«Du kriegst Geld, wenn du sagst, dass die Russen im Donbass kämpfen»

Das ZDF hat eine Dokumentation über den «Machtmenschen Putin» ausgestrahlt. Doch einer der Protagonisten sagt nun, er habe alles erfunden.

Umstrittene Aussagen: «Igor» in der ZDF-Doku. Bild: ZDF, Screenshot Youtube

Umstrittene Aussagen: «Igor» in der ZDF-Doku. Bild: ZDF, Screenshot Youtube

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Vieles ist noch unklar in dieser Geschichte, aber eines ist jetzt schon sicher: Sie schadet der Glaubwürdigkeit des deutschen Fernsehens massiv und gibt den Lügenpresse-Rufern neues Futter. Der Verdacht drängt sich auf, dass sie genau mit diesem Ziel eingefädelt wurde.

Am Dienstag voriger Woche strahlte das ZDF um 20.15 Uhr die Dokumentation «Machtmensch Putin» aus, den zweiten Teil eines Porträts über den russischen Präsidenten. Während es im ersten um Putins Herkunft und Persönlichkeit ging, standen nun der Ukrainekrieg und die Konfrontation mit dem Westen im Mittelpunkt.

Ausgerechnet um eine Aussage zu unterfüttern, um die seit anderthalb Jahren ein wahrer Informationskrieg tobt, haben die Redaktoren Michael Renz und Dietmar Schumann einen schwachen Kronzeugen: Ein schmächtiger Mann Anfang zwanzig erzählt, er habe sich in einem Rekrutierungsbüro gemeldet, um als Freiwilliger seine russischen Landsleute in der Ostukraine zu verteidigen. Sein Gesicht hat das ZDF unkenntlich gemacht. Auf 20’000 bis 30’000 Kämpfer schätzt er die Truppen der Separatisten, von ihnen seien etwa 65 Prozent russische Staatsbürger. Man sieht den Mann, der als «Igor» vorgestellt wird, an einem Kontrollposten der Separatisten.

Dies ist keine sensationelle Aussage, wie der Film insgesamt wenig Neues enthält. Moskau bestreitet längst nicht mehr, dass in der Ostukraine russische Staatsbürger als Freiwillige kämpfen. Vergangene Woche sagte Putin sogar in seiner Jahrespressekonferenz: «Wir haben nie bestritten, dass dort einzelne Personen bestimmte Aufgaben erfüllen, unter anderem im militärischen Bereich.» Das geht sogar noch über die Aussage von «Igor» hinaus. Dafür, dass in der Ukraine auch Angehörige russischer Spezialeinheiten kämpften und starben, gibt es inzwischen hinlänglich Beweise: von den Gräbern gefallener Soldaten in Pskow über Fotos in sozialen Netzwerken bis zur Aussage eines verwundeten Panzerschützen aus Jakutien. Unter Militärfachleuten besteht ohnehin kein Zweifel, dass die ukrainische Armee – sei sie noch so schlecht ausgerüstet – nicht von ehemaligen Bergarbeitern und Traktorfahrern vernichtend geschlagen werden kann wie etwa im Kessel von Debalzewe im Februar dieses Jahres.

Die «Fälschung des ZDF»

Der ZDF-Film führt einige dieser Belege auf. Doch das hilft nicht mehr viel, seit die Frage im Raum steht, ob die Episode mit «Igor» inszeniert gewesen sei. Triumphierend präsentierte der Staatssender Rossija am Sonntag die «Fälschung des ZDF».

Der Mann, der im ZDF «Igor» hiess, tritt mit vollem Namen als Juri Labyskin auf und erklärt: «Ich habe einfach gelogen.» Ein ZDF-Mitarbeiter habe ihm versprochen: «Du kriegst Geld, wenn du sagst, dass im Donbass russische Soldaten kämpfen.» Labyskin sitzt in einer vermüllten Wohnung und hält ein Notizbuch in der Hand, in dem mit Bleistift angeblich das Drehbuch für seinen Auftritt in der Doku notiert wurde. Daran, dass es sich bei Igor und Juri um ein und denselben Mann handelt, besteht kein Zweifel. Der russische Sender zeigt die Aufnahmen des ZDF allerdings unbearbeitet, ohne verpixeltes Gesicht. Und er zeigt Momente vor und nach den Aufnahmen, die das ZDF ausstrahlte.

Wie die Russen an das Rohmaterial gelangt sind, ist damit ebenso eine entscheidende Frage wie die, unter welchen Umständen das Material gedreht wurde. Die Behauptung von Rossija, Juri habe eine Kopie der Bänder bekommen, hält Robert Bachem, der Leiter des Programmbereichs ZDF Info, für unwahrscheinlich. «Das ist nicht üblich. Das Material gehört de jure dem ZDF, eine Weitergabe an Dritte ist nicht vorgesehen», sagt er.

Das ZDF bestreitet, dass der Ablauf geprobt und die Aussagen abgesprochen worden seien. «Aus freien Stücken und ausführlich» habe «Igor» erklärt, wie und warum er in die Ostukraine gegangen sei, heisst es jetzt auf einer Erklärung zur Dokumentation auf der ZDF-Website. Das Interview mit «Igor» hat der ZDF-Journalist Dietmar Schumann im Moskauer Studio geführt. Die Aufnahmen vom Kontrollposten aber stammen von einem freien Producer: Waleri Bobkow hat unter Moskauer Kollegen keinen guten Ruf. Er habe oft «Exlusivmaterial» aus unbekannten Quellen angeboten, viel aus den Bereichen Militär und Sicherheitsorgane. Das Moskauer ZDF-Studio hat daher seit Jahren nicht mehr mit ihm zusammengearbeitet.

Nicht der erste Skandal

Nur Dietmar Schumann, früher selbst als Korrespondent in Moskau tätig, habe aus der Zeit der Tschetschenienkriege noch ein Vertrauensverhältnis zu ihm. Wurde dem ZDF möglicherweise eine Falle gestellt?

Das russische Fernsehen zeigte auch eine Sequenz, die auf dem Rohmaterial des ZDF nicht vorhanden ist: wie Bobkow mit einem Maschinengewehr vorspielt, was «Igor» tun soll. Ist das nachgedreht worden? «Das ist eine der Fragen, die uns Bobkow beantworten müsste», sagt Bachem. «Aber wir erreichen ihn nicht.»

Für den Redaktor Dietmar Schumann ist es nicht der erste Skandal. 2004 holte ihn das ZDF von seinem Posten als Korrespondent in Israel zurück, nachdem ein Stasi-Verdacht gegen ihn aufgetaucht war. Eine jüngst veröffentlichte Studie habe Schumann entlastet, sagt Bachem. «Die Vorstellung, dass er uns eine Falle gebaut hat, halte ich für absurd.»

Entstanden ist der Film in der Mainzer Zentrale, die Folgen bekommen auch die ZDF-Mitarbeiter in Moskau zu spüren. Vor allem die rund zwei Dutzend russischen Ortskräfte haben Angst. Die sonntägliche Wochenschau «Westi Nedeli» ist so etwas wie das Hochamt der russischen Propaganda. Zumindest dürfte es noch schwerer werden, russische Gesprächspartner zu finden, die bereit sind, vor ein ZDF-Mikrofon zu treten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.12.2015, 20:18 Uhr

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