Die Über-Europäerin

Sylvie Goulard ist Vertraute von Emmanuel Macron und soll EU-Kommissarin werden. Aber ihr haftet ein Makel an.

Sie hat 10'000 Euro im Monat von einer Beratungsfirma kassiert. Damit können sich nicht alle anfreunden: Sylvie Goulard. Foto: Reuters

Sie hat 10'000 Euro im Monat von einer Beratungsfirma kassiert. Damit können sich nicht alle anfreunden: Sylvie Goulard. Foto: Reuters

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Wer eine Podiumsdiskussion besucht, bei der Sylvie Goulard auf der Bühne sitzt, kann sicher sein, sich nicht zu langweilen. Die 54-Jährige spricht pointiert, argumentiert schnell, manchmal auch konfrontativ. Sie kennt sich in Finanz- und Europapolitik gut genug aus, um sperrige Fachbegriffe hinter sich lassen zu können. Als am Mittwoch offiziell wurde, dass Goulard vom Elysée-Palast für den französischen Sitz in der EU-Kommission vorgeschlagen wird, war das ein Zeichen: Nun kommt die Fachfrau.

Der Job in der EU-Kommission käme für Goulard einem Heimspiel gleich. Von 2001 bis 2004 war die studierte Juristin Beraterin des damaligen Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi. 2009 wurde sie für die zentristische Partei Modem als Abgeordnete ins Europaparlament gewählt. Sie blieb dort bis 2017 und arbeitete im Parlamentsausschuss für Wirtschaft und Währung.

Als Emmanuel Macron 2017 die französische Präsidentschaftswahl gewann, begann auch für Goulard eine neue Ära. Sie hatte Macrons Kandidatur nicht nur von Anfang an unterstützt, sondern auch sein aussenpolitisches Programm geprägt. Gilt Macron als Europäer aus Leidenschaft, dann muss man in Goulard die Über-Europäerin sehen: Sie spricht neben Französisch fliessend Deutsch, Italienisch und Englisch.

Als sie in der Öffentlichkeit stand, begann ihre Niederlage

Die europapolitischen Positionen, für die Macron heute steht, vertritt Goulard seit Jahrzehnten. Erstens: Die EU muss vertieft werden, um zu bestehen. Zweitens: Von den Nationalisten und Souveränisten geht die grösste Gefahr für die EU aus. Drittens: Das beste Instrument, um die EU-Staaten aneinanderzubinden, ist eine gemeinsame Finanzpolitik.

In den Tagen, die zwischen Macrons Wahlsieg und der Vorstellung seiner Regierungsmannschaft vergingen, stand Goulard im Zentrum der Spekulationen. Könnte sie Frankreichs erste Premierministerin werden? Sie wurde es nicht. Für Goulard war stattdessen das Verteidigungsministerium vorgesehen.

Die Zeit in der Regierung stellt in der Biografie der Südfranzösin jedoch nicht den Höhepunkt ihrer Laufbahn dar, sondern markiert ihre erste öffentliche Niederlage. Bereits im Juni 2017 bat sie Macron darum, zurücktreten zu dürfen. Gegen ihre Partei Modem begannen Ermittlungen wegen möglicher Scheinbeschäftigungen im EU-Parlament. Goulard betonte, dass sie «reinen Gewissens» sei und nur deshalb auf ihr Amt verzichtet habe, um die Regierungsarbeit nicht zu belasten. Bis heute wurde gegen Goulard selbst kein Verfahren eröffnet.

Doch im Laufe der Affäre enthüllte die Wochenzeitung «Canard enchaîné», dass Goulard von 2013 bis 2016 monatlich 10'000 Euro Beraterhonorar von der privaten Denkfabrik Berg-gruen Institute bezogen hat. Eine Summe, die Goulard als «Nicht-Thema» bezeichnete, schliesslich habe sie die Einnahmen immer deklariert. Nach einem halben Jahr politischer Pause wurde Goulard 2018 Vizegouverneurin der französischen Zentralbank. Doch der Berggruen-Vertrag klebt nun als Makel an Goulards EU-Bewerbung. Auch innerhalb des Elysée soll über ihre Kandidatur gestritten worden sein.

Erstellt: 29.08.2019, 18:24 Uhr

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