich schuldig, als «unregistrierte Agentin» aktiv gewesen zu sein. Damit ist sie die erste russische Staatsangehörige, die nach der Präsidentenwahl 2016 zugegeben hat, dass sie die amerikanische Politik beeinflussen wollte.

Offenbar hatte sich Butina Zugang zu konservativen Kreisen verschafft, indem sie angab, eine russische Variante der NRA aufzubauen. Sie pflegte die Beziehung zu prominenten Republikanern und Aktivisten der Waffenlobby. Nach dem Jahrestreffen der NRA in Indianapolis 2014 veröffentlichte sie Fotos mit Wayne LaPierre, dem einflussreichen Vize des Verbandes, sowie mit Rick Santorum, einem ehemaligen US-Senator und Bewerber fürs Weisse Haus.

Als sich die Beziehungen zur NRA vertieften, organisierte Butina für deren Chefs eine Reise nach Moskau. Dabei vermittelte sie den amerikanischen Gästen ein Treffen mit dem russischen Aussenminister Sergei Lawrow und mit Dmitri Rogosin, damals einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten, der wegen der Krim-Krise auf einer US-Sanktionsliste steht. Aufgewachsen war Butina in der sibirischen Kälte, ihr Vater soll sie mit Waffen vertraut gemacht und ihr das Schiessen beigebracht haben. 2011 gründete sie angeblich die Gruppe «Das Recht, Waffen zu tragen». Das Hochglanzmagazin «Russian GQ» stellte sie in einem schmeichelnden Porträt vor, inklusive Kurzvideo, in dem Maria Butina mit Pistolen und Unterwäsche von Dolce & Gabbana posiert.

Auf den von grauhaarigen Männern dominierten Konferenzen der amerikanischen Konservativen fiel die junge Frau aus Russland auf. Ganz besonders offenbar einem gewissen Paul Erickson, langjähriger überzeugter Republikaner mit guten Verbindungen in die NRA-Spitze. Erickson verliebte sich, nahm mit der Mickymaus-begeisterten Butina Disney-Songs auf und nannte sie in E-Mails «sibirische Prinzessin», wie die amerikanische Website «The Daily Beast» berichtet. Seit ihrer Verhaftung besucht Erickson seine Prinzessin regelmässig im Gefängnis.

Aufnahmen von Erickson und Butina bei der Aufnahme von Disney-Songs. (28. August 2018) Video: ABC

Auch Erickson selbst steht nun unter Spionageverdacht, das FBI ermittelt. Gemäss dem «Guardian» hat Butina in einer E-Mail vom 24. März 2015 ihrem Liebhaber vorgeschlagen, die Beziehung zu den Falken in der Republikanischen Partei zu verbessern, die Russland traditionell eher skeptisch sehen. Codename für das Projekt: «Diplomatie». Bemerkenswert war, dass Butina schrieb, die Republikaner «werden wahrscheinlich nach den Wahlen 2016 die US-Regierung kontrollieren». Zu diesem Zeitpunkt prognostizierten alle Umfragen einen klaren Sieg Hillary Clintons über ihren noch nicht bestimmten republikanischen Widersacher.

Während des Wahljahres liess sich Butina mit einem Studentenvisum in den USA nieder und schrieb sich für einen Kurs in internationalen Beziehungen an der American University in Washington ein. Im Fokus blieb aber das Projekt «Diplomatie». Der «Guardian» verweist auf die Anklageschrift, wonach Butina angeblich vom Kreml darin unterstützt wurde, back channels, also inoffizielle Kontakte zu US-Politikern aufzubauen.

Dabei riss Butinas Kontakt nach Moskau nicht ab. Ihr Mentor war Alexander Torschin, ehemaliger Vizechef der russischen Zentralbank und Vertrauter von Präsident Wladimir Putin. Torschin und Butina arrangierten eine Reihe von «Freundschafts- und Dialog-Dinners» in Washington und New York. Mit dabei Paul Erickson. Er stand Anfang 2016 in engem Kontakt mit einem ranghohen Mitglied des Wahlkampfteams von Trump, Rick Dearborn. Erickson bot sich damals an, Kontakte zwischen dem Präsidentschaftskandidaten und Russlands Präsident Wladimir Putin via Torschin zu arrangieren. Butina und Torschin versuchten auch direkt an Donald Trump heranzukommen, mussten jedoch mit seinem Sohn vorliebnehmen. Die Trump-Organisation bestätigte das Treffen mit Donald Jr. während der NRA-Jahrestagung in Louisville, Kentucky, im Mai 2016, spielte dessen Bedeutung jedoch herunter.

Inzwischen hat sich auch Putin zum Fall Butina vernehmen lassen, wie «Sputniknews» berichtet, die weltweit tätige russische Nachrichtenagentur, die dem Kreml sehr nahesteht. Der russische Präsident will demnach keine Ahnung gehabt haben von Maria Butina. «Als ich hörte, dass um sie herum etwas los war, (…) fragte ich zunächst die Chefs unserer Spezialdienste, wer sie ist. Niemand weiss etwas von ihr, das Einzige, was man im Föderationsrat über sie weiss, ist, dass sie angeblich für einen Stellvertreter gearbeitet hatte, das ist alles. Dafür kann sie nicht zu 15 Jahren Haft verurteilt werden. «Was ist denn das?», sagte Putin in einer Sitzung des Menschenrechtsrats in Moskau.

Die Frage ist nun, was Maria Butina den amerikanischen Beamten vorsingen wird. Kaum nur Mickymaus-Liedchen. Die Russin hat eingewilligt, vollständig mit der amerikanischen Regierung zusammenzuarbeiten.

Erstellt: 12.12.2018, 17:56 Uhr

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