Warum Frauen die Armee besser machen

Das Schweizer Militär soll nach «norwegischem Modell» umgebaut werden. Dort verdrängen Frauen die vorherrschende Machokultur.

Frauen sind ebenfalls wehrpflichtig: Norwegische Soldatinnen im Dienst. (Bild: Forsvaret.no)

Frauen sind ebenfalls wehrpflichtig: Norwegische Soldatinnen im Dienst. (Bild: Forsvaret.no)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Studiengruppe des Bundesrates hat ihren Bericht zur Verbesserung des Schweizer Dienstpflichtsystems vorgelegt. Darin schlägt sie eine Ausweitung der Wehrpflicht auf Frauen vor. Armee und Zivilschutz müssten die Qualifiziertesten und Motiviertesten auswählen können – unabhängig vom Geschlecht. Deshalb solle sich die Schweiz in Richtung des «norwegischen Modells» weiterentwickeln, heisst es in der Empfehlung.

Wie sieht dieses Modell genau aus? Und welche Erfahrungen wurden bisher damit gemacht? Wir schauen genauer hin.

«Bei der Verteidigung geht es nicht nur um physische Herausforderungen und Testosteron.»Eda Solberg, norwegische Premierministerin

Norwegen ist einzigartig in Europa: Als einziges Land hat es eine Dienstpflicht eingeführt, die sowohl für Männer als auch für Frauen gilt. 2015 wurde sie im Gesetz verankert. Dieses Jahr sind die ersten wehrpflichtigen Rekrutinnen eingerückt. Laut der norwegischen Zeitung «Verdens Gang» machen sie fast 33 Prozent der 10’000 Neueingezogenen aus. Aus Sicht der Norweger hat dies mehrere Vorteile:

  • Grösserer Pool: «Wenn alle jungen Frauen und Männer zur Aushebung erscheinen, kann unsere Armee unter den Besten auswählen», sagte die damalige sozialdemokratische Verteidigungsministerin Anne-Grete Strøm-Erichsen vor der Reform.
  • Höhere Chancengleichheit: Die Wehrpflichtreform wird als weiterer Schritt zur Gleichberechtigung angesehen.
  • Mehr Gleichgewicht: Die Armee als zentrales Machtinstrument des Landes brauche eine bessere Balance von Männern und Frauen, argumentieren Parlamentarier.
  • Bessere Durchmischung: Ein höherer Frauenanteil soll im Heer mittelfristig dazu beitragen, das Arbeitsklima zu verbessern.

Dienst leistet in Norwegen, wer aufgrund seiner Qualifikationen wirklich gebraucht wird. Anders als in der Schweiz werden Wehrpflichtige also nicht in jedem Fall, sondern je nach Bedarf der Einsatzorganisationen eingezogen.

Umfrage

Frauen ins Militär! Sinnvoll oder nicht?





Es geht also nicht mehr darum, dass möglichst viele persönlich Dienst leisten. Stattdessen dient die allgemeine Dienstpflicht als Grundlage für eine Auslese: Anstatt der üblichen 30’000 Kandidaten konnte die norwegische Armee heuer aus 60’000 Kandidaten auswählen. Damit können Spezialisten besser rekrutiert werden.

«Wir wollen keine Quote oder eine fixe Anzahl von weiblichen Wehrpflichtigen.»Kjersti Klæboe, Chefin des Personaldepartements im norwegischen Verteidigungsministerium

Ziel sei es einfach, die geeignetsten und motiviertesten jungen Norweger zu rekrutieren, erklärte Kjersti Klæboe jüngst der renommierten Sicherheitsexpertin Elisabeth Braw. «Wir wollen keine Quote oder eine fixe Anzahl von weiblichen Wehrpflichtigen. Aber wir glauben, dass es viele motivierte und geeignete Mädchen gibt, welche die Armee braucht», so die Chefin des Personaldepartmements im norwegischen Verteidigungsministerium.

Laut Sicherheitsexpertin Braw, die sich intensiv mit den Frauen in Norwegens Militär auseinandergesetzt hat, müssen weibliche Kandidatinnen die gleichen Aufnahmeprüfungen absolvieren und die gleichen Aufgaben ausführen wie ihre männlichen Kollegen. Ausserdem schlafen sie in denselben Zelten und Unterkünften. Nur Duschen haben sie eigene.

Gemeinsame Räume: Frauen und Männer teilen sich die Unterkünfte. (Bild: Rutply.tv)

Anfangs gab es grosse Vorbehalte gegenüber gemischten Schlafräumen. Mittlerweile sind diese verschwunden. «Die Soldaten sehen einander als Kameraden an und nicht als potenzielle Datingpartner. Geteilte Schlafzimmer desexualisieren sie», glaubt Kjersti Klæboe vom Verteidigungsministerium. Verschiedene Studien stützen diese Meinung. Sie zeigten, dass geschlechtsneutrale Räume eine stärkere Teammentalität kreierten und die Toleranz förderten, schreibt «Science Nordic».

20 ProzentSo viele Soldatinnen quittierten 2013 wegen Mobbing oder sexueller Belästigung den Dienst.

Die Studien offenbaren aber auch, dass lange eine Machokultur vorherrschte, die für den respektvollen Umgang mit Frauen in der Truppe alles andere als förderlich war. 2013 quittierte noch jede fünfte Soldatin den Dienst in der norwegischen Armee wegen Mobbing oder sexueller Belästigungen durch männliche Kollegen oder Vorgesetzte. Die Mehrheit der Frauen war damals denn auch gegen die Dienstpflichtreform. Laut einer Meinungsumfrage der Tageszeitung «Aftenposten» begrüssten lediglich 28 Prozent der Norwegerinnen die Reform – 52 Prozent sprachen sich dagegen aus.

Mittlerweile scheint sich diese negative Haltung gelegt zu haben. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Umfrage unter norwegischen Studierenden ist die Armee ein beliebter Arbeitgeber. Ingenieursstudentinnen und -studenten wählten das Militär auf den zehnten Platz. Bei IT-Studierenden ist es gar der fünftbeliebteste Arbeitgeber – knapp hinter Google, Microsoft und Co. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat das Militär in Norwegen einen guten Ruf unter jungen Leuten. Dies bestätigt auch Nina Hellum, die am «Norwegian Defence Research Establishment» forscht: «Frauen, die heute ins Militär gehen, sind freiwillig dort und normalerweise sehr motiviert für den Dienst.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.07.2016, 13:02 Uhr

Artikel zum Thema

Jetzt wird die Wehrpflicht für Frauen geprüft

Gleichberechtigung mal anders: Eine Arbeitsgruppe des Bundes empfiehlt der Schweiz das «norwegische Dienstmodell». Das hätte Folgen für die Frauen. Mehr...

In Norwegen müssen auch Frauen zur Aushebung antreten

Die geschlechterneutrale Wehrpflicht ist für die rotgrüne Regierung in Oslo ein wichtiger Schritt zu mehr Gleichberechtigung. Mehr...

In Israel ist Dienstpflicht für Frauen Alltag

Um arabischen Angriffen zu trotzen, hat Israel von Anfang an auf Soldatinnen gesetzt. Der Druck auf die Männer wächst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Ein Jockey wartet im kalifornischen Santa Anita auf das letzte Rennen des Tages. (23. Juni 2019)
(Bild: Chris Carlson) Mehr...