Die zwei Welten beim Klimagipfel

Drinnen wird verhandelt, draussen skandiert: Der Klimagipfel gerät zwischen die Lager. Bei der Konferenz rückt das grosse Ganze oft in den Hintergrund.

Wo immer sie auftaucht, wird sie umringt: Greta Thunberg spricht bei der Madrider Klimakonferenz. (6. Dezember 2019) Video: Tamedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Schlachtruf der Jugendlichen verhallt ungehört. In einem grossen Hof des Messegeländes stehen sie und verlangen Gerechtigkeit. «What do we want?», skandieren sie. Und schreien die Antwort gleich hinterher: «Climate Justice!» Der Ruf schallt weit, aber nicht weit genug.

Vier Hallen weiter wird er übertönt vom Rauschen der Klimaanlagen, sie heizen den Gipfel auf irrwitzige 24 Grad hoch. In Halle neun, Raum fünf, sitzen 50 Verhandler im Karree, es geht um ein technisches, aber nicht unwichtiges Detail: Wie genau sollen UN-Berichte festhalten, ob Langfristziele im Klimaschutz noch in Sicht sind? China kämpft gerade dafür, die Sprache abzuschwächen, Brasilien und andere springen bei. Es geht hin und her.

Die Spannung baut sich auf wie bei keinem Klimagipfel zuvor. Hier die Schwedin Greta Thunberg, die Proteste der Schüler, Schlachtrufe auf dem Messegelände. Dort Diplomaten, die sich stoisch durch Verhandlungstexte kämpfen; einige von ihnen nicht mit der Absicht, den Klimaschutz voranzutreiben, jedenfalls nicht unbedingt im eigenen Land. Wie zwei Planeten, jeder in einem eigenen Sonnensystem. Im einen System gibt es Verhandlungen, die «informal informals» heissen, informelle informelle Sitzungen. Und im anderen gibt es Greta Thunberg.

Vor einem Jahr war der Raum mit Greta halb leer

An diesem Montag ist die junge Schwedin da, wo nichts mehr zu sehen ist. Wo immer sie auftaucht, hat sie eine Traube um sich, aus Kameraleuten und Menschen mit hochgestreckten Handys. Thunberg soll bei einer Pressekonferenz der «Fridays for Future» auftreten, die Deutsche Luisa Neubauer moderiert. Vor dem Raum hat sich schon eine halbe Stunde vorher eine lange Schlange gebildet, solchen Andrang erlebt hier nicht einmal der UN-Generalsekretär.

Wie anders war das vor einem Jahr. Am ersten Tag der Klimakonferenz von Kattowitz betrat da eine 15-jährige Unbekannte die Bühne, der Raum war halb leer. Damals erzählte sie schüchtern, wie alles begann, von Lehrern, die zum Stromsparen aufgefordert hätten, wegen eines menschgemachten Problems namens Klimawandel. Wie sie sich schlau machte darüber. «Und bevor ich es wusste, war ich Klimaaktivistin.» Was Thunberg und ihr Schulstreik bewegen würden, ahnte damals kaum einer, ausser vielleicht dem Moderator. «Ich nenne sie eine Jeanne d'Arc», sagte er.

Nun aber steht eine ganze Klimakonferenz auch im Zeichen dieser Bewegung. Morgens bauen sich vor dem Eingang Schüler mit Pappschildern auf, doch die Verhandler hasten vorbei. In diesem komplizierten Prozess, der 197 Vertragspartner auf eine gemeinsame Politik einschwören soll, in dem gemeinsame Regelwerke sicherstellen sollen, dass am Ende auch wirklich Klimaschutz dabei herauskommt, dreht jeder Verhandler an je einem kleinen Schräubchen des grossen Getriebes. Ohne diese grosse Getriebe würde vermutlich gar nichts vorangehen. Aber das grosse Ganze rückt dabei oft in den Hintergrund.

Umwelt-Staatssekretär: Es drohen Frustschleifen

Genau umgekehrt ist das bei den Schülern. Auf der Bühne sitzt nicht mehr nur Thunberg, sondern auch Jugendliche von den Philippinen, aus Uganda, Russland, den USA, von den Marshallinseln. Der Raum ist rappelvoll, 30 Kameras haben sich aufgebaut. Die Botschaft aus diesem Raum geht in alle Welt, sie ist an diesem Montag mächtiger als alles, was verhandelt wird. «Ich habe keine Angst vor dem Gefängnis», sagt der junge Russe Arshak Makichyan. «Ich habe nur Angst, nicht genug zu tun.» Nakabuye Hilda Flavia, die aus Uganda nach Madrid gekommen ist, sagt: «Ihr habt Träume, aber wir haben auch Träume.» Die Klimakrise sei eine andere Form von Rassismus: Umweltrassismus. Wenig später wird sie mit anderen Jugendlichen zwischen den Messehallen stehen und nach «climate justice» rufen.

Die Erwartungen sind gross. Vielleicht zu gross? Alles geht langsam, zäh. Umweltgruppen und auch die Jugendlichen fordern rasch neue, höhere Klimaziele. Im Kalender der Staaten stehen die aber erst im nächsten Jahr an. «Wenn das Frust auslöst, dass wir jetzt noch keine höheren Ziele setzen», sagt der deutsche Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth, «müssen sie ihre Erwartungshaltung überdenken.» Sonst drohten «Frustschleifen, aus denen man nicht mehr rauskommt».

Wissenschaft oder schwarze Magie?

Im Raum der Verhandler allerdings ist diese Frustschleife auch nicht mehr fern. Es geht mehr rückwärts als vorwärts. Lange haben die Diplomaten nun darum gerungen, ob sie das Erreichte «überprüfen» oder nur «betrachten» wollen, am Ende landen beide Optionen im Text. Dieser brauche noch «weitere Überlegungen», wenn von diesem Dienstag an die Ministerinnen und Minister die Verhandlungen in Madrid übernehmen.

Am Ende meldet sich aber noch die Vertreterin der Salomonen zu Wort. Sie frage sich wirklich, wo sie hier gelandet sei, sagt sie. «Das scheint eher ein Prozess der schwarzen Magie geworden zu sein als einer der Wissenschaft.»

Zumindest sie spricht den Schülern aus dem Herzen.

Erstellt: 09.12.2019, 20:57 Uhr

Artikel zum Thema

Darum geht es beim Klimagipfel in Madrid

Bringt die Konferenz etwas, nehmen die USA auch teil, und wann kommt Greta Thunberg? Die wichtigsten Antworten. Mehr...

Madrid im Greta-Fieber

Polizisten müssen der Klimaaktivistin bei ihrer Ankunft den Weg durch die Menge bahnen. Zehntausende beteiligen sich am Klimamarsch. Mehr...

Schnellkurs für Klimaschützer

Die Konferenz in Madrid geht in die Endphase. Um die Resultate Ende Woche einschätzen zu können, muss man sich über einiges im Klaren sein. Zehn wichtige Fragen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...