Die Strategie ist aufgegangen

Marine Le Pen hat den rechtsextremen Front National salonfähig gemacht. Sogar Linksintellektuelle stellen sich mittlerweile hinter sie.

Mit dem Parteiausschluss ihres Vaters hat sich Marine Le Pen den Weg zur Präsidentschaftskandidatur geebnet. Foto: Keystone

Mit dem Parteiausschluss ihres Vaters hat sich Marine Le Pen den Weg zur Präsidentschaftskandidatur geebnet. Foto: Keystone

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Als Marine Le Pen im April dieses Jahres über den roten Teppich ins New Yorker Lincoln Center schritt, wusste sie, dass sie es geschafft hatte. Sie trug ein schulterfreies, blaues Abendkleid und strahlte in die Kameras. Das amerikanische «Time Magazine» hatte sie auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres gesetzt und zum Galadinner eingeladen. Sie, die man in Frankreich lange Zeit gerne aus den Medien ferngehalten hätte, stand mit einem Mal auf einer weltweiten Bühne, auf der sie neben der Schauspielerin Emma Watson und anderen Berühmtheiten wie Kanye West und Kim Kardashian eine gute ­Figur machen durfte.

In diesem Jahr ist Marine Le Pen die einzige französische Politikerfigur, die es auf die «Time»-Liste geschafft hat. Da steht ihr Name jetzt neben dem von Barack Obama, Wladimir Putin und Alexis Tsipras. Zu Recht war sie über diese «symbolische Auszeichnung» stolz. Es zeige, sagte sie vor der versammelten ­internationalen Presse, dass der Front National eine «seriöse Bewegung» sei.

Charme und Ehrgeiz

Seriosität also, das ist es, was sie erreichen wollte. Ihre Strategie der Entdiabolisierung ist somit aufgegangen. Obwohl sich Marine Le Pen demnächst wegen Anstachelung zum Rassenhass vor Gericht verantworten muss, weil sie 2010 die Strassengebete französischer Muslime mit der deutschen Besatzung verglichen hat, ist ihre Partei eindeutig salonfähig geworden. Nicht nur in Frankreich.

Kurz vor der Preisverleihung in New York hatte Le Pen angekündigt, der Front National werde spätestens innerhalb der nächsten zehn Jahre an der Macht sein. In ihrer Begründung schrieb die «Time»-Jury: «Ihre Voraussage klingt inzwischen alles andere als absurd.» Wenn Frankreichs «glanzlose Führer» sie in ihrem Run auf den Elysée-Palast stoppen wollten, sollten sie ihren «ineffektiven, feigen Politikstil überdenken und eine eigene, verlockendere Revolution» lostreten: «Le Pen hat aus Politikverdrossenheit Gold gesponnen. Sie legt bei Europa- und Lokalwahlen bereits kräftig zu, indem sie ihre Anti-Europa- und Anti-Einwanderungs-Kampagnen mit Charme und Ehrgeiz mischt.»

Dass sie Charme hat, ist unbestreitbar. Wer Marine Le Pen persönlich begegnet, wird durchaus so etwas wie Sympathie für sie empfinden. Mit ihrer tiefen Stimme, ihren klaren Augen, ihrer Schlagfertigkeit kann sie einen in ihren Bann ziehen. Sie ist der Typ zum Pferdestehlen. Ihrem politischen Diskurs zu lauschen, ist indes eine grössere Prüfung, zumindest für diejenigen, die noch an Europa und seine Werte glauben. Schliesslich will sie die EU am liebsten auflösen, den Euro abschaffen und zu einem idyllischen Zustand nationaler Souveränität zurückkehren, als liesse sich die geopolitische Uhr zurückdrehen und die Globalisierung wieder abschaffen. Dazu gehört natürlich auch, Frankreichs Grenzen komplett zu schliessen.

«Alles Wirtschaftsflüchtlinge»

Ob sie denn überhaupt kein Herz habe angesichts der Massen von Flüchtlingen, die müde, ausgekühlt und hungrig vor Europas Toren stehen, wurde sie bei einem Treffen mit der Auslandspresse in Paris gefragt. Le Pen konterte: Es sei nicht Aufgabe der Politiker, die Toten zu beweinen, sondern die Toten zu verhindern. Was man tun müsse? Es seien allesamt Wirtschaftsflüchtlinge, sagte sie: «Wir werden sie aufwärmen, ihnen Essen geben und dorthin zurückschicken, wo sie hergekommen sind.» Das sei die einzige humane Politik, die für sie denkbar ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnet sie inzwischen als «Kaiserin» und auch sonst lässt sie keine Gelegenheit aus, Deutschland-Bashing zu betreiben.

Dass sie ehrgeizig ist, versteht sich, dass sie so ehrgeizig ist, dass sie sogar zum Vatermord schritt, unterstreicht ihre gefährliche Entschlossenheit. Mit dem Ausschluss Jean-Marie Le Pens aus der Partei, dem sie ausserdem den Titel des Ehrenpräsidenten entziehen liess, scheint der Weg für ihre Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen geebnet.

«Ein Teil der konservativen Wählerschaft könnte nun viel eher versucht sein, Front National zu wählen, der jetzt so entdiabolisiert daherkommt wie nie zuvor», vermutet der Meinungsforscher Jérôme Fourquet. Sein Institut Ifop hat unlängst herausgefunden, dass 14 Prozent der Wähler, die bei den vergangenen Wahlen nicht für Le Pen gestimmt hatten, ihre Meinung geändert haben und sich das inzwischen vorstellen können. Andere Umfragen ergeben immer wieder, dass Le Pen aus der ersten Wahlrunde als Siegerin hervorgehen könnte. Auch für die Anfang Dezember anstehenden Regionalwahlen sind die Prognosen rosig.

Der Spindoktor dieser Strategie, der den Front National salonfähig gemacht hat, ist Florian Philippot. Es war ein genialer Schachzug von Le Pen, jemanden wie ihn zum Parteivize zu machen, der genau zum Establishment gehört, das sie so lange schon bekämpft. Als Abgänger mehrerer Eliteschulen verkörpert Philippot wie kein anderer die neue Seriosität. Es zeigt vor allem, dass umgekehrt auch die Elite keine Berührungsängste mehr hat. Als die französische Klatschpresse Philippot als homosexuell outete, war das in Wahrheit ein weiterer Pluspunkt für den Front National. Die Zeiten des Alten, der gern auf alles hetzte, was irgendwie anders war, schienen damit endgültig vorbei.

Der Euro vereint links und rechts

Unverhofft hat Le Pen jetzt Rückendeckung von französischen Linksintellektuellen bekommen, die bislang nicht im Verdacht standen, zu ihren Fans zu gehören. Der angesehene französische Wirtschaftswissenschaftler Jacques Sapir hat zu einer «Anti-Euro-Front» aufgerufen, in der sich die radikale Linke und die äusserste Rechte Frankreichs verbinden sollten, um gemeinsam gegen den Euro zu agieren. Le Pen beglückwünschte sich zu dieser neuen Verbindung ins linksextreme Lager und schrieb in einem Tweet: «Endlich kommt Bewegung in die Debatte über den Euro in Frankreich. Bin sehr glücklich, sie losgetreten zu haben und die Hoffnung zu verkörpern, eines Tages diese Hölle zu verlassen.» Unter ihrem Pseudonym Anne Lalanne hatte sie auf Twitter die Forschungsarbeiten von Sapir immer wieder gelobt und verbreitet.

Als Sapir von seinem eigenen politischen Lager kritisiert wurde, sprang ihm ein anderer Linksintellektueller, ­Michel Onfray, zur Seite: Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon, Chef der Linksfront, teilten viele Positionen, analysierte Onfray, der sich als «sozialer Atheist» bezeichnet. Sapir verbünde «über Parteigrenzen hinweg». Ein «hemmungsloses, rechtsextremes Abdriften» konstatierten darauf Kritiker, und die linke Tageszeitung «Libération» widmete ihrer Onfray-Kritik ihre Titelseite. Man kann die Perspektive aber auch Umdrehen. Es sind womöglich nicht die anderen, die abdriften, sondern Le Pen ist es gelungen, die Partei Richtung Salon zu rücken und aus ihr – über alte ideologische Grenzen hinweg – ein gesellschaftsfähiges Auffangbecken für all diejenigen zu machen, die mit den Verhältnissen unzufrieden sind. Und die sind in Frankreich zahlreich.

Wird sie ihre Strategie der Entdiabolisierung irgendwann für erfolgreich beendet erklären? «Das Volk ist längst so weit», sagt Le Pen gegenüber dieser Zeitung, «nur die Eliten leisten noch Widerstand. Das werden sie auch weiter tun, weil sie die Macht nicht verlieren wollen.» Ein Teil von ihnen aber hat das ­begriffen und das Lager gewechselt.

Erstellt: 29.09.2015, 19:23 Uhr

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