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«Ich weiss, dass ich ein Gesicht habe, das polarisiert»

Kanzlerin Merkel hat sich drei Monate nach der tödlichen Messerattacke einer öffentlichen Debatte gestellt. In der Stadt kam es zu Protesten.

Anlässlich des Besuchs der Kanzlerin kommt es in Chemnitz zu Protesten, wie hier von Rechtsnationalisten.
Anlässlich des Besuchs der Kanzlerin kommt es in Chemnitz zu Protesten, wie hier von Rechtsnationalisten.
Robert Michael, AFP
Die Polizei hält sie in Schach, während sie an Demonstranten vorbeiziehen, die gegen Rassismus protestieren.
Die Polizei hält sie in Schach, während sie an Demonstranten vorbeiziehen, die gegen Rassismus protestieren.
Odd Anderesen, AFP
Sie besuchte unter anderem ein Training von Nachwuchsbasketballern und traf sich mit dem Gastwirt des jüdischen Restaurants Schalom.
Sie besuchte unter anderem ein Training von Nachwuchsbasketballern und traf sich mit dem Gastwirt des jüdischen Restaurants Schalom.
Robert Michael, AFP
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Gleich zu Beginn passiert etwas Überraschendes: Die Kanzlerin bekommt Applaus, und zwar ausdauernden. «Ich bin hier, um mich mit den Chemnitzern auszutauschen, aber in einer Atmosphäre, in der man reden kann», sagt Angela Merkel und erklärt, warum sie erst jetzt kommt, 82 Tage nachdem sich ein Graben auftat in der Stadt. «Ich weiss, dass ich ein Gesicht habe, das polarisiert», sagt Merkel. Sie habe warten wollen, bis die Stadt weniger aufgewühlt ist.

Nach etwas sprödem Beginn («Ich bin hier, um mir ihre Unzufriedenheiten anzuhören») nimmt sich Merkel Zeit für aufmunternde Worte: Die Chemnitzer könnten stolz sein auf ihre Lebensläufe und die damit verbundenen Kraftanstrengungen. «Das Bürgergespräch», räumt sie ein, «ist in letzter Zeit vielleicht zu kurz gekommen.»

120 Menschen sind zum Bürgerdialog der Freien Presse in die Hartmannfabrik gekommen. Unter ihnen Dirk Richter, 43, Leistungssportler und Chef einer IT-Firma. «Den Bürgern der Mitte fällt es derzeit schwer, ihren eigenen Kompass zu finden», sagt er in Richtung der Kanzlerin. Und tatsächlich ist die Mitte von Chemnitz in diesen Tagen eine Baustelle. Vor dem Karl-Marx-Kopf in der Innenstadt pflügen Bagger. Die Stadt hat damit begonnen, die Platten des Gehwegs erneuern zu lassen. Dieser sei zuletzt «zunehmenden Belastungen» ausgesetzt gewesen, heisst es als Begründung. Jeden Freitag demonstriert hier die fremdenfeindliche Bürgerbewegung Pro Chemnitz.

Zunehmende Belastungen hat die ganze Stadt aushalten müssen. Seit Ende August ein 35-Jähriger bei einer Messerattacke ums Leben kam, Neonazis an der Seite von Normalbürgern durch die Stadt zogen und Jagd auf Menschen machten, die sie für Ausländer hielten. Merkel lobt die Chemnitzer, die sich den rechtsextremen Demos entgegengestellt hätten. «Bei Hass und Hetze müssen wir eine Grenze ziehen.» Und dann wird es ein paar Grad kühler in der Hartmannfabrik. Das bestimmende Thema ist nun die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin.

Es geht um den UN-Migrationspakt und die «mediale Zerfetzung» der Stadt. Eine ältere Frau ruft: «Über Deutschland ist Chaos hereingebrochen.» Ronny Matthes meldet sich zu Wort, er wohnt im Chemnitzer Vorort Einsiedel. Als dort 2015 Flüchtlinge in einem ehemaligen Pionierlager untergebracht werden sollten, war er Mitorganisator der Proteste dagegen. Ein älterer Herr konfrontiert Merkel mit einem Zitat von 2004: «Multikulti ist gescheitert.»

Merkel bleibt gelassen und zugewandt, gemeint sei damals etwas anderes gewesen: «Wenn wir nicht auf Integration setzen, darauf, dass Menschen unsere Sprache sprechen, dann funktioniert das nicht.» Sie beklagt, über den Migrationspakt würden Lügen in die Welt gesetzt, räumt aber ein, dass die illegale Migration weiter reduziert werden müsse, und äussert Verständnis dafür, dass einigen Menschen ein Gefühl der Sicherheit verloren gegangen sei. «Aber was wäre ich für eine Kanzlerin, wenn ich nicht sagen würde, wir schaffen das?»

Im Publikum sitzt auch Barbara Ludwig (SPD), seit 2006 Oberbürgermeisterin von Chemnitz. Von manchen wird sie zärtlich «Babalu» genannt. Auch Ludwig fremdelt mit dem Bild, das von ihrer Stadt in die Welt ging. «Karl-Marx-Kopf, Deutschlandfahnen, Hitlergrüsse und ein nackter Hintern. Das soll Chemnitz sein?» Ihr Name ist vor allem mit Aufschwung verbunden. Für die «sehr positive Entwicklung der Stadt» bekam sie im Juni die Sächsische Verfassungsmedaille. «Wir haben einen konsolidierten Haushalt, eine lebhafte Kulturszene, wir eröffnen neue Schulen», sagt Ludwig. «Ich würde mir wünschen, dass jetzt, wo man die Stadt einmal auf der Landkarte gefunden hat, auch die Erfolge Erwähnung finden.»

Chemnitz, früher eine klassische Arbeiterstadt

Chemnitz, sagt Ludwig, sei lange eine klassische Arbeiterstadt gewesen: Wertschöpfung vor Lebensgenuss. Das ändere sich nun langsam. Auch mit der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025. Keine Frage: Die Ausschreitungen seien ein Rückschlag gewesen, aber man wolle den Weg trotzdem gehen.

Dass dieser beschwerlich werden könnte, hat jüngst der Sachsen-Monitor gezeigt; eine repräsentative Umfrage, mit der die Landesregierung jährlich politische Einstellungen ermittelt. Ein Ergebnis: In Chemnitz fühlen sich deutlich mehr Menschen als Bürger zweiter Klasse als in anderen Regionen Sachsens. Wieviel kann da ein Politikerbesuch leisten?

Merkel war schon einmal in Chemnitz, 2009, anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Technischen Hilfswerks in den ostdeutschen Bundesländern. Im selben Jahr hielt sie auf sächsischen Marktplätzen Wahlkampfreden. Aus den Boxen dröhnte «Start me up» von den Rolling Stones, und in der Menge buhten nur wenige.

Es ist 17.50 Uhr, als Martin Kohlmann unweit der Hartmannfabrik auf Paletten klettert – seine Bühne. Kohlmann hat den Mantelkragen aufgestellt gegen die Kälte. Und es ist eine kalte Welt, die der Organisator von «Pro Chemnitz» beschreibt: «Wir gewöhnen uns langsam daran, dass Gruppenvergewaltigungen in Friedenszeiten zum alltäglichen Phänomen werden», ruft er. Wer daran Schuld sei, ist für ihn keine Frage: «Das ist Merkels Verdienst.» Die Menge johlt. Wie viele gekommen sind, ist schwer zu sagen in der Dunkelheit. 550 hat die Polizei in einer Schätzung genannt. Sie haben ein Banner über den Zaun geworfen: «Merkel muss weg» steht da in Grossbuchstaben.

Hinter dem M steht ein Mann, schwarze Mütze, schwarze Windjacke. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Er sei Rentner und wäre an diesem Abend lieber zum Eishockey gegangen. «Das hier ist wichtiger.» Aber ist das Ziel nicht nah? Merkel hat angekündigt, nicht mehr für den CDU-Vorsitz zu kandidieren. «Der Fisch stinkt als Ganzes», findet der Mann. Es sei egal, ob Friedrich Merz oder wer auch immer nachfolgt. Er will auch am nächsten Freitag da sein.

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