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Ein Beweisstück mit Meerblick

Seit einem Jahr hält der Skandal um Bo Xilai China in Atem. Vor Gericht hat der Top-Funktionär kräftig ausgeteilt. Einer der wichtigsten Beweise im Korruptionsprozess liegt im französischen Cannes.

Sechs Schlafzimmer und ein Pool: Die Villa von Bo Xilai in Cannes.
Sechs Schlafzimmer und ein Pool: Die Villa von Bo Xilai in Cannes.
AFP
Die Liegenschaft wurde von Vertrauten von Bos verwaltet.
Die Liegenschaft wurde von Vertrauten von Bos verwaltet.
Reuters
Zeigte sich von Gericht kämpferisch: Bo Xilai. (22. August 2013)
Zeigte sich von Gericht kämpferisch: Bo Xilai. (22. August 2013)
AFP
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Eine an einem Berg im französischen Cannes gelegene Luxusvilla im neoklassizistischen Stil mit Pool und sechs Schlafzimmern: Was wie eine Anzeige im Reisemagazin klingt, dient der chinesischen Justiz als Beweisstück im Prozess gegen den gefallenen Politstar Bo Xilai.

Französische Gerichtsdokumente zeigen, dass die malerische Villa in einer von Pinien gesäumten Strasse an der Côte d'Azur lange Zeit von Vertrauten Bos verwaltet wurde, ohne dass er oder seine Familie offiziell als Besitzer auftauchten.

Eine fabrizierte Affäre

Bo gab vor Gericht in China an, keine Ahnung von der Existenz der Luxusvilla zu haben und sprach von einer «fabrizierten Affäre». Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben aber Beweise dafür, dass Bo und seine Frau Gu Kailai die Villa von dem Geschäftsmann Xu Ming geschenkt bekamen.

Xu ist ebenfalls wegen Korruptionsvorwürfen inhaftiert und gab vor Gericht an, Gu habe ihm im Jahr 2000 gesagt, sie wolle eine Villa in Frankreich kaufen. Er habe dafür 3,23 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

Später soll die Villa unter anderem von dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood verwaltet worden sein - eben jenem Mann, den Gu im November 2011 wegen Streitereien um Geschäfte vergiftet haben soll. Für die Tat wurde sie zu einer Todesstrafe mit Aufschub verurteilt, was lebenslanger Haft entspricht.

Im offenen Hemd vor dem Richter

Der Skandal um den Top-Funktionär Bo Xilai hält China seit mehr als einem Jahr in Atem. Vor Gericht darf er nun ein letztes Mal austeilen. Im offenen weissen Hemd stand Bo Xilai vor seinem Richter. Neben dem 1,86 Meter gross gewachsenen Spitzenpolitiker, der sonst alle anderen Chinesen überragt, stehen zwei ungewöhnlich grosse Polizisten in blauen Uniformhemden. Da wirkt selbst Bo Xilai klein.

Sofort wird spekuliert: Soll der mächtige Politiker, der einst unaufhaltsam auf dem Weg in die Parteispitze schien, auf der Anklagebank vielleicht mickrig und unbedeutend aussehen?

Zunächst scheint alles fein orchestriert, doch einer spielt nicht mit: der Angeklagte. Kaum beginnt der Prozess, legt Bo Xilai los. Nacheinander widerspricht er den Anklagepunkten. Das Statement des Zeugen Tang Xiaoling, der ihn bestochen haben will, sei der «hässliche Auftritt einer Person, die ihren eigenen Hals retten will».

Der Geschäftsmann sei ein «Hund», der ihn ans Messer liefern wolle, um selbst Strafminderung zu bekommen, sagt Bo Xilai. Er habe kein Geld genommen, sondern stets das Wohl des Volkes im Sinn gehabt.

Ungewöhnliche Offenheit

Seine Aussagen werden nicht etwa von Journalisten oder Fernsehkameras in die Öffentlichkeit getragen. Sie sind - zumindest in Auszügen - im offiziellen Protokoll auf der alle paar Minuten aktualisierten Seite des Gerichtes im twitterähnlichen Kurzmitteilungsdienst Weibo zu lesen.

Eine ungewöhnliche Offenheit, mit der sich China vielleicht als Rechtsstaat darstellen will - oder die der Führung dient, ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Korruption zu demonstrieren.

Der Anfang vom Ende Bo Xilais kam vergangenes Jahr, als sein einstiger Vertrauter Wang Lijun auspackte - über Korruption und den Giftmord von Bo Xilais Frau Gu Kailai an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood.

Monate hatte der Politiker im Arrest der Disziplinarkommission der Partei verbracht. Vor Gericht zieht er ein Geständnis aus der Zeit zurück. «Ich habe das unter immensem Druck geschrieben», sagt er. Und sogar gegen seine Frau teilt Bo Xilai mächtig aus. Sie hatte die Vorwürfe vor Gericht in einer schriftlichen Stellungnahme bekräftigt. Ihre Aussagen seien «komisch und lächerlich».

Gu Kailai war im August vergangenen Jahres zu einer Todesstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Die Strafe wird in China meist in lebenslange Haft umgewandelt. In dem Prozess hatte Bo Xilai nicht ausgesagt.

Ehrenwerter Märtyrer

Er versucht vor Gericht, sich als ehrenwerten Märtyrer zu stilisieren. Aber warum lässt ihm die Partei überhaupt die riskante Show? Die Antwort könnte sich wenige Meter vom Gerichtsgebäude entfernt finden lassen.

Denn obwohl Sicherheitsleute ganze Strassenzüge um das Volksgericht sperrten, sammelten sich an vielen Strassenbarrikaden Unterstützer und Schaulustige. «Bo Xilai und Mao Tsetung sollen ewig leben», skandiert ein Mann mit einem Mao-Poster.

Noch immer geniesst Bo Xilai bei einigen im Milliardenreich grosses Ansehen. Ausserdem besitzt er einen besonderen Status als Sohn des Revolutionsveteranen Bo Yibo, der zu den «Acht Unsterblichen» der Partei gehörte.

Letztlich dürfte ihm sein Kampf vor Gericht kaum etwas nützen. Er wird der Verlierer sein. Denn hinter den Kulissen dürfte in Chinas staatlich gelenktem Rechtssystem das Urteil schon lange gefällt sein - in Absprache mit der Parteiführung. «Es wird nicht zu streng, aber auch nicht zu milde ausfallen», sagt Professor Zhang Ming von der Volksuniversität der Nachrichtenagentur dpa. Sein Tipp: 15 Jahre Haft.

sda/AP/wid

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