Die wahre Goldgrube der Mafia

Die Mafia fälscht Lebensmittel wie Mozzarella und Olivenöl. Wer sich gegen die «Agromafia» wehrt, muss um sein Leben fürchten.

Die Mafia hat nun auch die Lebensmittelindustrie infiltriert: Ein Markt in Neapel. Foto: Maurizio Siani (Getty Images)

Die Mafia hat nun auch die Lebensmittelindustrie infiltriert: Ein Markt in Neapel. Foto: Maurizio Siani (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er muss süss im Mund liegen, der Mozzarella von Roberto Battaglia. Um Himmels willen nicht salzig. «Das Salz überdeckt alle Geschmäcker», sagt Battaglia. Mit einem Messer durchsticht er die feste Haut der kleinen Kugel auf dem Teller, eine Naht überzieht sie. «Schau nur, wie die Milch herausfliesst, ist es nicht wunderbar?» Die weissen Tropfen, sie hängen wie Tränen am Messer.

Oro bianco, sagen die Italiener zum Mozzarella di bufala, weisses Gold. Und diesen Begriff sollte man wörtlich verstehen. Hergestellt wird der einzig wahre Mozzarella aus Büffelmilch im Norden und im Süden von Neapel, im Casertano und bei Salerno. Da, wo die Tiere mit dem schwarzen Fell und den geschwungenen Hörnern, die ja eigentlich aus Asien stammen, seit Jahrhunderten eine zweite Heimat haben. Feuchtes Klima, sandige Böden, ziemlich ideal. Im Casertano ist der Mozzarella salziger als in Salerno, weil das Bad, in das er bei der Herstellung gelegt wird, intensiver ist.

Gehören zu den Wahrzeichen des Landes: Italiens Märkte. Foto: Alberto Bernasconi (laif)

Ausser eben dem Mozzarella von Roberto Battaglia, der ist süss. Zu süss? Die Italiener führen halbe Glaubenskriege über Essensfragen, auch über die, was auf die Pizza kommt: Mozzarella oder Fior di latte? Das ist mehr als Folklore. Der Mozzarella ist ein Milliardenbusiness geworden. Geliebt rund um die Welt, selbst in seiner eher geschmacklosen, gummiartigen Version. Ein globales Geschäft, das das organisierte Verbrechen längst für sich entdeckt hat. Unterwandert von der Camorra, der Mafia Neapels.

Die Camorra hat auch Roberto Battaglia in die Knie gezwungen, ihm Milch und Traktoren gestohlen, Unterstände abgebrannt, ihn mit Wucherzinsen überzogen, bis er nicht mehr konnte und zur Polizei ging. «Ich war müde, die Angst war plötzlich weg.» Ein Abend im Eataly in Rom. Der Supermarkt für alle wirklich köstlichen Dinge der italienischen Gastronomie hat sich in einer Halle beim Bahnhof Ostiense eingerichtet. Es ist 19 Uhr, die drei Stockwerke sind voller Kunden. Über den Auslagen für Käse und Fleisch, für Mortadella mit Trüffeln und in Wein gegarte Wurst hängen Schinken zu Dutzenden, ein Himmel voller Prosciutti. Aus der Rosticceria weht es den Duft frisch gegrillter Hühner herüber, an den Kassen unten stehen die Kunden Schlange. Battaglia ist spät dran, 45 Minuten zu spät. Seit sie ihm die Leibwächter mit dem Blaulicht weggenommen haben, ist er nicht mehr ganz so schnell unterwegs im römischen Verkehr.

Sie mischen Chemikalien bei, damit der Mozzarella noch weisser strahlt.

«Bin gleich da», textet er aus dem Auto. Sein Status auf Whatsapp geht so: «Das Leben ist ein Kampf, und wenn ich das sage ...» Battaglia, Robertos Nachname, bedeutet im Italienischen Kampf. Dann ist er da, er kommt durch den Lieferanteneingang, ein Bär von einem Mann, 49 Jahre alt, grau melierter Dreitagebart. Er trägt eine Windjacke in Tarnfarben, Sportschuhe, hält zwei Handys in der rechten Hand. Jeder kennt ihn, er hat hier einen Laden mit einer Schaukäserei. «Ciao Roberto.» Alle paar Meter. «Ciao Roberto.» Battaglia ist der bekannteste Hersteller von Mozzarella di bufala in Italien. Manchmal sieht man ihn im Fernsehen, sehr häufig in politischen Talkshows. Er erzählt dann von der neuen Mafia, die sich alles nimmt, sich durch die legale Wirtschaft frisst und ihr schmutziges Geld da wäscht, wo man es am wenigsten erwartet. Auch im Geschäft mit dem Oro bianco.

Die Hälfte aller Büffelhöfe im Casertano, sagt Battaglia, gehört den Camorristi. Das sind Menschen ohne Skrupel, die Gesundheit der Kunden kümmert sie nicht. Sie mischen Chemikalien bei, damit der Mozzarella noch weisser strahlt, machen Mozzarella mit Milchpulver aus Bolivien oder mit tiefgefrorenem Käsebruch aus Rumänien und verkaufen das mit dem Label DOP. Das Kürzel steht für «Denominazione di origine protetta», es ist die Garantiemarke für die Herkunft des Produkts, der Echtheitsnachweis für das höchste Preissegment. Jedes Mal, wenn die Betrüger auffliegen, fragen die Italiener sich, wie es so weit kommen konnte, dass sich die Mafia auch den Teller geschnappt hat, still und heimlich, den Stolz des Landes – il cibo, das Essen.

Viel Geld: Rund 24,5 Milliarden Euro jährlich machen Mafiosi mit hochgepriesenen Spezialitäten – allein in Italien. Foto: Ashley Gilbertson (laif)

Die Agromafia. Die Mafia der Landwirtschaft und der Lebensmittel. Sie handelt mit allem, was das kulinarische Sortiment des «Made in Italy» so begehrenswert macht, mit dem Mythos der mediterranen Küche: Olivenöl, Wein, Früchte und Gemüse, Käse, Schinken. Einfach alles, Echtes und Gefälschtes. Natürlich sind die meisten italienischen Hersteller ehrlich. Doch der Anteil der Mafia am Geschäft mit Lebensmitteln wächst exponentiell. 24,5 Milliarden Euro setzt das organisierte Verbrechen mittlerweile jedes Jahr um mit Nahrungsmitteln, allein in Italien. Ein Teil davon wird exportiert, auch nach Deutschland. Wer italienischen Käse oder Schinken im deutschen Supermarkt kauft, muss nicht automatisch um seine Gesundheit fürchten, selbst dann nicht, wenn sie von mafiösen Produzenten stammen. Auch die wollen am Markt bestehen, möglichst viel absetzen, ihre Gewinne mehren. Aber im Zweifelsfall, das steht fest, haben sie keine Skrupel.

Dazu kommt das globale Business mit «Italian Sounding». So nennt man Produkte, die man in den Supermärkten überall auf der Welt kaufen kann und deren Namen irgendwie «italienisch» klingen. In Brasilien zum Beispiel gibt es eine «Mortadella siciliana», unsinnig schon dieser Name, die echte Mortadella stammt aus Bologna. Die Fälscher werben mit Etiketten, mit denen sie die Sehnsucht nach Italien wecken, mit dem Kolosseum, dem schiefen Turm von Pisa. Nichts an diesen Produkten ist italienisch, ausser eben, dass die italienische Mafia daran mitverdient. Sie kauft sich in ausländische Nahrungsmittelfirmen ein, etwa in Amerika, und hilft beim Verführen und Betrügen der Kunden. Wenn die Rechtschreibung der italienischen Namen auf der Verpackung mal nicht stimmt, ist es auch egal, vielleicht sogar gewollt: Es zerstreut den Verdacht. Das Geschäft mit dem «Italian Sounding» bringt Experten zufolge etwa hundert Milliarden Euro jährlich, die Mafia kassiere davon die Hälfte.

«Die Mafia gleicht einer Zecke»

Und dann sind da noch die Restaurants, Pizzerien, Bars. Von 5000 Lokalen in Mailand, Rom und anderen grossen Städten im Land heisst es, sie gehörten den grossen Kartellen. Vor allem der kalabrischen 'Ndrangheta und der neapolitanischen Camorra. An der Via Veneto, Roms Prachtstrasse aus der Zeit der Dolce Vita, mussten mehrere Restaurants geschlossen werden, weil man herausfand, dass sie von der 'Ndrangheta betrieben wurden. Die Via Veneto ist zur Geisterstrasse geworden, mit vielen leer stehenden Lokalen. Und wo noch Betrieb herrscht, wissen nicht einmal die Kellner, für wen sie eigentlich arbeiten.

«Es heisst ja immer, die Mafia sei ein Krake», sagt Gian Carlo Caselli, früher Staatsanwalt und heute Experte für die Agromafia. «Mich erinnert sie mehr an ein Chamäleon.» Sie passt sich ständig an, an Zeit und Raum. Die neue Mafia entspringt der alten, folgt noch immer archaischen Riten. «Doch sie trägt jetzt weisse Hemdkragen.» Die, die heute an der Macht sind, die Kinder der alten Clanchefs, haben an renommierten Universitäten studiert, sie sprechen mehrere Sprachen, sie sind international vernetzt. Sie kennen sich aus mit Kryptowährungen, mit Blockchain, Offshore, Hochfrequenztrading an der Börse und der Vergabe von Strukturfonds der Europäischen Union. Sie studieren alle Märkte, auch scheinbar artfremde. Und wenn herauskommt, dass die Welt verrückt ist nach Mozzarella, mehr oder weniger salzig, mehr oder weniger echt, dann investieren sie eben in das weisse Gold. Bio ist in Mode? Dann steht eben Bio auf dem Etikett, auch wenn kein Bio drin ist. Stark ist die Mafia auch beim Onlineversand von Lebensmitteln. Die Produkte selbst müssen nicht schlecht sein, aber wer will sein Essen schon bei der Mafia bestellen?

Er war Bauer und musste regelmässig an die Mafia zahlen: Roberto Battaglia. Foto: Eataly

Caselli spricht von der «Mafia 3.0». In den 90erJahren, als die Clans aus Corleone die sizilianische Cosa Nostra beherrschten und von der Insel aus ganz Italien terrorisierten, als sie Bomben legten und Richter töteten, da war Caselli Oberstaatsanwalt in Palermo. Neun Jahre lang. In jener Zeit setzte der Staat der sizilianischen Cosa Nostra so hart zu wie nie zuvor. Er sperrte die Bosse in Scharen weg, zerschlug die Cupola, die Chefetage, beschlagnahmte ihre Ländereien. Die Mafia hatte den Bogen der Gewalt überspannt. Und das war ungewöhnlich. «Zur Gewalt», sagt Caselli, «greift die Mafia nur, wenn alle anderen Mittel der Unterwerfung fehlschlagen: Drohung, Korruption, Erpressung.» Viel lieber ist es ihr, wenn das Geschäft geräuschlos verläuft, wenn es sauber wirkt und sich trotzdem alle aus Angst ihrem Gesetz beugen.

Drogen sind schmutzig, Morde machen Schlagzeilen. Ein italienisches Bonmot besagt: Erst wenn die Mafia aufhört zu schiessen, muss man sich Sorgen machen. Erst dann ist sie wirklich stark. Jetzt ist so eine Zeit. Nur in Neapel wird noch geschossen, ab und zu auch in der Gegend von Foggia in Apulien. Sonst nirgends mehr.

Es ist ein prächtiges Geschäft, man verdient viel und riskiert wenig.

Caselli ist 79, aber kein bisschen pensioniert. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich fast ausschliesslich mit der Agromafia. Er publiziert dazu, hält Vorträge. Auf einen Termin muss man lange warten. Gerade jetzt, wo der neue Jahresbericht erscheinen soll, den er zusammen mit dem Landwirtschaftsverband Coldiretti und dem «Osservatorio sulla criminalità nell' agricoltura e sul sistema agroalimentare» herausgibt, der Aufsichtsstelle für Kriminalität in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie. «Agromafie» nennt sich der Rapport, die Mafia steht hier im Plural, und die Mehrzahl umfasst alle Verbrechersyndikate und deren Grauzonen.

Die Agromafia ist erneut um zehn Prozent gewachsen. Wie jedes Jahr. Es ist ein prächtiges Geschäft, man verdient viel und riskiert wenig. Es gebe zwar viele Kontrollen und Inspektionen, sagt Caselli. Hunderttausende davon. Durchgeführt werden sie von der Forstpolizei, von den Carabinieri, vom Landwirtschaftsministerium. «Doch die Missetäter haben wenig zu fürchten, die italienischen Gesetze auf diesem Gebiet sind heillos veraltet. Sie stammen noch aus einer Zeit, als die Betrüger Wasser in den Wein mischten.» Heute panschen, klonen, imitieren, kopieren und fälschen sie mit raffinierten Methoden und hoher krimineller Energie.

Die kriminellen Clans versuchen, die gesamte Lieferkette unter ihre Kontrolle zu bekommen: Lebensmittelmarkt in Sizilien. Foto: Alessio Mamo (laif)

Die Agromafia wuchs in der grossen Wirtschaftskrise besonders stark. Kleine Unternehmer in Not erhielten keine Kredite mehr von den Banken, die Clans aber waren liquide, zahlten bar für Betriebe und Höfe, es ging alles rasend schnell. Schmutzige Milliarden flossen in die legale Wirtschaft, die Namen der Betriebe aber blieben die alten. Der Markt sollte keinen Verdacht schöpfen. Caselli spricht von der «Mafia perbene», der anständigen Mafia, und sagt: «Aber setzen Sie diesen Begriff bitte in Anführungszeichen» – er sei ja ein Widerspruch in sich.

Die Mafia gleiche einer Zecke, sagt der Mozzarellaproduzent Battaglia. «Sie heftet sich an deine Haut und saugt dein Blut aus, ganz langsam, und wird dabei immer fetter.» Die Kellnerin bringt einen «tagliere», eine Platte mit Salami, Schinken, Coppa, mit Mozzarella und Parmigiano Reggiano. Dazu etwas Balsamico aus Modena, der Essig vermählt sich so grossartig mit dem Parmesan. Vom Wein nimmt Battaglia nur einen kleinen Schluck, zum Anstossen. «Ich hatte früher nie Probleme», sagt er , «doch jetzt habe ich Diabetes.» Sein Arzt sage, es sei der Stress. Battaglias Familie kommt aus Neapel. Der Vater hatte eine Reiseagentur in Caserta. Er war dort auch Vertreter von Alitalia, der nationalen Fluggesellschaft. «Zu unserer Kundschaft gehörten leider auch die Clans von Casal di Principe.» Die gefürchteten Familien Schiavone und Zagaria also, die «Casalesi». Sie buchten bei den Battaglias, fast immer Kreuzfahrten: Da die meisten keine Pässe hatten, blieben Schiffsreisen. «Bezahlt haben sie nur selten.»

«Sie kamen ständig zu uns nach Hause, und meine Frau war oft alleine da.»Roberto Battaglia, Mozzarella-Hersteller

Als das Geschäft mit der Reiseagentur wegen des Internets zurückging und Alitalia ihre Vertretungen in der Provinz aufgab, kaufte die Familie Battaglia einen kleinen Hof in Caiazzo. «Der Hof war meine grosse Leidenschaft. Ich träumte immer davon, Tiere zu haben und Bauer zu sein», sagt Roberto Battaglia. Bald besass er 400 Wasserbüffel und 100 Rinder. «Unsere Melkstrasse war der letzte Schrei.» Zunächst stellte er nur Milch her, belieferte die Käsemacher in der Ebene, die «Caseifici». Doch dann kamen die Clans und sagten, welche Käser er nutzen solle. Es waren ihre Käser, die Käser der Camorra. Sie bestimmten den Preis, weit unter dem Marktwert. «Sie sagten: ‹Bezahlt wirst du von uns.› Da weisst du schon, dass du verloren hast.» Oft zahlten sie gar nicht. «Sie nehmen dir die Luft zum Atmen.»

Hunderttausende Euro verlor Battaglia so. Also begann er, selbst Mozzarella herzustellen, um sich aus den Fängen zu lösen. Doch die Camorra forderte auch hier den «pizzo», das Schutzgeld, es wurde immer mehr. «500'000, 600'000 Euro.» Die Mafia, sagt Battaglia, will die Rohstoffe der Landwirtschaft kontrollieren: Wasser, Milch, Fleisch – damit kontrolliert sie alles. Nahrung ist schliesslich ein krisenfestes Geschäft. Acht Jahre liess Battaglia sich gängeln, bis 2008. Dann fand er den Mut, die Erpresser anzuzeigen. «Sie kamen ständig zu uns nach Hause, und meine Frau war oft alleine da.»

Der schöne Schein trügt: Lebensmittelmarkt in Ballaro, Palermo. Foto: Ashley Gilbertson (laif)

Caiazzo, zweieinhalb Stunden südlich von Rom. Winterdunst liegt über der Ebene des Flusses Volturno, es regnet. Vorbei an verlassenen Fabriken und unfertigen Häusern. Der Hof liegt im Weiler San Cristina, am Hügel hinter Caiazzo. Roberto Battaglia ruft aus Rom an, sein langjähriger Mitarbeiter öffnet das Tor. Der Mann bewacht das heruntergekommene Anwesen, ein Pferd, ein Pony, zwei Katzen, Büffel sind keine mehr da. Verkauft, verendet, manche wohl vergiftet von der Mafia. Die Wassertröge stehen schon lange leer. Die Melkstrasse, der letzte Schrei, ist mit Laub angefüllt. Hausrat unter dem Dach, wo früher das Heu lag. Landwirtschaftsgeräte verrosten. Die Reifen des Traktors sind platt, die Hintertüren des Lieferwagens hängen in den Angeln. In einer Ecke liegt der Schädel eines Hundes, mitsamt Zähnen. Auf diesem Hof wurde damals der Cousin von «Sandokan» festgenommen. Sandokan nennen sie in Neapel Francesco Schiavone, den Oberboss der Casalesi, der im Gefängnis landete und von dem es hiess, er regiere seine Bande auch aus dem Knast noch weiter. «Dieser Cousin, Luigi Schiavone, ist ein Blutsverwandter», sagt Battaglia und zieht die Augenbrauen hoch. Uno di sangue. Bis dahin hatte er es immer mit kleineren Fischen zu tun gehabt, mit Handlangern der Casalesi. Der Cousin aber war ein dicker Fisch. «Er sagte zu mir, du hast ja den Ruf, ein guter Zahler zu sein. Probleme werden wir sicher keine haben miteinander.»

Damals arbeitete Battaglia aber schon mit der Justiz zusammen, kopierte Schecks, schnitt Gespräche mit. Am Tag der Festnahme sollte Battaglia dem Cousin eine grosse Summe übergeben, das Geld lag bar auf dem Tisch. Im Nebenzimmer warteten Carabinieri, zivil gekleidet und schwer bewaffnet. Als sie genug gehört hatten, schickten sie einen indischen Mitarbeiter Battaglias ins Verhandlungszimmer. «Mit Singh hatten wir ausgemacht, dass er reinkommt und sagt: ‹Eine Kuh gebärt, Chef, du musst kommen'.» Luigi Schiavone schöpfte Verdacht. Er stand auf, tastete den Lampenschirm nach Wanzen ab. «Du spielst mir hier keinen üblen Scherz, oder?» «Wo denkst du hin», sagte Battaglia.

Die Mafiosi bestimmen den Preis der Tomaten, der Orangen, der Zitronen.

Da stürmten die Beamten in den Raum, und Schiavone wimmerte: «Bitte, erschiesst mich nicht.» Ganz kleinlaut war der Boss, er dachte, Battaglia habe einen rivalisierenden Clan angeheuert, um ihn zu beseitigen – so etwas kann vorkommen im Casertano. Für Battaglia war die Festnahme des Vetters von Sandokan eine Befreiung. Und zugleich ein kleiner Tod. Er wusste, dass sie ihn nie mehr in Frieden lassen würden, dass er wegziehen musste. «Die Camorra vergibt nie», sagt er.

Er verliess den Hof in Caiazzo, schloss die vier Geschäfte, die er in der Gegend betrieb, zog nach Rom. Oscar Farinetti, der Gründer von Eataly, habe ihm das Leben gerettet, sagt Battaglia. Mit diesem Laden im zweiten Stock. Battaglia stellt seinen Käse seither im Eataly her, live, vor Zuschauern, gleich bei der Rolltreppe, beste Lage. Ein bisschen Käserei, ein bisschen Zirkus, als Logo zwei Büffelköpfe und dazwischen das B von Battaglia. Der Laden ist beliebt bei den Kunden, Prominente sind darunter, Schauspieler, Politiker, Fussballer. Die Römer kaufen Battaglias Mozzarella auch, weil sie seine Geschichte kennen, seinen Mut, seine Zivilcourage. Bis vor Kurzem führte er das Brechen der Käsepaste, das «mozzare», bewacht vor, mit den Bodyguards in der Nähe. Es war die ganze Absurdität in einem traurigen Bild. So dankbar er seinen Lebensrettern ist: «Ich bin Bauer», sagt er. «In meinem Betrieb war ich es, der auf dem Traktor sass, der den Lieferwagen ausfuhr, bei allem packte ich mit an.»

Oscar Farinetti habe ihm das Leben gerettet, sagt Battaglia: Beim Eataly-Gründer stellt er jetzt seinen Mozzarella her. Foto: Reuters

Ähnliches erlebte der sizilianische Journalist Paolo Borrometi, 35 Jahre alt, aus Ragusa. Auch er stellte sich der Agromafia in die Quere, als sie noch nicht so bekannt, so gross und mächtig war. «Früher belächelte man sie, weil sie nicht die üblichen Stigmata trug: Drogen, Waffen, Prostitution», sagt Borrometi. Seine erste grosse Recherche für La Spia, eine Onlinezeitung, öffnete den Italienern die Augen. Die Geschichte handelte von der Infiltrierung des Gemüse- und Früchtemarkts für Grosshändler in Vittoria, südliches Sizilien, des grössten im Mezzogiorno.

Borrometi fand heraus, dass die Clans in grossem Stil Felder gekauft hatten, Gemüse anbauten. Natürlich taten sie das mit der Hilfe von Arbeitern aus Osteuropa und Afrika, die sie als Sklaven ansahen, miserabel bezahlten, misshandelten. Die Mafiosi bestimmten auch den Preis der Tomaten, der Orangen, der Zitronen. In allen Konsortien mischten sie mit, direkt oder über Strohfirmen. Die berühmten Kirschtomaten aus Pachino? Ein schöner Teil der «Prinzessinnen unserer Tafeln», wie Borrometi sie nennt, kam von der Mafia, der lokalen «Stidda», und wurden um die halbe Welt versandt. Ein Kilo der «Pomodorini», der kleinen Tomaten, kostet die Hersteller etwa 40 Cent. In Mailand zahlt man dafür 7,50 Euro, in London 14, in Kanada mehr als 15 Euro. Bei Kokain ist die Marge geringer, das muss die Mafia in Südamerika holen und nach Europa schmuggeln, allein die kriminelle Logistik kostet ein Heidengeld. Gemüse ist da unschuldiger.

Einmal kam Battaglia aus dem Gericht, da hatten sie sein Auto angezündet.

Von den 74 Lagerhallen des Marktes von Vittoria, den «Boxen», wurden so viele vom organisierten Verbrechen bewirtschaftet, dass der Markt geschlossen werden musste. Es gab zwar eine Polizeiwache, doch die Beamten drückten beide Augen zu. Jetzt sollen die Boxen neu vergeben werden, alle 74. Wer sich bewirbt, muss beweisen, dass er sauber arbeitet, ohne Hintermänner. Der Staat hat nun einen Kodex für den Markt aufgestellt, aber ob das reicht?

Das Geschäft mit dem Gemüse und den Früchten ist so einträglich, dass die Mafia mittlerweile die gesamte Produktionskette beherrscht: vom Feld bis zu den Regalen im Supermarkt und bis in die Küchen der Restaurants. «Sie kommt vom Land, und auf dem Land findet sie wieder zu ihren Wurzeln», sagt Borrometi. Die Mafia kontrolliert alles, auch das Drumherum: Dünger, Plastikplanen für die Treibhäuser, das Geschäft mit den Holzsteigen für Früchte und Gemüse. Und sogar den Transport, von Süd nach Nord, von Vittoria über Fondi bei Rom nach Mailand, es ist die Seidenstrasse der Agromafia. Die Speditionen mit den Lastwagen? Arbeiten fast alle für die Clans oder gehören ihnen. Die Kartelle Italiens, die sonst fast nie miteinander kooperieren, haben sich für die Logistik zusammengetan. So lässt sich der Weg von Grossmarkt zu Grossmarkt besser überwachen. «Der Markt von Mailand», sagt der frühere Richter Gian Carlo Caselli, «ist in der Hand der ‹Ndrangheta». Er sagt es so ruhig und abschliessend, als wäre es Schicksal.

Attraktion in der Altstadt: Der Fischmarkt in Catania. Foto: Dorothea Schmid (laif)

Borrometi lebt seit sechs Jahren in Rom, er wurde zwangsversetzt. Gleich vier sizilianische Clans trachten ihm nach dem Leben, weil er ihre Geschäfte gestört hat. Die früheren Betreiber von Box Nummer 65 im Markt von Vittoria richteten ihm aus, sie würden sein Herz in einer Pfanne braten und dann verspeisen. Im vergangenen Jahr hörten die Ermittler zu, wie die Mafia ein Bombenattentat auf Borrometi plante, die Vorbereitungen waren weit gediehen. Borrometi macht keinen Schritt mehr ohne Leibwächter. Alles wegen der Kirschtomaten, des Oro rosso, des roten Golds.

Roberto Battaglia haben sie den Polizeischutz im vergangenen Sommer gestrichen. «Ohne Begründung, von einem Tag auf den anderen», sagt er. Er hatte «Stufe 4»: zwei Beamte und ein Auto von der Guardia di Finanza, der Finanzpolizei. Sie begleiteten ihn von dem Moment an, da er seine Frau und Tochter am Morgen verliess, bis zum Abend, wenn er zu Hause die Lichter löschte. Vor allem fuhren sie ihn nach Neapel, zu den Prozessen. Dreissig Leute der Clans konnten überführt werden, weil Battaglia ihr Spiel vor Gericht aufdeckte. Nun lässt der Staat ihn allein. Allein mit seinem Mut, obschon er noch in fünf Gerichtsverfahren als Zeuge gegen die Kartelle auftritt. Als Hauptzeuge gegen die Casalesi, die Zagaria und die Schiavone, gegen die grossen Fische und deren Handlanger. Er hat Berufung eingelegt gegen den Entscheid des Präfekten, er trat im Fernsehen auf, überall hat er schon angerufen: in der Präfektur selbst, im Innenministerium. «Aber die antworten nicht einmal auf meine formalen Schreiben. Ich glaube, meine Geschichte ist ihnen egal.»

Wenn Battaglia nach Neapel fährt, ist niemand mehr dabei, der ihn schützt. Einmal kam er aus dem Gericht, da hatten sie sein Auto angezündet, es stand verkohlt auf dem Parkplatz. Er habe jetzt eine Lebensversicherung abgeschlossen, sagt er. Über 500'000 Euro. Für die Frau und seine Tochter. Für alle Fälle.

Erstellt: 11.05.2019, 16:45 Uhr

Artikel zum Thema

Jesus und die Mafia

Kolumne In Italien werden Flüchtlinge illegalisiert, kaum sind sie eingetroffen. So werden sie für den von der Mafia kontrollierten Markt verfügbar gemacht. Mehr...

Polizei befürchtet nach Mafia-Mord neuen Bandenkrieg

Zum ersten Mal seit über 30 Jahren rechnen die berüchtigten New Yorker Mafia-Familien auf offener Strasse miteinander ab. Mehr...

Anwältin X und die Gangster

Eine australische Rechtsanwältin hat jahrelang Killer und Drogendealer, die sie vor Gericht vertrat, an die Polizei verraten. Jetzt ist sie aufgeflogen. Der Kampf gegen die Mafia erleidet einen schweren Rückschlag. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...