Warum es auf beiden Seiten nur Verlierer gibt

Es ist ein anderes Europa, das heute Morgen nach dem Brexit-Entscheid aufgewacht ist. Was jetzt in der EU passiert.

Entsetzen nach dem Brexit-Votum: EU-Befürworter in London.

Entsetzen nach dem Brexit-Votum: EU-Befürworter in London. Bild: AFP

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Es ist eine Zeitenwende, ein Erdbeben und sicher ein historischer Moment. Erstmals in ihrer Geschichte wird die EU ein Mitglied verlieren. Das steht jetzt fest, nachdem die Briten sich mit knapper Mehrheit für den Brexit entschieden haben. Die europäische Integration galt bisher als unumkehrbar. Diese Gewissheit ist jetzt weg. Die Währungsturbulenzen sind nur die Vorboten der Erschütterungen, die noch kommen. In Grossbritannien ist der englische Nationalist Nigel Farage der grosse Triumphator. In Frankreich applaudieren Marine Le Pen, in den Niederlanden Geert Wilders.

Es ist ein anderes Europa, das den Nationalisten vorschwebt. Eines, das auf Abschottung gegen die Globalisierung und auf den Traum von der Rückkehr zur uneingeschränkten Souveränität setzt. Folgt auf den Brexit der Frexit oder der Nexit? Nein, das ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Das Votum der Briten wird aber den Rechtspopulisten und Nationalisten bei den Wahlen im nächsten Jahr in den Niederlanden, in Frankreich und Deutschland Auftrieb geben.

Europas Fragmentierung geht weiter

Auch in anderen Hauptstädten werden die Regierungen unter Druck geraten. Europas Fragmentierung wird schleichend weitergehen, die EU in ihrer Handlungsfähigkeit lähmen. Das ist fatal angesichts Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise und der Kriege in nächster Nachbarschaft. Es ist ein Teufelskreis, denn so kann die EU die Erwartungen der Bürger noch weniger erfüllen als schon bisher. Europa wird mit sich selber und mit schwierigen Scheidungsgesprächen mit Grossbritannien beschäftigt sein. Die Trennung und Neuregelung der Verhältnisse wird Jahre in Anspruch nehmen und viel Energie absorbieren.

Dabei werden sich die anderen Mitgliedstaaten schwer tun mit einer Antwort auf das britische Votum. Es fehlt der Plan B, der Konsens über den künftigen Weg. Der führt ohnehin über rechtliches Neuland mit vielen Unabwägbarkeiten. Gut möglich, dass die Scheidung schmutzig wird, dass die Animositäten zunehmen in nächster Zeit.

Gefahr einer Kakophonie

Eine 40-jährige Beziehung muss gekappt werden. Das wird möglicherweise nicht so schnell gehen, wie sich das einige auf beiden Seiten vorstellen. Die Franzosen etwa gehören zu jenen, die an den Briten gerne ein Exempel statuieren möchten, um potenzielle Nachahmer abzuschrecken. Andere wie die Deutschen wollen Hand bieten für ein faires Scheidungsverfahren. Die Gefahr ist gross, dass die EU sich in Kakophonie verliert. Schon jetzt steht fest, dass es auf beiden Seiten nur Verlierer geben wird.

Erstellt: 24.06.2016, 09:34 Uhr

Stephan Israel ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Brüssel.

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