«Die toten Kinder sind nicht mehr auf Utøya, ihr Geist schon»

Wieso stritten sich die Eltern der Breivik-Opfer und die Arbeiterpartei? Wie verarbeitet Norwegen den Terror? Die Autorin Åsne Seierstad antwortet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Über Extremismus und Terroranschläge hatte Åsne Seierstad, Jounalistin und Buchautorin, schon früher geschrieben. Doch nie über das eigene Land. Bis am 22. Juli 2011 Anders Breivik 77 Menschen in Oslo und auf der norwegischen Insel Utøya umbrachte. Seierstad verfolgte das Gerichtsverfahren gegen ihn, sprach mit Überlebenden, Angehörigen der Opfer und Menschen, die Breivik gekannt haben. In ihrem Buch «One of us», das kommendes Jahr auf Deutsch erscheinen soll, portraitiert die Norwegerin Breivik und rekonstruiert die Tat. Sie erzählt auch die Geschichten der jungen Menschen, die auf der Insel waren, als es passierte. In ihrem Wohnzimmer in Oslo spricht sie nun über das Sommerlager, das an diesem Wochenende zum ersten Mal wieder auf Utøya stattfindet.

Åsne Seierstad, die Jugend von Norwegens Arbeiterpartei (AUF) hätte sich am liebsten schon vor zwei Jahren wieder auf Utøya getroffen. Doch vielen Eltern von Opfern ging das zu schnell. Sind vier Jahre genug Zeit?
Ich kann nicht sagen, ob vier Jahre zu früh sind, ob es fünf Jahre sein sollten oder sechs. Aber ich habe das Gefühl: Es ist schon in Ordnung. Die toten Kinder sind nicht mehr auf der Insel. Aber ihr Geist ist noch dort. Genau deswegen sollten sie Utøya wiedereröffnen.

Trotzdem gibt es vereinzelt immer noch Eltern, die die Parteijugend beschuldigen, auf den Gräbern ihrer Kinder zu tanzen. Woher kommen diese unversöhnlichen Gefühle?
Als ich mein Buch während der ersten Jahre nach dem Anschlag geschrieben habe, gab es viel Ärger und Trauer. Es entstand ein tiefer Graben zwischen Eltern und AUF, wenn es um die Frage ging, was mit der Insel geschehen sollte. Die Parteijugend war definitiv zu schnell in ihren Plänen, zu früh, zu unsensibel, zu politisch. Vielleicht war sie auch ein wenig überfordert und sicher nicht dimensioniert für das, was damals los war. Sie haben nicht begriffen, dass das erste Jahr ein Jahr der Trauer ist. Für den Bruch mit den Eltern hat ausserdem eine grosse Rolle gespielt, was am ersten Jahrestag des 22. Juli passiert ist.

Die AUF wollte die Eltern zunächst nicht auf die Insel lassen, um ihrer Kinder dort zu gedenken.
Am ersten Tag nach dem Anschlag, als der damalige AUF-Chef Eskil Pedersen sagte: ‹Wir werden die Insel zurückfordern›, habe ich noch gedacht: Natürlich, ihr müsst euch die Insel zurückholen. Das war mein erster Instinkt. Doch dann, nach einem Jahr, war ich völlig auf der Seite der Eltern. Ich fand es grausam, dass die Parteijugend sie nicht auf die Insel lassen wollte. Es war ein sehr schlechter Start. Aber jetzt ist das alles vier Jahre her.

Sind die meisten Eltern heute einverstanden mit dem Sommerlager?
Darüber führt niemand eine Statistik. Ich glaube, für die meisten Eltern ist es okay. Oft sind sie ja selber in der Arbeiterpartei. Wenn sie wirklich Respekt vor dem haben, was ihren Kindern wichtig war, dann wollen sie, dass das Camp weitergeht. Denn die Kids haben es geliebt, es war das Highlight des Sommers, das Ferienlager auf Utøya. Für euch im Ausland ist die Insel erst kürzlich zu einem Symbol geworden. Aber hier war sie schon immer ein Symbol, mein ganzes Leben lang. Obwohl ich selbst nie dort war, weil sie ja der Arbeiterparteijugend gehört. Utøya stand für Freude, Gemeinschaft, für die fröhliche Seite der Arbeiterpartei. Wer würde gewinnen, wenn daraus ein Friedhof würde? Nur der Terrorist. Ich denke, so sehen es die meisten Eltern auch.

Ihre Kinder hätten gewollt, dass es weitergeht?
Mit Sicherheit. Es waren sehr unabhängige, enthusiastische, aufgeschlossene junge Menschen. Sie wurden ermordet, bevor sie erwachsen werden konnten. Sie werden niemals in das Alter kommen, in dem sie selbst entscheiden können. Ihre Eltern werden immer für sie entscheiden. Das ist zum Beispiel auch schwierig, wenn es um die Frage geht, ob ihre Namen auf ein Denkmal geschrieben werden sollen. Acht Namen von Opfern fehlen auf dem neuen Denkmal auf der Insel und auch in der Ausstellung über den 22. Juli in Oslo. Die Eltern haben es so entschieden. Dabei denke ich manchmal, die Kinder hätten ihre Namen dort sicher gewollt. Aber das ist natürlich nicht meine Entscheidung.

Die Insel hat sich insgesamt ziemlich verändert, ein neues Haupthaus und die Gedenkstätte sind dazu gekommen. Die Cafeteria, in der es so viele Opfer gab, soll nun in ein Bildungszentrum über Extremismus integriert werden. Helfen die Veränderungen oder gefährden sie das, wofür Utøya stand?
Ich halte die Pläne für ziemlich gut. Teile der Cafeteria werden erhalten. Sie war schon vorher ein grässlicher Bau, schäbig und alt, der sowieso nicht mehr lang gestanden hätte. Aber jetzt sollten sie natürlich einige der Wände erhalten, die an den Terror erinnern. Ein Bildungszentrum gegen Extremismus ist eine gute Idee, welcher Ort könnte dafür besser geeignet sein. Die Insel ist jetzt ein nationales Symbol.

Wenn man die AUF fragt, warum sie das Sommerlage an diesen Ort zurückzubringen, antworten sie oft: Ein schrecklicher Tag soll nicht alle guten Tagen dort zerstören. Wäre das auch Ihre Antwort?
Es ist nicht nur ein schrecklicher Tag gewesen, es war eine nationale Tragödie. Der Täter wollte die Arbeiterpartei zerstören, ihre Werte, die Werte Norwegens. Das ist die bessere Begründung, und es ist sicher auch die der AUF: Wenn sie die Insel aufgibt, hätte er gewonnen. Aber ich denke, für sie ist es wahrscheinlich zu schmerzhaft, seinen Namen auszusprechen. Deswegen vermeiden sie es. Sie wollen ihn nicht auf diese Ebene stellen und sagen, dass er ihnen das angetan hat. Sie wollen ihn begraben. Doch das können sie natürlich nicht. Deswegen fällt ihnen eine Erklärung so schwer.

In Oslo hat eine Ausstellung über den 22. Juli eröffnet und manche befürchten, sie könnte auch ein Museum für den Täter werden. Eine begründete Sorge?
Dieselbe Diskussion hat es ja schon um das 9/11 Museum in New York gegeben, ob es womöglich ein Osama bin Laden Museum wird. Ich denke, die Ausstellung ist sehr gut. Zuerst kommen die Opfer, dann eine Zeitleiste, die erklärt, was passiert ist. Norwegen ist dabei, zu vergessen. Nach dem Gerichtsverfahren gegen Breivik waren wir so überfüttert mit Informationen, wussten genau, was passiert ist. Alle, Partei, Presse, Gesellschaft, haben danach einfach aufgehört, über ihn zu sprechen.

Breivik folgte einer rechtsextremen Ideologie, wird darüber in Norwegen heute mehr diskutiert?
In Norwegen wird immer noch der islamistische Terror als grösste Bedrohung betrachtet, obwohl der einzige Terroranschlag, den wir hatten, rechtsextrem war. Doch Breivik war nicht Teil einer organisierten Gruppe. Er hat alleine gehandelt. Während des Gerichtsverfahrens sind diese ganzen rechten Gruppen zu Wort gekommen, aber es waren meist wenig eloquente Typen mit je 20, vielleicht mal 40 Leuten hinter sich. Es gibt keinen starken Rechtsextremismus in Norwegen. Breivik war eine Anomalie.

Fällt es der Gesellschaft deswegen schwer, über die Ursachen seiner Tat zu sprechen?
Wahrscheinlich schon. Aber es wichtig auszusprechen, dass er ein politischer Terrorist ist. Es ist Teil eines Trends von Extremismus, auch wenn er allein gehandelt hat. Er wollte die Gesellschaft gewaltsam verändern, genauso wie Jihadisten es tun. Ich bin froh, dass er vor Gericht nicht für unzurechnungsfähig erklärt wurde. Dass niemand sagen kann: ‹Oh, er ist verrückt, wir sind gesund, aber er ist krank. Vergesst ihn einfach.› Man darf nicht vergessen, dass die Getöteten politisch aktiv waren. Sie sind für das gestorben, woran sie geglaubt haben, weil sie Parteimitglieder waren oder für die Regierung gearbeitet haben. Es ist nicht nur eine Tragödie, es ist ein Terrorakt gewesen. Die Opfer waren nicht zufällig.

Setzt sich die Parteijugend mit ihrem neuen Sommercamp nun wieder dieser Gefahr aus?
Ich denke, sie brauchen ein wenig mehr Sicherheitsleute dort, um sich selbst sicher zu fühlen. Ausserdem ist das Sommerlager ein nationales Symbol geworden, deswegen muss der Schutz erhöht werden. Trotzdem würde ich mir anstelle der Eltern keine Sorgen machen, mein Kind dorthin zu schicken.

Können sie am Ende wirklich Spass haben auf dieser Insel?
Sicher. Denn sie sind gut darin, zu vergessen. Es ist doch so: Die Journalisten aus dem Ausland kamen nach Norwegen, als das Desaster passiert, sie kamen für den Gerichtsprozess, und jetzt kommen sie wieder für das Sommerlager. Aber in der Zwischenzeit ist hier viel passiert. Wir haben debattiert, wir haben getrauert, wir haben uns auseinandergesetzt. Die Parteijugend hatte viele Treffen, Trauerveranstaltungen, Treffen mit Psychologen und mit Hinterbliebenen. Zeit ist vergangen. Es ist jetzt in Ordnung.

Erstellt: 09.08.2015, 16:12 Uhr

Die Autorin und Journalistin Åsne Seierstad arbeitete als Kriegsreporterin. Hier präsentiert sie ihr Buch über Anders Breivik und seine Taten «En av oss» (Einer von uns). (Bild: Wikicommons)

Artikel zum Thema

Die Rückkehr nach Utöya

Über 1000 Jugendliche haben sich für das erste Sommerlager auf Utöya angemeldet. Jener norwegischen Insel, auf der Anders Breivik vor vier Jahren 69 Menschen umbrachte. Mehr...

Wie früh ist zu früh?

Vor vier Jahren erschoss Anders Breivik auf Utøya 69 Menschen. Nun soll am Ort des Horrors wieder ein Ferienlager stattfinden. Den Angehörigen der Opfer geht das viel zu schnell. Mehr...

Norweger gedenken der 77 Breivik-Opfer

Vier Jahre nach den Anschlägen von Norwegen gab es in Oslo eine Trauerfeier. Zudem ist eine Ausstellung zum Attentat eröffnet worden. Dafür gab es viel Kritik. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...