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«Du bist kein Mensch»

Putin-Kritiker Michail Chodorkowski hat ein Buch über fast zehn Jahre Haft geschrieben. Es gibt Aufschluss über die Stellung des Ex-Oligarchen innerhalb der Lagerhierarchie – und über das perfide russische Gefängnissystem.

Wird erst einmal zur Ruhe kommen müssen: Der Ex-Oligarch steht den Medien Rede und Antwort.
Wird erst einmal zur Ruhe kommen müssen: Der Ex-Oligarch steht den Medien Rede und Antwort.
AP Photo/Michael Sohn
Auf der Medienkonferenz: Michail Chodorkowski in Berlin.
Auf der Medienkonferenz: Michail Chodorkowski in Berlin.
Reuters
Nach wenigen Monaten hätten Chodorkowski und Lebedew das Gefängnis verlassen können. Doch sie wurden zu einem zweiten Prozess bestellt – und am 27. Dezember 2010 erneut verurteilt.
Nach wenigen Monaten hätten Chodorkowski und Lebedew das Gefängnis verlassen können. Doch sie wurden zu einem zweiten Prozess bestellt – und am 27. Dezember 2010 erneut verurteilt.
PD
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Michail Chodorkowski, der frühere Ölmilliardär und Oligarch, teilte das Schicksal Hunderttausender Russen: Er verbüsste zehn Jahre Haft in Gefängnissen und entlegenen russischen Straflagern in Sibirien und Karelien.

Grossen Schriftstellern wie Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow verdankt die literarische Welt Berichte über die sowjetische Lagerhölle. Doch auch im 21. Jahrhundert haben diese Zonen der Willkür und der Gewalt nichts von ihrer Grausamkeit verloren.

Schnörkellose Skizzen des Lagerlebens

Das Besondere daran ist, dass der 50-Jährige nicht einfach werbewirksam seine eigenen Lager-«Memoiren» verfasst hat. Vielmehr porträtiert er in dem am Mittwoch erschienenen Buch «Meine Mitgefangenen» Häftlinge, deren Schicksale sonst wohl niemals öffentlich bekannt geworden wären.

Chodorkowski ist kein Schriftsteller, sondern ein nach eigener Darstellung «durch und durch technokratischer Mensch». Das merkt man den 20 Kurzporträts an. Und doch gehen seine schnörkellosen Skizzen, die das Lagersystem in seiner Korrumpierung, Rechtlosigkeit und fast schon kafkaesken Unberechenbarkeit präzise erfassen, unter die Haut.

Hoher Rang in der Hierarchie

Nur indirekt gibt Chodorkowski Details seiner eigenen Lagererfahrung preis. Man erfährt, dass er über die Jahre keinen Zugang zu Computern und Internet hat und dass er wegen seiner internationalen Bekanntheit offenbar einen hohen Rang in der Lagerhierarchie innehatte.

Zwar bewahrte ihn seine Popularität weder vor Einzelhaft noch vor der Messerattacke eines Mithäftlings, wie man aus dem Anhang des Buches erfährt. Doch es scheint auch durch, dass Zellengenossen trotz des immensen Drucks der Obrigkeit nicht zu Falschaussagen gegen Chodorkowski bereit waren.

Auch andere sind wichtig

Doch es geht in dem Buch um die anderen. Da ist ein verurteilter Drogendealer, der sich lieber den Bauch aufschlitzt, als den von ihm gar nicht begangenen Diebstahl der Handtasche einer alten Frau mit 2000 Rubeln zuzugeben. Es gibt Ermittler, die Häftlinge mit ihren Fäusten oder mit Pralinen zum Reden bringen sollen.

Wolodja, der das kriminell angehäufte Geld vom Konto eines Milizoberen abgeräumt hatte, wird kurz vor seiner Entlassung des Mordes an einem Mithäftling beschuldigt, obwohl Ärzte und Aufseher wussten, dass er dem Opfer niemals begegnet war. Wolodja gibt die Tat nicht zu und bekommt weitere lange Lagerjahre aufgebrummt.

Chodorkowski trifft auf junge Ermittlungsbeamte, die gerade ihr Jurastudium abgeschlossen haben und im Lageralltag lernen, das Recht zu verbiegen. Dann sind da die Spitzel, mit denen man sich besser nicht anlegt, sonst finden sich verbotene Spielkarten oder Geldscheine bei der nächsten Zellendurchsuchung unter den eigenen Sachen.

«Du bist kein Mensch, und die um dich herum sind keine Menschen», das wird den Gefangenen eingetrichtert. Das perfide Gefängnissystem aus Erpressung, Willkür, Denunziation und Erniedrigung erscheint Chodorkowski wie ein «ins Groteske gesteigertes Modell» des normalen russischen Lebens.

SDA/mw

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