Die Welt der Wachtürme

Anna will mit ihrer Tochter ins Schwimmbad. Dafür muss sie die Grenze zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Polen überqueren. Eine mühselige Angelegenheit.

Wachturm im Dreiländereck zwischen Polen, Litauen und der russischen Exklave Kaliningrad. Foto: Kacper Pempel (Reuters)

Wachturm im Dreiländereck zwischen Polen, Litauen und der russischen Exklave Kaliningrad. Foto: Kacper Pempel (Reuters)

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Europa liegt im Handschuhfach. Anna Alimpiewa öffnet die Klappe, holt den schwarzen Kasten heraus und steckt das Kabel in den Zigarettenanzünder ihres alten Skoda. Das Navigationsgerät begrüsst sie auf Polnisch; sie hat es vor Jahren bei einer Reise ins Nachbarland in einem Elektronikmarkt gekauft. Es gibt Bastler zu Hause in Kaliningrad, die spielen für ein paar Hundert Rubel russische Landkarten und eine russische Stimme auf diese Geräte, aber wozu? Die Kommandos «Bitte rechts abbiegen» und «Bitte links abbiegen» versteht Alimpiewa auch so. Und die Strassenschilder sind hier ohnehin auf Polnisch.

Eines dieser Schilder zeigt jetzt an: 114 Kilometer bis Danzig. Anderthalb Stunden Fahrtzeit berechnet das Navi dafür, ungefähr so lange, wie Anna Alimpiewa für den ersten Teil der Strecke gebraucht hat. Um sechs Uhr früh ist sie in Kaliningrad in ihr Auto gestiegen. Ihre Tochter sitzt auf der Rückbank, man sieht ein verschlafenes Gesicht im blauen Leuchten ihres Handys. Sie feiert heute ihren 14. Geburtstag, ihre Mutter hat ihr diesen Ausflug in ein Erlebnisbad bei Danzig geschenkt.

Die 45 Kilometer bis zur Grenze waren wie immer schnell zurückgelegt, dann wurde es zäh. «Oje, heute ist viel los», hat Anna Alimpiewa gemurmelt, als sie sich dem Übergang näherten. Dabei standen nur fünf Autos vor ihr. Aber bis erst die russischen und dann die polnischen Grenzer alle Pässe Seite für Seite durchgeblättert haben, bis die Zöllner die Kofferräume geöffnet, in die Fächer für Ersatzräder geschaut und Spiegel unter die Autos geschoben hatten, waren anderthalb Stunden vergangen.

Im Jahr 2011 wurde zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und der polnischen Region Masuren in Ostpolen der erleichterte Grenzverkehr eingeführt. Bürger mit Wohnsitz in der Region konnten ohne Visum ins Nachbarland reisen, solange sie sich in einem festgelegten Streifen entlang der Grenze aufhielten. Die liberale Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Donald Tusk hatte sich in Brüssel für diese Regelung eingesetzt. Sie sollte der wirtschaftlich schwachen Region im Osten Polens zusätzliche Kaufkraft aus dem Nachbarland bringen und gleichzeitig mehr Austausch zwischen Polen und Russen ermöglichen.

Drohnen und Kameras

Aber diese Zeit der Annäherung ist zunächst einmal vorbei: Die nationalkonservative Regierung in Warschau hat die Regelung wieder ausser Kraft gesetzt. «Vorläufig», hiess es, und «aus Sicherheitsgründen». Ohne dass näher erklärt wurde, was Polen durch den kleinen Grenzverkehr aus Russland drohen könnte. Moskau hat umgehend seinerseits die Visumpflicht auch für Bewohner der Grenzregion wieder eingeführt. Seitdem ist immer wieder die Rede davon, dass die Erleichterungen bald zurückkommen könnten, aber geschehen ist bisher nichts.

Geschehen sind derweil andere Dinge. Sechs Wachtürme hat Polen im vergangenen Jahr entlang der 200 Kilometer langen Grenze errichtet. Jeder zwischen 35 und 50 Meter hoch und ausgerüstet mit Wärmebildkameras, Nachtsichtgeräten und Laser-Entfernungsmessern. Von den 3,3 Millionen Euro, die das gekostet hat, hat Brüssel drei Viertel aus dem Budget zum Schutz der EU-Aussengrenzen beigesteuert. Ausserdem fliegt jetzt eine Drohne regelmässig die Grenze ab. Die Russen ziehen mit: Im vergangenen Jahr haben die polnischen Grenzschützer vier Grenzverletzungen durch russische Drohnen registriert.

Das ist die neue Realität drei Jahre nach der Annexion der Krim durch Russland, die den Westen überrascht und Russlands Nachbarländer alarmiert hat. Im Oktober bestätigte das Verteidigungsministerium in Moskau, man habe Iskander-Raketen nach Kaliningrad verlegt. «Zu Übungszwecken.» Die Kurzstreckenraketen können mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden. Ob solche Sprengköpfe ebenfalls verlegt wurden, darüber lässt Moskau die Welt im Unklaren. Für die Abschreckung genügt es schon, wenn darüber spekuliert wird.

Je nach Blickwinkel ist Kaliningrad der westlichste Vorposten der Atommacht Russland, mit einer Militärbasis und einer Marine mitten in EU- und Nato-Gebiet. Oder eben der einzige Ort, an dem wirklich stimmt, was die Führung in Moskau immer beklagt: dass Russland von der Nato eingekreist ist. Im Norden grenzt die Exklave an Litauen. Auch die Balten trauen den Nachbarn nicht. Im Januar sprach der Innenminister über Pläne der Regierung, für 3,6 Millionen Euro die Befestigungen entlang der 135 Kilometer langen Grenze zu Kaliningrad zu verstärken.

Die neue Ost-West-Konfrontation trifft den Alltag der Menschen in der Region. Wie sie einkaufen, was sie essen, wie sie reisen und sich erholen. Und wie sie ihren Nachbarn begegnen. Anna Alimpiewa lehrt Soziologie an der Immanuel-Kant-Universität in Kaliningrad. Sie hat sich viel mit der Identität der Menschen in der Region beschäftigt, von denen die meisten Familien nach dem Krieg aus allen Richtungen der Sowjetunion in die Stadt kamen, nachdem aus Königsberg in Ostpreussen das sowjetische Kaliningrad geworden war.

Teurer und schlechter

Als kleines, exterritoriales Gebiet sei Kaliningrad stark vom Import abhängig, erklärt sie. Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie seien schwach entwickelt. «Bevor unsere Regierung 2014 das Einfuhrverbot für Lebensmittel aus der Europäischen Union verhängt hat, kamen fast 80 Prozent der Produkte in unseren Geschäften von dort», sagt Alimpiewa. Als die USA und die EU wegen der Unterstützung Moskaus für den Krieg im Donbass mehr als einhundert Personen auf eine Sanktionsliste setzten, Rüstungsexporte nach Russland verbaten und den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt für grosse Staatsunternehmen und Banken einschränkten, verhängte Präsident Wladimir Putin ein Importverbot für Lebensmittel aus Europa und anderen Ländern, die sich an den Sanktionen beteiligten.

Die Sanktionen der eigenen Regierung wirkten sich am stärksten auf das Leben der Menschen in Kaliningrad aus, sagt Alimpiewa. «Mit dem Verbot ist das Sortiment kleiner geworden, die Preise höher und die Qualität schlechter.» Zunächst konnten die Kaliningrader die Auswirkungen abfedern, «indem sie mit dem Auto ein paar Kilometer nach Polen gefahren sind», erklärt die Soziologin. In grenznahen Orten wie Branjewo reiht sich ein Supermarkt an den anderen: Lidl, Netto, der polnische Discounter Biedronka. Wurst, Fleisch und Käse sind in Polen billiger als in Russland, und viele finden: auch besser. «Aber jetzt ist für viele diese Möglichkeit weggefallen», sagt Alimpiewa. Seit Warschau im vergangenen Jahr den kleinen Grenzverkehr ausgesetzt hat, ist die Zahl der Besucher aus Russland um ein Viertel zurückgegangen.

Alimpiewa stoppt ihren Wagen, um sich die Steuern vom letzten Einkauf in Polen erstatten zu lassen. In der Morgendämmerung sind grosse Hallen zu erkennen – Abfertigungsanlagen des Zolls, in denen Lastwagen gewogen und geröntgt werden können. Aber seit dem russischen Importstopp sind sie verwaist. Nur ab und zu schicken die Zöllner mal ein Auto zum Röntgen, das ihnen verdächtig erscheint. Im Zentrum von Kaliningrad verkaufen Schmuggler derweil aus dem Kofferraum Salami, Joghurt und Brie-Käse aus Polen.

Deutsche Fahne gehisst

Auf eine Zeit, in der Strassen, Warenterminals, Supermärkte und Hotels gebaut wurden, folgt eine Zeit, in der Wachtürme und Grenzzäune errichtet werden. Die Kaliningrader seien schon wegen der geografischen Lage internationaler ausgerichtet, sagt Alimpiewa. 80 Prozent der Bürger in der Exklave haben einen Reisepass. Im russischen Durchschnitt ist das Verhältnis umgekehrt: 80 Prozent haben keinen Pass. «Wir brauchen ja schon einen, um aus Kaliningrad mit dem Zug nach Moskau zu fahren.»

Aber internationale Kontakte sind in Russland derzeit kein Plus, sondern eher verdächtig. Das gilt für Kaliningrad besonders. Das Regionalbüro des Staatssenders Rossija warnt regelmässig vor einer angeblichen Germanisierung, dabei liegt der Anteil der Deutschstämmigen in der ehemals ostpreussischen Stadt unter einem Prozent. Als im Frühjahr 2014 die Krim-Annexion im Gange war, hissten Aktivisten im Zentrum des ehemaligen Königsberg eine deutsche Flagge, um darauf aufmerksam zu machen, wie zweischneidig die Argumente waren, mit denen Moskau die «Heimholung» der Halbinsel im Schwarzen Meer begründete. Ein Jahr verbrachten sie danach im Gefängnis.

Im Januar musste das deutsch-russische Haus in Kaliningrad schliessen. 26 Jahre lang war es ein Begegnungsort für Wolgadeutsche und andere Kaliningrader. Gefördert gleichermassen von Moskau und Berlin. Aber nachdem im Frühjahr 2014 der deutsche Vize-Konsul in einer Rede den Krieg im Donbass und autoritäre Entwicklungen in Russland kritisiert hatte, stufte das Justizministerium die Einrichtung als gefährlich ein. «Das Haus war ein Ort echter Volksdiplomatie», klagt Viktor Hoffmann, der Vorsitzende des Vereins der Russlanddeutschen in Kaliningrad. «Hier kamen alle Nationalitäten zusammen, nicht nur die Deutschen. Heute werden wir behandelt wie Verbrecher.»

Hoffmann ist eigentlich alles andere als ein Kreml-Kritiker. Er engagiert sich in der «Volksfront», einem Putin-Unterstützer-Verein; auf der jährlichen Putin-Sprechstunde im Fernsehen bat der Landwirt mit deutschen Wurzeln den Präsidenten, die Sanktionen gegen europäische Lebensmittel möglichst lange in Kraft zu lassen, damit die heimische Landwirtschaft Zeit habe, auf die Beine zu kommen.

Im Pass von Anna Alimpiewa klebt noch ein gültiges Schengen-Visum. Aber wenn das im Sommer ausläuft, beginnt wieder ein aufwendiger Prozess. Es sind nicht nur die etwa 100 Euro, die das Visum kostet, alle Formalien eingerechnet. Ihre Tochter braucht ja auch eines. Und sie müssen nachweisen, dass sie am Zielort ein Hotel gebucht haben. Für Mutter und Tochter aus Kaliningrad wäre das verlorenes Geld. Nach dem Spassbad werden sie bei Freunden übernachten. Es gibt Kontakte, die die neue Konfrontation noch nicht zerstört hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2017, 22:31 Uhr

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