Die Wahrheit ist schwer verdaulich

Italiens Geheimdienst war verstrickt in Anschläge von Rechtsextremen. Einer der Fälle ist nun endlich geklärt.

1974 tötete ein Sprengsatz in Brescia acht Menschen. Foto: Getty Images

1974 tötete ein Sprengsatz in Brescia acht Menschen. Foto: Getty Images

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Ein dunkles, lange verschleiertes Kapitel der italienischen Geschichte erhält Konturen. Viel zu spät, aber immerhin. 41 Jahre nach dem Attentat auf die ­Piazza della Loggia im norditalienischen ­Brescia, nach 12 Prozessen, 1000 ­Thesen und politischen Manövern hat ein Mailänder Berufungsgericht zwei Rechtsextremisten zu lebenslanger Haft verurteilt. Carlo Maria Maggi, ein nun 81 Jahre alter Arzt aus Venedig, damals Chef der neofaschistischen Terrorgruppe Ordine Nuovo, hat demnach das Attentat organisiert. Und Maurizio Tramonte, Rechtsextremist, heute 64, soll bei allen Planungssitzungen dabei gewesen sein. Das Besondere: Er war Informant der italienischen Geheimdienste – er soll die Dienste auf dem Laufenden gehalten haben.

Bestätigt der Kassationshof das Urteil in letzter Instanz, wovon man ausgeht, dann wird dies helfen, eine dramatische Epoche zu verstehen, die Zeit der sogenannten Strategie der Spannung (1969–1974). Die Klärung wäre historisch – «eine Zäsur, eine Wasserscheide», wie die Zeitung «La Repubblica» schreibt.

Es regnete an jenem Morgen des 28. Mai 1974, als sich auf der schönen, von Palazzi umgebenen Piazza della Loggia im Zentrum von Brescia 10'000 Menschen zu einer Kundgebung einfanden. Geladen hatten die grossen Gewerkschaftsbünde, protestiert wurde gegen das schleichende Erstarken neofaschistischer Kräfte im Land.

Man fürchtete sich vor einer reaktionären Gegenbewegung, die der gesellschaftlichen Öffnung jener Jahre entgegenwirkte und sie bedrohte. Es sprach gerade ein Gewerkschaftsführer, als um 10.12 Uhr in einem Abfalleimer ein Sprengsatz explodierte. Acht Menschen wurden getötet: fünf Lehrer, zwei Fabrikarbeiter, ein früherer Widerstandskämpfer. Und 102 Menschen wurden verletzt. Die Bilder aus Brescia vom Entsetzen in den Gesichtern der Überlebenden brannten sich ins kollektive Gedächtnis der Italiener.

Alle Spuren verwischt

Das «Blutbad von der Piazza della ­Loggia», wie es fortan genannt wurde, fügte sich in eine Reihe anderer Blutbäder mit ähnlichem Muster. Die Serie hatte im Dezember 1969 begonnen, mit einem Anschlag auf eine Bank an der Mailänder Piazza Fontana. Die Ermittler verdächtigten schnell die extreme Rechte. Doch Beweise hatten sie keine. Kurz nach der Explosion der Bombe auf der Piazza della Loggia war ein Befehl an die ­Feuerwehr und die Räumungsdienste ergangen, sie sollten alle Spuren des Attentats wegwischen.

Der Platz wurde mit Hochdruckreinigern geputzt, der Abfalleimer entfernt. Woher der Befehl dazu kam, konnte nie geklärt werden. Die schnelle Entfernung aller Spuren erschwerte die Arbeit der Fahnder. Die Justiz musste sich in der Folge mit Kleinkleinarbeit und widersprüchlichen Zeugenaussagen behelfen. Einer der mutmasslichen Bombenleger wandelte sich in der Haft zum Kronzeugen, wurde dann aber im Gefängnis von neofaschistischen Mit­häftlingen umgebracht. Sein ausführliches Zeugnis nahm man erst viel später richtig ernst.

Andere Zeugen und Protagonisten starben während der langen Prozesse. Alles deutete darauf hin, dass auch das Blutbad von der Piazza della Loggia in der Schublade der angeblich unerklärlichen Mysterien Italiens enden würde – ohne Schuldige, ohne Urteil. Misteri d’Italia nennt man jene politisch motivierten, von trüben Allianzen zwischen Terroristen oder Mafiosi, Freimaurern und Teilen des Staates orchestrierten Attentate und Operationen. In der Geschichte kamen sie zunehmend so daher, als läge in ihrem Fortleben ein Fatalismus ohne jede Aussicht auf Lüftung.

Das Warten der Angehörigen

Das Urteil aus Mailand bricht mit dieser vermeintlichen Gewissheit. Die Ermittler fanden viel Beweismaterial, unter anderem auch Zettelchen, die der Informant Tramonte, Codename «Quelle Triton», dem militärischen Geheimdienst damals zusteckte. Mittlerweile weiss man auch, dass der verurteilte Chef der Operation, Maggi, den Sprengstoff in einem Restaurant in Venedig aufbewahrt hatte. Die neofaschistische Bande, so die historische Deutung, wollte politisches Chaos stiften, ein Klima der Spannung schaffen, in dem die Rückkehr einer rechtsautoritären Regierung möglich sein würde. Der Geheimdienst wusste von den Anschlagsplänen im Detail. Doch er unternahm nichts. Wahrscheinlich organisierte er sie sogar mit.

Es sind dies schwer verdauliche historische Wahrheiten. Und so mangelt es in Italien bis heute an einer breit geteilten Sicht auf die jüngere Geschichte mit ihrem schwarzen und roten Terrorismus, auf die «bleiernen Jahre».

Bei der Urteilsverkündung diese Woche sassen wieder viele Angehörige der Opfer im Gerichtssaal. Sie mussten so lange auf Gerechtigkeit warten, bedrückt von Trauer und Wut, dass viele von ihnen nun grau und betagt sind. Der Präsident der Vereinigung, Manlio Milani, der beim Attentat seine Frau verlor, ist zur Symbolfigur des Kampfes gegen die Verschleppung und Verschleierung geworden. Als man ihn nach dem Urteil fragte, was er empfinde, sagte er, er denke nur an seine Frau. «Auf der Piazza della Loggia endete auch mein Leben.» Immerhin zeige sich jetzt, dass sich ­Engagement lohne. Applaus, wie es ihn in italienischen Gerichten oft gibt, gab es nach diesem Urteil nicht. Die Angehörigen nahmen es hin – müde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2015, 23:34 Uhr

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