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Die Türkei abseits der grossen Zentren

Wochenlang haben in den türkischen Grossstädten Istanbul und Ankara Zehntausende gegen die autoritäre Regierung demonstriert. In der Industriemetropole Konya hat dafür niemand Verständnis.

Tragen ein Lächeln auf dem Gesicht: Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten horchen einer Rede Erdogans in Konya. (2007)
Tragen ein Lächeln auf dem Gesicht: Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten horchen einer Rede Erdogans in Konya. (2007)
Keystone

Istanbul, Ankara, Izmir: Es waren die türkischen Grossstädte, die jüngst mit Anti-Regierungsprotesten für Schlagzeilen gesorgt haben. Doch was halten die Menschen abseits der grossen Zentren von den Demonstrationen?

In Konya scheint die Welt noch in Ordnung. Nur wenige Restaurants bieten Alkohol an. Das Kopftuch gehört zum Strassenbild der türkischen Stadt. Touristen lockt das Grab eines islamischen Mystikers aus dem 13. Jahrhundert an - und nicht das laut Reiseführer unterentwickelte Nachtleben.

Konya und seine religiös-konservative Bevölkerung stehen in Treue fest zu Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner islamisch orientierten AKP-Partei. Das weltoffene Istanbul und die Hauptstadt Ankara, wo zumeist junge und gut ausgebildete Menschen wochenlang gegen den aus ihrer Sicht autoritären Regierungschef revoltierten, scheinen Welten von Konya entfernt.

Dabei ist Konya nicht irgendein Kaff in Anatolien. Im Gegenteil: Die Industriestadt mit ihren 1,1 Millionen Menschen brummt und modernisiert sich rasant. Konya gehört zu den «anatolischen Tigern», jenen Städten, deren Wirtschaft in dem Jahrzehnt unter Erdogan aufblühte.

Strassen, Schienen, Demokratie

Das Strassennetz wurde erweitert und dank einer Express-Bahnverbindung ist Ankara weniger als zwei Stunden entfernt. Hier hat die übergrosse Mehrheit der Menschen kein Verständnis für die Demonstranten von Istanbul, Ankara und Izmir.

«Man kann nur die AKP wählen», sagt Yasar Bilen, der in der Erdogan-Ära mit dem Verkauf von Zentralheizungen viel Geld verdient hat. Er verdanke Erdogan und der AKP alles, sagt der fromme Selfmademan und zählt auf: ein neues Auto, neues Haus, neue Schuhe und neue Anzüge.

Und die Kinder hätten eine ordentliche Bildung erhalten, sagt der Unternehmer in seinen Sechzigern und deutet dabei auf ein Bild an der Wand, das ihn und den jungen Erdogan vor über 35 Jahren zeigt. «80 Prozent in Konya denken wie ich. Gehen Sie und fragen Sie die Leute.»

Erdogan hätte seine Politik kaum besser verkaufen können. Wie kein Politiker seit Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk vor 90 Jahren dominiert Erdogan die Türkei. Er hat dem Land demokratische Reformen verpasst.

Armee entmachtet

Die Armee, die sich in vier Jahrzehnten viermal an die Macht putschte, hat Erdogan entmachtet. Mit der EU verhandelt er über den Beitritt, den rebellischen Kurden rang er nach 30 Jahren Krieg Friedensgespräche ab. Wichtiger noch hat sich das nominale Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht.

Das alles färbt die politische Landkarte orange, die Farbe der AKP. Nur die Ägäis, die Kurdengebiete im Südosten und der kleine europäische Teil der Türkei sind kein Erdogan-Land.

Doch selbst in den Erdogan ergebenen Regionen regt sich leiser Widerstand gegen Pläne des Regierungschefs, einen alkoholfreien Joghurt anstelle des hochprozentigen Raki zum Nationalgetränk zu machen und Frauen das Austragen dreier Kinder zu empfehlen.

In den frühen Tagen des Protestes gab es ein oder zwei Demonstrationen. Doch im Gegensatz zu Istanbul und Ankara prügelte die Polizei die Aufzüge nicht auseinander, sondern schützte sie vor Angriffen knüppelschwingender Banden.

«Bin ich völlig glücklich mit ihm? Nein», beschreibt der Kellner Sinasi Celik aus der 200 Kilometer von Konya entfernten anatolischen Kleinstadt Nevsehir seine Gefühle für Erdogan. Ihm gefalle der Stil des Regierungschefs nicht, und ausserdem mische der sich zu viel in private Angelegenheiten wie die Kinderzahl ein.

Heute ist es besser

«Aber ich sag' Ihnen: Am Wahlausgang wird das nichts ändern. Früher gab es keine Strassen und kein anständiges Spital. Jetzt ist alles anders, und den Menschen geht es besser.»

Unverständnis über die Demonstranten von Istanbul und Ankara äussert auch der 77-jährige Naci, der früher im öffentlichen Dienst gearbeitet hat. Die Protestierer seien viel zu jung, um sich an die schlechten Zeiten vor Erdogan erinnern zu können, in die sie die Türkei zurückstürzen lassen wollten.

SDA/wid

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