Ein Dorf macht dicht

Eine Familie aus Palästina hat sich in Österreich ein Haus gekauft. Nur: Die Gemeinde will sie nicht haben.

«Ich will nur ein Haus»: Khalid Abu El Hosna mit zwei seiner Kinder in Wien. <nobr>Fotos: Heribert Corn</nobr>

«Ich will nur ein Haus»: Khalid Abu El Hosna mit zwei seiner Kinder in Wien. Fotos: Heribert Corn

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Ein stattliches Haus hat er gekauft, renovierungsbedürftig, aber auch sehr geräumig. An der Toreinfahrt stehen steinerne Löwen, im Vorgarten wuchern Rosen. Die ruhige Strasse ist ideal für Kinder. Sie mündet in Felder, am Horizont kurbeln Windräder. Hier in Weikendorf, Ortsteil Dörfles, Niederösterreich, will Khalid Abu El Hosna eine neue Heimat für sich, seine Frau und die neun Kinder finden.

Weinviertel heisst die Gegend, in der laut Eigenwerbung «genussvolle Gelassenheit» herrscht. Doch davon ist nichts mehr zu spüren in der 2000-Einwohner-Gemeinde. Seit die Familie Abu El Hosna hier ein Haus gekauft hat, ist Schluss mit Gelassenheit.

Ausgelöst hat die Unruhe ein Satz des Bürgermeisters Johann Zimmermann: «Die unterschiedlichen Kulturkreise der islamischen sowie der westlichen Welt», schrieb der ÖVP-Politiker, würden «in ihren Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen weit auseinanderliegen». Die Gemeinde habe «kein Interesse» daran, dass sich die palästinensische Familie Abu El Hosna hier niederlasse.

Im Juni wurde das bekannt, seitdem ist Weikendorf in den Schlagzeilen als «Das gallige Dorf», als die Gemeinde, die keine Muslime will, als Beispiel für Ausländerfeindlichkeit. Die Sozialistische Jugend hat vor dem Rathaus demonstriert, die Grünen haben sich empört, zwei SPÖ-nahe Aktivisten aus Wien und Graz haben im Ort unter dem Motto «So ist Weikendorf nicht – Miteinander reden» zu einer öffentlichen Mediation eingeladen, zu der aber kaum jemand kam, jedenfalls fast keiner aus Weikendorf.

Auch Khalid Abu El Hosna war nicht da. «Ich habe mit Politik nichts zu tun», sagt er. «Ich will nur ein Haus.»

Flüchtling aus dem Gazastreifen

So einfach ist das aber nicht. Denn es geht nicht mehr nur um Weikendorf oder um das gesellschaftliche Klima im Land. Es geht auch um eine Familie, deren Leben von allen Seiten ausgeleuchtet wird mit dem Ziel, irgendetwas zu finden, was stört. Es geht um Fehler und Vorurteile, um Gerüchte und Ängste auf allen Seiten. Es ist eine Geschichte, in der es nur noch Verlierer geben kann.

Khalid Abu El Hosna sitzt in einem Schnellimbiss in Wien-Favoriten, wo die Stadt bunt ist und multikulturell. Er ist 43 Jahre alt, kräftig, trägt einen Bart. Keinen Vollbart, wie die Islamisten, sondern einen gepflegten Bart rund um den Mund, wie ihn die Sozis gern tragen. Ab und an nippt er an einer Flasche Aloe Vera King. «Wien ist meine Traumstadt», sagt er, «die Stadt ist offen und tolerant. Ich dachte, dass ganz Österreich so ist.»

Vor neun Jahren ist er angekommen in Österreich, als Flüchtling aus dem Gazastreifen. Dort ist er Englischlehrer gewesen, Deutsch hat er schnell gelernt, und dass er von Wien geträumt hat und in Wien gelandet ist, hat viel mit der arabischen Sängerin Asmahan zu tun. «Sie hat Wien in einem Lied besungen», sagt er und zitiert ein paar Zeilen. Musik ist seine Leidenschaft. Im Gazastreifen kann das gefährlich sein. «Ich habe selber komponiert und Tanzveranstaltungen organisiert», sagt er, das habe den strenggläubigen Salafisten nicht gefallen. «Für die ist das haram», verboten also, als er Todesdrohungen bekommen habe, sei er über Ägypten geflohen.

«Ich war überzeugt, dass alles in Ordnung ist. Wir sind ja in Österreich.»Khalid Abu El Hosna, Hauseigentümer

Österreich gewährte ihm Asyl. Nach drei Jahren durfte seine Frau nachkommen mit den acht Kindern. In Wien ist noch eine Tochter geboren. Sie haben sie Maria genannt. Maria ist jetzt drei, der älteste Sohn 22. «Alle sind gut integriert», sagt Khalid Abu El Hosna. Er sagt es mit Stolz, aber vor allem mit grosser Selbstverständlichkeit.

Eine Erfolgsgeschichte aber sind die Jahre in Österreich nicht gewesen, und was schiefgegangen ist, steht jetzt im Scheinwerferlicht. Da ist die Pleite mit dem Restaurant Castle, das Abu El Hosna 2017 zusammen mit Partnern eröffnet hat. «Das war ein Totalschaden», sagt er, geblieben seien 45000 Euro Schulden. Da ist der Auszug aus dem Haus, dessen Miete er sich nach der Pleite nicht mehr leisten konnte, und der Einzug in eine zur Sanierung anstehende Übergangswohnung, in der es Streit mit der Vermieterin und eine Räumungsklage gab.

Für die Familie Abu El Hosna sollte der Umzug ein Neuanfang sein.

All das hat nichts mit dem Hauskauf in Weikendorf zu tun, für den Khalid Abu El Hosna gemeinsam mit seinen beiden bereits arbeitenden Söhnen einen Bankkredit bekommen hat. All das ist privat – und wird nun sehr breit und öffentlich diskutiert in Weikendorf und um Weikendorf herum.

Für die Familie Abu El Hosna sollte der Umzug ein Neuanfang sein. Das Haus hatten sie im Internet gefunden, im März wurde beim Notar der Kaufvertrag unterzeichnet. Preis: 255'000 Euro. «Das Geld ist überwiesen, wir haben auch schon für Strom und Wasser unterschrieben», sagt Abu El Hosna. «Ich war zu hundert Prozent überzeugt, dass alles in Ordnung ist. Wir sind ja in Österreich.»

Ein Schäferhund wacht

In Österreich allerdings müssen die Behörden einen Haus- oder Grundstückskauf von Ausländern genehmigen, wenn die noch nicht zehn Jahre lang ihren Hauptwohnsitz im Land haben. Neun Jahre sind es bei Khalid Abu El Hosna, deshalb ist sein Fall in St. Pölten bei der Grundverkehrskommission des Landes Niederösterreich gelandet.

Die Kommission muss entscheiden, aber die Gemeinde hat ein Mitspracherecht und wird befragt, ob ein «wirtschaftliches, soziales oder kulturelles Interesse» daran bestehe, den Kauf zu genehmigen. «Kein Interesse», hatte Weikendorfs Bürgermeister angekreuzt, und zur Begründung den Satz mit den «weit auseinanderliegenden Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen» angefügt.

Vor dem leeren Haus, das die Familie Abu El Hosna gekauft hat, halten die Steinlöwen Wache. Nebenan wacht ein Schäferhund, der am Maschendraht hochspringt, wenn sich ein Fremder nähert. Sein Herrchen aber hat ihn gut im Griff, schnell ist wieder Ruhe. Obwohl: «Ein ruhiges Leben haben wir hier jetzt nicht mehr», sagt er, und der Nachbar und die Nachbarin nicken.

«Irgendwann haben wir hier eine Moschee», sagt eine Frau.

Und schon ist man beim Thema, über das hier alle reden, aber eigentlich niemand reden will. Und wenn doch, dann nur «ohne Namen». Anonym spricht es sich leichter in diesem Dorf, wo das Leben so beschaulich sei, dass «jeder zum anderen geht um einen Liter Milch». Man kennt sich eben.

Die Familie Abu El Hosna kennt keiner, und niemand will sie kennen lernen. Aber jeder hier am Zaun hat etwas über sie zu sagen. Dass sie «Staatenlose» seien, «delogiert», dass sie sich den Kredit bestimmt mit Lügen erschlichen hätten. «Mit elf Leuten ziehen sie ein, und bald sind es dann vielleicht schon 20», sagt einer. «Dann kommt der Besuch auch noch dazu», sagt ein anderer. «Und irgendwann haben wir hier eine Moschee», sagt eine Frau am Zaun. So ist die Stimmung in Weikendorf, Ortsteil Dörfles, wo die Menschen Unterschriften gesammelt haben gegen den Zuzug der Familie Abu El Hosna. «Wir stehen voll hinter unserem Bürgermeister», sagt der Mann mit Hund.

Im Rathaus von Weikendorf, das von einer Justitia-Statue mit Schwert und Waage gekrönt wird, gibt man sich deutlich zugeknöpfter. Bürgermeister Zimmermann ist abgetaucht nach der Aufregung. Sein Amtsleiter Erich Schmid verweist am Telefon auf das schwebende Verfahren in St. Pölten: «Von uns gibt es dazu keine Stellungnahme mehr.»

«Wir sind nicht ausländerfeindlich»

Am Ende erklärt sich Vizebürgermeister Robert Jobst bereit für ein Gespräch. «Ich bin ja jetzt hier das erste Reserve-Radl», sagt er und lacht. Jobst, auch ÖVP, ist ein freundlicher, zupackender Mann im blau karierten Hemd. Seit 62 Jahren lebt er in Weikendorf, er ist hier geboren und aufgewachsen, und er sagt: «Ich verstehe sowieso keinen, der hierher zieht. Hier gibt es nichts, hier kann man nicht mal Brot kaufen.»

Als Treffpunkt hat er das Gasthaus Nina ausgewählt. Es ist das einzige im Dorf. Im Hintergrund läuft Schlagermusik, ein paar stille Stammgäste sitzen vor Bier oder Spritzwein, Jobst bemüht sich um die Weikendorfer Ehrenrettung.

«Wir sind nicht ausländerfeindlich», sagt er. Knapp zehn Prozent betrage der Ausländeranteil in der Gemeinde, alle gut integriert. Im nächsten Erstklässler-Jahrgang hätten 14 von 20 Kindern eine andere Muttersprache als Deutsch. «Hochgeputscht» nennt er die Debatten über Weikendorf. «Vielleicht ein bisschen unglücklich» sei die Wortwahl des Bürgermeisters gewesen, das ja. Aber mittlerweile habe die Gemeinde eine neue Stellungnahme eingereicht in St. Pölten. Vom Islam und unterschiedlichen Kulturkreisen sei darin nicht mehr die Rede.

Auf Spurensuche in Wien

Ist Familie Abu El Hosna jetzt also doch noch willkommen in Weikendorf? «Nein», sagt Jobst, «von den 2000 Leuten, die hier wohnen, sind wahrscheinlich 1950 dagegen.» Als Grund nennt er das, was er selbst in Wien erfahren habe, als er sich dort einen Tag lang auf Spurensuche begeben habe: die Restaurant-Pleite, den Streit mit der Vermieterin, die Räumungsklage.

Mit Khalid Abu El Hosna hat er nicht geredet, niemand in Weikendorf hat das bisher versucht. Auch in der neuen Stellungnahme für die Grundverkehrskommission hat die Gemeinde, diesmal kommentarlos, angekreuzt, dass «kein Interesse» am Zuzug der Familie bestehe. Jobst sagt: «Wir kämpfen, dass wir unsere abendländische Kultur erhalten. Warum sollten wir dann eine fremde Kultur hierherholen?»

Erstellt: 21.07.2019, 19:59 Uhr

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