Die Stimme der Macht

Der ukrainische Rockstar Swjatoslaw Wakartschuck schafft mit seiner Partei den Einzug ins Parlament.

Sitzt jetzt im Parlament und muss dort Ergebnisse liefern: Swjatoslaw Wakartschuck. Foto: PD

Sitzt jetzt im Parlament und muss dort Ergebnisse liefern: Swjatoslaw Wakartschuck. Foto: PD

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Es war der Wahlkampf eines Sängers. Mit melancholischer Stimme und ungekämmten Haaren. Nah bei den Leuten und ihren Sorgen, vor allem das. Darum verlagerte der berühmteste Rockmusiker der Ukraine, Swjatoslaw Wakartschuck, seine politische Werbetour auf die Bühne. Er hat für die Wahlen erst die Partei Golos gegründet (übersetzt: die Stimme) und dann Konzerte gegeben. Gratis, natürlich.

Doch bevor sich die Tausenden Leute den musikalischen Darbietungen hingeben durften, mussten sie das Parteiprogramm über sich ergehen lassen. Dann trat der 44-jährige Wakartschuck auf die Bühne und schlug einen Handel vor. Seine Stimme für etwas Unterhaltung, die Stimmen der Leute für seine Macht. Es hat geklappt. Nach einem Wahlkampf der ungewöhnlichen Volksnähe – der Musiker zeigte sich beim Joga und oben ohne nach einem Marathon – hat er mit seiner Partei die Schwelle von 5 Prozent übertroffen. Die Partei Golos zieht ins Parlament ein.

Mit Wakartschuck wird bereits der zweite Mann aus der Unterhaltung einflussreicher Politiker. Der neue Präsident Selenski ist Schauspieler und hat mit seiner Partei die Mehrheit des Parlaments geholt. «Ein einmaliger Austausch der Eliten», schreibt die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Tatsächlich ist jeder zweite Abgeordnete neu im Parlament. Obwohl Selenski die Mehrheit hat, spielt er mit dem Gedanken, Wakartschucks Leute in der Regierung aufzunehmen. Um die Macht breiter zu verteilen, um etwas Verantwortung abzugeben. Die Erwartungen der Leute sind gross in diesem zerrütteten Land.

Wie viel das Gas kostet, weiss er nicht

Dass nun ein Komiker und ein Sänger für die neue Politik des Landes stehen, freut viele, stört aber auch einige Ukrainer. «Es kann ja nicht sein, dass nur noch Schauspieler, Sänger, Jongleure und Tänzer die Politik bestimmen», sagte Politologin Alexandra Reschmedilowa von der Kiewer Universität gegenüber dem Deutschlandfunk. «Da braucht es auch Profis, die wissen, was sie wollen, und Gesetze schreiben können.» Ganz unerfahren ist Wakartschuck nicht. Er unterstützte 2004 die Orange Revolution und sass danach ein Jahr als unabhängiger Abgeordneter im Parlament. Sein Lied «Ich werde nicht kampflos aufgeben» war 2013 auf dem Maidan eine Protestparole. Und zuletzt soll der studierte Physiker den Premierminister Wladimir Groisman beraten haben.

Der Musiker und seine Partei gelten als national-konservativ und dem Westen zugewandt. Heisst: pro EU und Nato, pro Patriotismus, pro Stärkung der Armee. Aber auch kontra Russland. Jedoch soll der Krieg friedlich beendet und Gespräche mit den Russen geführt werden. Und ebenso wichtig: Kampf der Korruption und der Oligarchie.

Wakartschuck will einen Wandel, und der beginne im Parlament. «Deswegen müssen wir da rein», sagte er vor der Wahl. Nun ist er drin und muss liefern. Denn den Gegnern ist noch immer eine Episode im Kopf, als er sich im TV blamierte. Die Rivalin und einstige Regierungschefin Julija Timoschenko fragte ihn in einer Talkshow, wie viel die Bürger durchschnittlich für das Gas zum Heizen bezahlen. Wakartschuck hatte keine Ahnung.

Plötzlich war er ganz weit weg von den Ukrainern.

Erstellt: 23.07.2019, 17:42 Uhr

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