Drei Schwestern wühlen Russland auf

Sie töteten ihren Vater, um jahrelanger Misshandlung ein Ende zu setzen. Nun kommen sie wegen Mordes vor Gericht.

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Es war wohl ein Tag wie viele andere für die Schwestern Chatschaturjan: Weil sie für seinen Geschmack die enge Zweizimmerwohnung in Moskau nicht sauber genug geputzt hatten, sprühte der Vater den Töchtern Pfefferspray ins Gesicht, eine von ihnen wurde ohnmächtig.

Danach beschlossen Maria, Angelina und Kristina – damals 17, 18 und 19 Jahre alt –, ihren Peiniger zu töten. Sie warteten, bis der Vater schlief, dann attackierten sie ihn gemeinsam, die eine mit dem Pfefferspray, die Zweite mit einem Messer und die Dritte mit einem Hammer. Dutzende Male stiessen und schlugen sie zu. Danach riefen sie die Polizei. Sie hätten in Notwehr gehandelt, sagten sie den Beamten.

Täterinnen oder Opfer?

Das war vor einem Jahr. Nun kommen die drei Schwestern wegen Mordes vor Gericht, was in Russland heftige Diskussionen ausgelöst hat. Sind die drei Mädchen, die der Vater über Jahre terrorisiert, systematisch geschlagen und sexuell missbraucht hat, wirklich kaltblütige Mörderinnen? Oder vielmehr Opfer eines kriminellen Vaters und eines Rechtssystems, das Frauen und Kinder nicht vor häuslicher Gewalt schützt und ihrem traurigen Schicksal überlässt?

Vor dem Gericht demonstrierten Hunderte für die Mädchen. Über 300'000 Menschen haben eine Onlinepetition unterzeichnet, die Anklage fallen zu lassen. «Jede von uns könnte an ihrer Stelle stehen», kommentiert eine junge Frau, «zuerst hat sie der Vater erniedrigt und nun der Staat», schreibt ein junger Mann.

Die Schwestern sind nicht allein. Foto: Reuters

Russland hat schon vor Jahren ein Gesetz gegen häusliche Gewalt ausgearbeitet, doch wurde es nie ins Parlament gebracht. Stattdessen haben die Abgeordneten die ohnehin lasche Gesetzgebung weiter ausgehöhlt: Häusliche Gewalt ist seit 2017 keine Straftat mehr, sondern eine Ordnungswidrigkeit – zumindest solange nicht gerade Knochen brechen und es nur einmal im Jahr vorkommt. Allenfalls muss der Täter eine Busse zahlen, nicht schlimmer, als wenn er falsch parkiert hätte, klagen Frauenrechtlerinnen.

Und das Problem ist immens: Etwa 14'000 Frauen werden gemäss einem UNO-Bericht in Russland jedes Jahr von Familienangehörigen ermordet, meistens vom Ehemann. Das sind fast 40 Tote pro Tag. Und die Polizei will sich in der Regel nicht in solche «Familienangelegenheiten» einmischen.

Die Frau rausgeworfen, auf den Sohn geschossen

Auch die drei Schwestern konnten nicht mit Hilfe rechnen. Ihre Mutter warf der Vater schon vor Jahren aus dem Haus, auf den Sohn hatte er geschossen. Sie erstattete mehrmals Anzeige gegen den gewalttätigen Mann, der sie mit einem Baseballschläger schlug, einmal offenbar sogar auf der Polizeistation. Er drohte ihr, die Mädchen umzubringen, wenn sie nicht verschwinde.

Doch die Polizei unternahm nichts, obwohl der Mann auch die Nachbarn mit Waffen bedrohte und diese immer wieder meldeten, aus der Nachbarwohnung seien Schüsse und Schreie zu hören. In der Schule tauchten die Mädchen nur sporadisch auf, aber auch das blieb ohne Folgen. Maria, Angelina und Kristina hätten keine andere Wahl gehabt, als sich selber zu verteidigen, sagen ihre Anwälte.

«Ihr Leben oder seines – eine andere Option hatten sie nicht.»Mari Dawtjan, Juristin

Nicht alle sind dieser Meinung: Mord bleibe Mord, sagen Kritiker und unterstützen die Anklage, die die Mädchen bis zu 20 Jahre ins Gefängnis bringen würde. Sie hätten ja weglaufen können, sagen sie, oder zur Mutter ziehen. Frauenrechtlerinnen bestreiten das. Der Vater habe beste Beziehungen zur Polizei gehabt und sei ein geachtetes Mitglied der Armenien-Diaspora gewesen, von wo die Familie ursprünglich stammt.

«Die Mädchen wussten, dass die Polizei Angst vor ihrem Vater hat und jede Anzeige direkt an ihn weiterleitet», sagt die Juristin Mari Dawtjan in einem Interview mit dem russischen Newsportal «Medusa». Wären sie weggelaufen, hätte er sie getötet und niemand hätte sich darum geschert, ist Dawtjan überzeugt, die an dem Gesetz gegen häusliche Gewalt mitgearbeitet hatte. «Er hat immer wieder damit gedroht, sie zu töten. Ihr Leben oder seines – eine andere Option hatten sie nicht.»

«Entkriminalisierung war ein Fehler»

Dass so heftig um die Schwestern Chatschaturjan gestritten wird, belegt für Dawtjan, dass sich etwas bewegt in der russischen Gesellschaft. Jedes Jahr werden mehr Misshandlungen angezeigt, was noch vor zehn Jahren völlig tabu war. Die Debatte um eine griffiges Gesetz gegen Gewalt in der Familie scheint damit neu eröffnet, auch wenn die Regierung noch keinerlei Anstalten macht, Frauen und Kinder besser zu schützen.

Dabei kommt Kritik auch aus den eigenen Reihen: «Ich glaube, die Entkriminalisierung war ein Fehler, wir brauchen ein Gesetz gegen häusliche Gewalt», sagt Tatjana Moskalkowa, die Menschenrechtsbeauftragte der Russischen Föderation, die sich vor zwei Jahren noch für die Lockerung ausgesprochen hatte.

Erstellt: 16.07.2019, 16:42 Uhr

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