«Dieser Angriff erinnert an den Pearl-Harbor-Effekt»

Pariser Terror: Wo war der Geheimdienst? Sehen wir eine neue Dimension? Dazu Kurt R. Spillmann, Sicherheits- und Terrorexperte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der französische Geheimdienst gilt als effizient. Dennoch ist es den Terroristen gelungen, gleichzeitig an sechs verschiedenen Orten zugeschlagen. Weshalb?
Ich kann es mir nur erklären mit der grossen Diskrepanz zwischen unseren offenen Gesellschaften und der unorganisierten Todesbereitschaft dieser Terroristen. Dabei muss es sich nicht um eine grosse Organisation handeln, sondern es können Metastasen sein, also kleinen Grüppchen junger Männer, die die Ziele des radikalen Islamismus realisieren wollen.

Der Organisationsgrad dieses multiplen Anschlags ist aber bemerkenswert. Bisher ist man von sogenannt «einsamen Wölfen» ausgegangen, die in Westeuropa alleine zuschlagen. Der Anschlag im Schnellzug Thalys gilt als Beispiel dafür. Wurden die Terroristen und ihre strategischen Fähigkeiten unterschätzt?
Das ist möglich. Aber bei einer so komplexen Organisation müssten die Terroristen doch irgendwo eine digitale Spur hinterlassen haben, die auswertbar gewesen wäre. Dieser Angriff erinnert mich denn auch an den Pearl Harbor-Effekt, der hier gespielt haben könnte. Seinerzeit hatte man relevante Informationen, die aber nicht schnell genug als solche erkannt und an die richtige Stelle weitergeleitet wurden.

Ist die Anschlagsserie von Paris eine neue Dimension des Terrors?
Es ist ähnlich wie bei 9/11. Unsere Offenheit, unsere vertrauensselige Gesellschaft ist ausgenützt worden. Das ist eigentlich eine Stärke unserer Gesellschaft, die nun aber als Schwäche ausgebeutet wurde. Hier wurden wieder Menschen niedergeschossen, die sich völlig sicher gefühlt haben. Das ist aufs höchste verwerflich.

Was kann man gegen dieses Problem überhaupt machen?
Es gibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen einen Verlust an Freiheit in Kauf nehmen, um die Sicherheitsmassnahmen auszubauen. Die elektronische Überwachung muss hoch- statt runtergefahren werden. Es gibt ja grosse Proteste dagegen. Aber offensichtlich geschieht noch zu wenig, oder man hat noch nicht die richtigen Tools, um solchen Angriffen zuvorzukommen. Vielleicht muss man Personen, die als potenzielle Täter identifiziert worden sind, noch sorgfältiger und intensiver überwachen.

Die elektronische Überwachung aber ist ja bereits einigermassen umfassend. Ausserdem hört man, dass die Terroristen im Islamischen Staat wieder mit Briefen und Kurieren operieren.
Es ist immer ein technologischer Wettkampf zwischen den Terroristen und den Verteidigern der Ordnung. 9/11 brachte die neue Methode mit den voll betankten Flugzeugen, die als Superwaffe in ein Hochhaus gesteuert werden. Und nun haben wir diesen synchronisierten Anschlag in Paris, wo öffentliche Orte attackiert wurden. Und auch der Islamische Staat agiert mit Raffinesse. Polizei, Geheimdienste und Spionageabwehr müssen einfach innovativer werden, um solche schrecklichen Attentate verhindern zu können. Und vielleicht muss der Zugang zu digitaler Technologie restriktiver gehandhabt werden.

Kann man das Problem in Syrien und im Irak bekämpfen?
Ja, und da zuallererst. Solange der IS ein Territorium hat, so lange gescheiterte Staaten, zu denen nun auch Libyen zählt, als Operationsbasis dienen können, sind die Terroristen im Vorteil, weil sie eine Rückzugsmöglichkeit haben. Diese muss ihnen genommen werden.

Einer der Anschläge fand vor dem Stade de France während eines Fussballspiels statt. In sechs Monaten findet die Europameisterschaft statt. Ist es noch verantwortbar, einen solchen Grossanlass durchzuführen?
Das werden sich die französischen Behörden auch fragen. Und die Antwort steht kaum schon fest. Zuerst aber müssen die Hintergründe der Täter ermittelt werden. Noch ist unklar, wie sie vernetzt waren, und ob es sich um Personen französischer Herkunft handelt. Sobald das geklärt ist, kann man Gegenmassnahmen treffen und entscheiden, ob diese EM stattfinden kann. Fest steht bisher nur, dass unsere Freiheit weiter eingeschränkt wird.

Ob Frankreich die EM durchgeführt, scheint also noch offen.
Das nehme ich an. Wenn Präsident Hollande erwägt, alle Grenzen zu schliessen, und sogar Teile der Armee mobilisiert, wird deutlich, dass das eine sehr ernsthafte Angelegenheit ist.

Angesichts der Anschläge in Paris: Welche Gefahr besteht für die Schweiz?
Bei uns gibt es keine Banlieu-Kultur. Wir haben glücklicherweise vermieden, dass in der Schweiz Ghettos entstanden. Und deshalb haben wir nicht wie Frankreich viele junge Männer, die voller Hass sind, weil sie in der Gesellschaft nicht akzeptiert sind. Diese Bedrohung fällt weg. Aber wir sind ein Teil des weichen, offenen Westens mit unendlich vielen Objekten, die man mit Leichtigkeit angreifen kann. Da gehören wir auch dazu. Wir sind also auch verwundbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.11.2015, 10:03 Uhr

Sicherheitsexperte Kurt R. Spillmann

Artikel zum Thema

Experten warnten schon zuvor

Was sich in Paris zugetragen hat, habe man schon länger erwarten müssen, sagen Polizei und Experten. Was passierte sei aber «das schlimmste aller Szenarien». Mehr...

Hier schlugen die Täter zu – eine Übersicht

Die Anschlagsserie in Paris richtete sich gegen mehrere Punkte in der französischen Hauptstadt: Eine Konzerthalle, das Stade de France und der berühmte Place de la République. Mehr...

Terrornacht in Paris – was bisher bekannt ist

Weit über 100 Tote, das Militär auf den Strassen und möglicherweise Terroristen auf der Flucht: Was zur Terrornacht von Paris bekannt ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

«Erotik und nichts anderes»

Aus Umfragen ergibt sich einstimmig: Immer mehr Frauen wollen eine spontane, erotische Erfahrung mit einem Fremden erleben.

Blogs

History Reloaded Verschwörung in Virginia

Welttheater Splitter

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Auch ein Rücken kann entzücken: Ein Elefant zeigt sich im Joburg Zoo in Johannesburg nicht gerade von der besten Seite (18. August 2017).
(Bild: Kim Ludbrook) Mehr...