Drittens: Sprich niemals über Sex

Das Südtirol ist eng, sehr eng – besonders für Frauen gelten andere Regeln. Aufzeichnungen einer Geflüchteten.

Hier erzählen die Leute nach Jahren noch die Geschichte, wie eine Kuh vom Berg abgestürzt ist – weil sonst nichts passiert: Eine Herde im Naturpark Rieserferner-Ahrn. (Foto: Getty Images/Paolo Bis)

Hier erzählen die Leute nach Jahren noch die Geschichte, wie eine Kuh vom Berg abgestürzt ist – weil sonst nichts passiert: Eine Herde im Naturpark Rieserferner-Ahrn. (Foto: Getty Images/Paolo Bis)

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 18. März 2019.

Wo ich herkomme, heisst das Gefühl, das mich mit dem Land verbindet: «dahuame». Das ist Südtiroler Dialekt und bedeutet «zu Hause».

Südtirol war für mich immer dieser Tischtennisschläger, an dem ein Pingpong-Ball mit einem Stück Schnur festgebunden ist. Wie der Pingpong-Ball nie vom Schläger loskommt, kam ich nie los von dem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Hier habe ich meine ersten Schritte gemacht, bin das erste Mal vom Rad gefallen, habe meinen ersten Freund geküsst, den ersten Liebeskummer überstanden. Ich habe nie darüber nachgedacht, meinen Lebensmittelpunkt langfristig in ein anderes Land zu verlagern. Bis jetzt. Für einen neuen Job ziehe ich weg. Vielleicht für immer.

Nicht nur ich verlasse das Land. Seit 2007 zogen jedes Jahr mehr als 1500 Südtiroler ins Ausland, das steigerte sich im Jahr 2016 zu mehr als 3000 Auswanderern. Das Melderegister der im Ausland ansässigen italienischen Staatsbürger verzeichnet fast 40'000 Südtiroler, die im Ausland wohnen. Im Land leben 520'000 Menschen.

«Das Gehen fiel mir nie leicht, das Wiederkommen auch nicht.»

Vor allem die Jungen gehen. Sie studieren und arbeiten in Österreich, Deutschland, der Schweiz, in Grossbritannien, in den USA. Weil es in Südtirol schwer ist, anders zu leben als die Eltern und Grosseltern. Weil es nicht viele Möglichkeiten gibt, unangepasst zu sein oder anders. Weil ihnen das Land zu klein wird, die Grenzen zu eng, das Gerede der Leute zu laut. Weil Südtirol Veränderung nicht mag. Weil die Last der Vergangenheit die Gegenwart prägt. Und weil sich daran vermutlich nie etwas ändern wird.

Darum zog auch ich in den vergangenen Jahren immer wieder weg und kam immer wieder zurück: aus München, Hamburg, Reutlingen, zuletzt aus Zürich. Das Gehen fiel mir nie leicht, das Wiederkommen auch nicht.

An einem Wintertag, da ist die Entscheidung, endgültig Adieu zu sagen, schon gefallen, fahre ich noch mal heim ans Ende einer Strasse am nördlichen Ende des italienischen Staates, in einem kleinen Land, von dem die Einwohner denken, es sei das beste der Welt. Manchmal wirkt es sogar, als glaubten sie, es sei das einzige Land der Welt. Zu ihrer Verteidigung: Die Berge begrenzen den Blick auf alle anderen Länder.

«In meiner Jugend fand ich es hier zum Verrücktwerden ruhig, endlos weit entfernt von all den Orten, an denen sich Leben abspielt.»

Der Rest der Welt – der sich vor allem auf die Nachbarländer Österreich und Schweiz sowie auf Deutschland beschränkt – kennt Südtirol aus den Ferien. Oder aus den riesigen Werbebannern, in welche die Imageabteilung des Landes jedes Jahr Hunderttausende von Euro spuckt.

Südtirol hängt als Riesenplakat der Seiser-Alm-Idylle in Hamburger U-Bahn-Stationen, ist eingeheftet als Drei-Zinnen-Bild in Schweizer Magazinen, läuft als Apfelwerbung (Bio natürlich) über deutsche Bildschirme nach dem «Tatort». Südtirol ist – zumindest für 15 Millionen Deutsche, 10 Millionen Italiener, 1,5 Millionen Schweizer, die pro Jahr ihre Ferien hier verbringen – Sehnsuchtsland. Oder die Heimat von Ötzi, der Gletschermumie. Oder dieses traditionsreiche Land, in dem die Leute dauernd in Tracht rumlaufen oder im Wanderoutfit.

Wenn ich mich an die Spiegelung des Seekofels im Türkisblau des Pragser Wildsees erinnere oder an die schweisstreibende dreitägige Wanderung über den Pfunderer Höhenweg, bei der ich vor Anstrengung weinte und meine Beine danach wegen des Muskelkaters eine Woche lang nur eingeschränkt bewegen konnte; wenn ich an den Geruch von frisch gemähtem Gras denke oder an den Geschmack von Papas Tirtlan (eine fetttriefende Spezialität aus meinem Tal: Teigwaren mit Spinat-, Sauerkraut- oder Kartoffel-Ricotta-Füllung, herausgebacken in Öl) – dann sehne ich mich auch nach meinem Zuhause.

«Die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einer Familie gehört, die ein Hotel besitzt, ist nicht klein.»

Als ich daheim ankomme, sehe ich von all dem nicht viel. Zum Abendessen gibt es Spaghetti, das Gras liegt unter einer Schicht von Raureif, es ist so dunkel, dass ich nur die Sterne erkennen kann. Der Wald versperrt mir die Sicht auf die Berge dahinter. Ich höre nichts, an das Rauschen des Baches habe ich mich im Laufe der Jahre zu sehr gewöhnt. Selbst am Tag wird es nicht hell werden, weil die Sonne im Winter vier Monate lang hinter den Bergen auf- und untergeht. In meiner Jugend fand ich es hier zum Verrücktwerden ruhig, endlos weit entfernt von all den Orten, an denen sich Leben abspielt. Südtirol bedeutet für mich auch Zufussgehen, weil periphere Gebiete nicht oder nur im Zweistundentakt an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sind. Und weil die schönsten Orte ohnehin nur zu Fuss erreichbar sind.

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, hängt an einem Berg – wobei Südtiroler den 2275 Meter hohen Kronplatz wohl eher als Hügel bezeichnen würden. Im Gegensatz zu den richtigen Bergen rundum sieht er wie ein Gugelhupf aus, an dem sich Längsstreifen von Wald mit Längsstreifen von Wiese abwechseln. Im Winter kurven Möchtegern-Skifahrer die beschneiten Wiesenstreifen hinab. Im Sommer karren die Gondeln Hinabwanderer hoch.

Das Dorf Geiselsberg liegt tausend Meter unterhalb des Gipfels, rund fünfhundert Menschen leben hier. Ihre Häuser sind auf mehrere Häufchen verteilt, dazwischen liegen kilometerlange Strassen in holprigem Zustand. Im Ortskern stehen eine Kirche, eine Schule, kein Laden, dafür sieben Hotels. Die Wahrscheinlichkeit, dass man zu einer Familie gehört, die ein Hotel besitzt, ist nicht klein.

Auch mein Vater und seine Schwestern haben nach dem Tod meiner Grossmutter ein Hotel übernommen. Immer wenn ich den rotbraun gefliesten Boden der Bar betrete, fühlt es sich an, als wäre neben den Stammgästen auch der Stillstand eingezogen. Vielleicht ist das der Grund, warum die Gäste überhaupt hierherkommen.

Wenn ich als Kind erschreckende Nachrichten sah von Flugzeugen, die in Wolkenkratzer fliegen, oder von Mördern, die ganze Städte in Angst versetzen, dann fühlte ich mich hier, im Schutz der Gipfel der Dolomiten, doch recht sicher. Was sollte hier gross passieren, wenn selbst in Südtirol kaum jemand diesen Ort kennt. Dabei kommt der Fernsehmoderator Markus Lanz aus Geiselsberg. Ich weiss nicht, was Lanz dazu sagen würde, aber für mich gab es keinen besseren Ort, Kind zu sein, als hier, wo sich die Leute nach Jahren noch die Geschichte erzählen, wie eine Kuh vom Berg abgestürzt ist – weil sonst nichts passiert.

Einer der aufregenderen Momente meiner Kindheit war wohl der Tag, an dem ich zum ersten Mal in Kontakt mit der italienischen Sprache kam. Meine vier Mitschüler und ich waren sieben Jahre alt, als zum ersten Mal eine Italienischlehrerin in unsere Klasse kam. Sie war elegant gekleidet, stark geschminkt, hatte blonde Strähnen im dunklen Haar. Sie verstand nichts von dem, was wir fragten. Wir verstanden nichts von dem, was sie sagte. Dabei sind wir – rein geografisch – Italiener. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass siebzig Prozent der Südtiroler Bevölkerung Deutsch sprechen, weil das Land mal zu Österreich gehörte. Na ja, eigentlich ist es kein wirkliches Deutsch, sondern ein Dialekt, der Norddeutsche an Schweizerdeutsch erinnert und Süddeutsche an Bayrisch. Wenn ich mit Schweizern Dialekt spreche, sehe ich meist in verwirrte Gesichter. Der Gesichtsausdruck ändert sich nicht, wenn ich erkläre, Südtirol ist die nördlichste Provinz Italiens, und stets betonen muss: Nein, Südtirol ist nicht Österreich. Ich fühle mich kein Stückchen als Österreicherin – Wien etwa ist mir völlig fremd, weil die Leute so unfreundlich sind, Mailand allerdings auch: zu chaotisch, zu laut, zu viele Italiener, deren normale Lautstärke in Südtirol einem Schreien gleichkommt.

«Meine Grosseltern haben nie ein anderes Südtirol kennen gelernt als jenes, das zu Italien gehört.»

«Siamo in Italia.» Es ist dieser Satz, der in Südtirol auch nach hundert Jahren Zugehörigkeit zu Italien immer noch am meisten Wut auslöst. Zu gross ist die Wunde, die die Geschichte in das Land gerissen hat. Das Übel hat den Namen einer französischen Stadt: Saint-Germain. Ausgerechnet der Friedensvertrag, der dort nach dem Ersten Weltkrieg geschlossen wurde, führte zu dem Konflikt, der das Land noch heute prägt. Seit dem 10. September 1919 ist Südtirol Teil Italiens. In den Jahren danach begannen die Faschisten, das Land zu italianisieren: Sie entliessen deutschsprachige Arbeiter und schickten Italiener in die nördlichste Provinz, um deren Aufgaben zu übernehmen; sie übersetzten deutsche Ortsnamen ins Italienische, schafften den Deutschunterricht in Schulen ab, verboten die deutsche Sprache. Meine Grosseltern sprachen Dialekt zu Hause, in der Schule lernten sie Italienisch. Deutschunterricht fand in geheimen Katakombenschulen statt. Viele Südtiroler hofften, Hitler werde das Land ans «Dritte Reich» anschliessen.

Meine Grosseltern haben nie ein anderes Südtirol kennen gelernt als jenes, das zu Italien gehört. Aber sie sind aufgewachsen mit Tiroler Traditionen, mit deutscher Muttersprache. Diese Zerrissenheit gipfelte 1939 in einem Umsiedlungsabkommen zwischen Hitler und Mussolini, das die Südtiroler vor die Wahl stellte: gehen oder dableiben? Die Option kennt keine Gewinner: Diejenigen, die gehen, verlieren ihre Heimat, die Dableiber ihre Sprache und Kultur. Sogar von Zwangsumsiedelungen nach Sizilien ist in den damaligen Propagandaschriften die Rede. Mein Grossvater Bruno hat nie darüber geredet, wie die Frage das Land gespalten hat.

Er entschied sich am 22. November 1939 für das Gehen. Und damit für das Dritte Reich. So wie 86 Prozent der Südtiroler. Aber nur wenige davon wanderten wirklich aus, die meisten warteten ab.

«Ich bin irgendwie beruhigt, dass Südtirol kein eigener Staat ist.»

Mein Grossvater zog für die deutsche Wehrmacht in den Krieg. Er erzählte, er habe Hitlers Sommerresidenz am Obersalzberg bewacht. Nach Ende des Krieges ging er zu Fuss in sein Heimatdorf zurück und fand sich wieder in einem Land, das sich mehr denn je nach Selbstbestimmung sehnte. Nach jahrzehntelangem Ringen erlangte Südtirol 1972 mit dem neuen Autonomiestatut die Souveränität, die die Südtiroler Identität schützt und der Politik autonome Entscheidungen zusichert.

Einigen Südtirolern ist das zu wenig. Sie fordern ein «Los von Rom», als wollten sie die Demonstrationen des Schützenbundes nach sechzig, siebzig Jahren wiederholen. Auch mein erster Freund Florian – passenderweise heisst er Hofer wie der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer, der 1809 eine Aufstandsbewegung gegen die bayrische und französische Besetzung seiner Heimat angeführt hat – marschiert bei den Umzügen der Schützenkompanie mit. Sein Bruder Matthias ist Gemeinderat bei der Südtiroler Freiheit und fordert das, was der Parteiname sagt, also Freiheit für Südtirol, was so viel heisst wie Freiheit von Italien. Auch Florian sympathisiert mit der Idee. Das ist nicht der Grund, warum wir nicht mehr zusammen sind, vermutlich hätten wir uns früher oder später aber deswegen getrennt.

Er besucht mich an einem nebligen Novembertag, setzt sich an den Tisch und sieht fehl am Platz aus. Anscheinend fühlt er sich auch so, er versucht, die peinliche Stille zu unterbrechen, indem er fragt: «Wie lange war ich schon nicht mehr hier?» Es muss sieben, acht Jahre her sein. Unsere Trennung hat ihm gutgetan: Statt mit mir verbringt er seither seine Freizeit in den Bergen, auf dem Mountainbike oder auf Tourenskiern. Seinem Körper sieht man das an.

«Wenn ich damals eine SMS verschicken wollte, musste ich auf die andere Seite des Baches.»

Ich sage, ich würde gern über Südtirol reden. Er lacht und sagt, er fände es gut, wäre Südtirol ein eigener Staat. Ich denke an die Strasse voll Schlaglöcher, die zu mir nach Hause führt und die nur geteert wird, wenn man den Bürgermeister alle paar Tage anruft, um ihn daran zu erinnern, die Arbeiten in Auftrag zu geben. Auf der Strasse fährt kein Bus, weil sie bis vor einem Monat noch nicht als Gemeindestrasse eingetragen war – obwohl sie seit mehr als zwanzig Jahren Gemeindestrasse ist. «Das haben wir immer vergessen», sagte der Bürgermeister bei einer Gemeinderatssitzung im Oktober. Die Stuhlwärmer um ihn herum lachten; ich fragte mich, wer so viel Inkompetenz in den Gemeinderat gewählt hatte, und bin irgendwie beruhigt, dass Südtirol kein eigener Staat ist.

Florian holt mich aus meinen Gedanken mit irgendeinem Weisst-du-noch-damals-Satz. Wir reden über früher, unsere gemeinsame Zeit bei der Musikkapelle, die vielen Feste, auf denen wir waren.

Er erinnert mich daran, wie sehr ich das Dorfleben als Jugendliche hasste. Keinen Handyempfang zu haben, war damals nicht romantisch, sondern lästig. Wenn ich eine SMS verschicken wollte, musste ich auf die andere Seite des Baches, dort legte ich das Handy flach auf eine Bank und wartete.

Halten sich Frauen nicht an unausgesprochene Regeln, wird schnell getratscht. Symbolbild: Getty Images

Noch lästiger war das Gerede der Leute, die mich stets mit diesem Ich-weiss-was-du-Samstagabend-getan-hast-Blick ansahen und dieses «Wissen» verbreiteten. Ich habe so viele Gerüchte über mich gehört, dass ich fast an meinen Erinnerungen zweifelte.

Ich hätte die fünf unausgesprochenen Regeln befolgen müssen, um vom Getratsche verschont zu bleiben (für Männer gibt es keine Verhaltensregeln).

Erstens: Trage nichts, womit du dich von der Masse unterscheiden könntest. Kleider mit tiefem Ausschnitt und High Heels sind tabu.

Zweitens: Trink höchstens ein Glas Wein.

Drittens: Sprich niemals über Sex.

Viertens: Triff dich nur heimlich mit Männern – egal ob es Freunde sind oder Liebhaber.

Fünftens: Triff dich immer nur mit einem Mann.

Ich habe keine der Regeln beachtet und das auch nie verheimlicht. Vielleicht fühlten sich die Südtiroler provoziert von meinen kurzen Röcken oder davon, dass ich in der Öffentlichkeit einen Mann küsste und dann auch noch nicht immer den gleichen. Eine junge Frau sagte zu einem Freund von mir: «Na, die darf sich nicht wundern, dass über sie geredet wird, wenn sie sich so aufführt!»

Jung zu sein in einem Land, in dem nicht mal junge Leute verstehen, was es heisst, jung zu sein, ist schwer.

Als ich zum ersten Mal aus Südtirol wegzog, war das befreiend. Ich ging nach Innsbruck, um zu studieren – so wie alle Südtiroler, die nicht zu weit weg wollen von zu Hause und deren Italienisch nicht gut genug ist für ein Studium in Trient, Verona oder Mailand. Wie fast alle Südtiroler wohnte ich im Südtiroler Studentenheim, wir sind nun mal Herdentiere. Das Heim war bekannt für seine Partys, bei denen es vor allem eins gab: viel Bier. Ich erinnere mich nur verschwommen an diese Zeit. So geht es auch den Freunden, mit denen ich ohne die Partys wohl nie ein Wort gewechselt hätte. An den Wochenenden war das Heim fast leer – die meisten fuhren nach Hause. Dabei bietet Südtirol an Wochenendabenden wenig: Die Bars und Discos der nächstgelegenen Stadt (in meinem Fall Bruneck) schliessen spätestens um zwei Uhr nachts. Und wer nicht in der Stadt wohnt, muss schon früher los: Der letzte Zug fährt um 21.30, der letzte Bus um 23 Uhr. Erst seit einigen Jahren fährt samstags ein Nachtbus betrunkene Jugendliche in ihre Dörfer.

«In den vergangenen Jahren hörte man oft von Suiziden junger Männer.»

Florian, mein erster Freund, hat nie an einem anderen Ort gelebt als Olang (die Gemeinde, zu der Geiselsberg gehört). Er will nicht weg aus Südtirol, wo sollte er denn auch hin? Hier hat er Arbeit, Freunde, spielt Horn in der Musikkapelle, geht mit dem Alpenverein wandern. Er ist auch der ideale Südtiroler: in Südtirol geboren und aufgewachsen, engagiert sich in Vereinen, isst gern Speck und verlässt Südtirol nur, wenn er für ein, zwei Wochen ans Meer fährt. Ihm fehlen nur noch das eigene Haus, die Frau und die Kinder, die im Garten spielen.

Wer von diesem Bild abweicht, hat es schwer. In den vergangenen Jahren hörte man oft von Suiziden junger Männer. Es heisst, sie seien homosexuell gewesen.

In den Tälern reicht der Horizont bis zur nächsten Bergkette. Der Wille, Fremdes oder Andersartiges zu verstehen, endet meist schon davor.

Manchmal, wenn ich heimkomme, habe ich das Gefühl, mein eigener Horizont verengt sich. Während ich mich an jedem anderen Ort frage, wie ich mich weiterentwickeln könnte, ob ich noch was Neues lernen sollte, male ich mir in Südtirol nur aus, wie ich an einen festen Job komme, in dem ich dann möglichst mein ganzes Leben bleiben kann.

«Mein Vater wird nie laut, nur wenn Gäste vegetarische, vegane oder glutenfreie Gerichte bestellen.»

Während ich an jedem anderen Ort mein Singleleben geniesse, fühle ich mich in Südtirol von ständigen «Wann bringst du denn wieder mal einen Freund mit?»-Fragen so unter Druck gesetzt, dass Alleinsein wehtut und ich mir ernsthaft Gedanken mache, wo ich denn in Südtirol einen Partner finden könnte. Südtiroler denken in Paarbeziehungen, in Wir-Form. Manchmal, wenn ich wegfahre von daheim, vermisse ich dieses wohlige Gefühl der Bequemlichkeit, zu wissen, wo man hingehört, zu wissen, wo einen das Leben hinführt. Ich empfand es immer als Makel, dass ich das nie so ganz genau wusste.

Eine Zeit lang dachte ich, mein Vater wünscht sich, ich würde irgendwann das Hotel übernehmen und die Familientradition weiterführen. Ich habe sogar kurz darüber nachgedacht. Mir vorgestellt, wie ich wieder Teller wasche wie in meiner Jugendzeit. Oder kistenweise Kartoffeln schäle, die Zimmer sauge, an der Bar auf Gäste warte. An der Bar ist es ziemlich einsam geworden: Seit in Italien die Promillegrenze bei 0,5 liegt und Autofahrer nicht mehr als zwei kleine Gläser Bier trinken dürfen, kommen weniger Leute ans Ende der Strasse, um hier zu feiern.

Ich habe mir vorgestellt, wie sich mein Leben in zwei Jahreszeiten abspielen würde: Sommer- und Wintersaison. Wie ich gefangen wäre an diesem Ort – wie mein Vater, der nicht weiss, was er an einem freien Tag machen soll, sodass er abends nach dem Wandern wieder in der Küche steht und Speckknödel macht oder Schlutzkrapfen, gekochte Teigtaschen mit Spinat- oder Kartoffel-Quark-Füllung. Er wird nie laut, nur wenn Gäste vegetarische, vegane oder glutenfreie Gerichte bestellen, schnaubt er manchmal.

«Meine Mutter hat gefragt, wann ich endlich wieder mal einen Freund mitbringe.»

Irgendwann sagte mein Vater zu mir, ich solle mir irgendwo einen festen Job suchen, ganz egal was, nur nicht in die Selbstständigkeit. Spätestens damals war mir klar: Ich werde in Südtirol keinen festen Job finden, denn Medienvielfalt gibt es hier nicht. Ein Verlag hat das Land fest in der Hand, und in jedem Gasthaus, in den meisten Haushalten liegt die Tageszeitung «Dolomiten» aus dem Haus Athesia. Seit einem Jahr sind vor allem Bär und Wolf auf den Titelseiten. Ich blättere durch die Zeitung und habe das Gefühl, mit jeder Seite, die ich überfliege, sterben mir Gehirnzellen weg.

Es wird Zeit zu fahren. Ich habe das Jammern der Bauern gehört: «Es ist viel zu warm für diese Jahreszeit.» (Wäre es kälter, hätten sie das Gegenteil behauptet.) Und das Rauschen der Schneekanonen, die für Winterstimmung sorgen sollen, wenn es das Wetter schon nicht tut. Ich habe vor geschlossenen Cafés gestanden, die erst wieder öffnen, wenn der Weihnachtsmarkt aufmacht. Habe im Südtiroler Wochenmagazin gelesen, dass die Südtiroler Volkspartei (SVP) bei der letzten Wahl zwar so viele Stimmen verloren hat wie noch nie, aber immer noch stärkste Partei im Land ist. Ich habe die verärgerten Facebook-Posts der Kandidaten der Südtiroler Freiheit gesehen, denen die SVP nicht laut genug nach mehr Selbstbestimmung ruft. Meine Mutter hat gefragt, wann ich endlich wieder mal einen Freund mitbringe.

Es ist alles wie immer.

Als ich Südtirol wieder verlassen habe, erinnere ich mich an ein Sommerfest im Nachbardorf, bei dem ich mit Günther, einem Bekannten, den ich zwei, drei Jahre nicht gesehen hatte, Bier trank. Wir sprachen über die Singlemänner des Dorfes – die gleichen wie vor drei Jahren – und lachten über die gleichen Witze wie damals. Ich sagte: «Hier hat sich aber auch nichts verändert.» Er sagte: «Ist das nicht schön?»

Erstellt: 11.03.2019, 19:27 Uhr

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