Ein gewöhnlicher Mordprozess

Fünf Männer stehen in Moskau für den Mord am Oppositionspolitiker Boris Nemzow vor Gericht. Nach einem Motiv haben die Behörden gar nicht erst gesucht.

Mörder ohne politischen Hintergrund? Saur Dadajew steht in Moskau als Hauptangeklagter vor Gericht. Foto: Iwan Sekretarew (Keystone)

Mörder ohne politischen Hintergrund? Saur Dadajew steht in Moskau als Hauptangeklagter vor Gericht. Foto: Iwan Sekretarew (Keystone)

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Als am Montag am Moskauer Militärgericht der Prozess um den Mord an dem Oppositionspolitiker Boris Nemzow eröffnet wird, steht draussen in der Herbstsonne ein einsamer Demonstrant mit einem Plakat: «Kadyrow zum Verhör». Mannschaftswagen der Polizei sind vorgefahren, maskierte Männer eines Sondereinsatzkommandos gehen durch die Flure des Gerichts, sie haben Hunde dabei und Maschinenpistolen. Verhandelt wird ein einfacher Mord. Aber viele Spuren führen zu Ramsan ­Kadyrow, Oberhaupt der Republik Tschetschenien, und im Verdacht ist ­damit auch der russische Staat.

Die fünf Männer, die drinnen auf der Anklagebank hinter Panzerglas sitzen, kommen alle aus Tschetschenien. Saur Dadajew, schwarzer Vollbart, gebeugte Haltung, soll laut Anklage in der Nacht des 27. Februar 2015 um 23.31 Uhr auf der Grossen Moskwa-Brücke hinter dem Kreml sechs Schüsse auf Nemzow abgegeben haben. Vier trafen den Politiker tödlich. «Er ist ein erfahrener Schütze, er war Soldat», sagt die Staatsanwältin. Vorher sollen die Männer den Politiker über Monate beschattet haben. Dafür mieteten sie konspirative Wohnungen in der Hauptstadt an, kauften Autos und besorgten Tatwaffe und Munition. Am nächsten Tag flohen die Täter in den Kaukasus.

Für Kadyrow «ein grosser Patriot Russlands»

Das Verfahren wurde an das Moskauer Militärgericht übergeben, weil Angeklagte und Zeugen in den russischen Sicherheitsorganen arbeiten. Dadajew war stellvertretender Kommandant des Bataillons Sewer, das formal dem Innenministerium unterstellt war und seit einer Reform in diesem Jahr zur russischen Nationalgarde gehört. Aber das sind Formalien; tatsächlich gehorchen die tschetschenischen Einheiten Kadyrow. Der lobte Dadajew eine Woche nach der Tat öffentlich als «grossen Patrioten Russlands». Nur einen Tag nach seinem Lob für Dadajew, der damals schon in Untersuchungshaft sass, wird Kadyrow ausgezeichnet: Russlands Präsident Wladimir Putin verleiht ihm einen Ehren­orden für «jahrelange gewissenhafte Arbeit».

Der Prozess beginnt mit einem Antrag der Nebenklage. Dass die Behörden die Ermittlungen für abgeschlossen erklärten, sei rechtswidrig, sagt die Anwältin Olga Michajlowa, die gemeinsam mit Nemzows Anwalt und Freund Wadim Prochorow die Hinterbliebenen des Opfers vertritt. Mögliche Hintermänner seien nicht vernommen, das Motiv nicht geklärt, die Überwachungskameras an der Kremlmauer – wenige Schritte vom Tatort entfernt – nicht ausgewertet worden. «Der persönliche Konflikt zwischen Kadyrow und Nemzow wurde nicht berücksichtigt.» Der ehemalige Vizepremier Nemzow war der bekannteste Vertreter der russischen Opposition. Immer wieder prangerte er die Gewaltherrschaft in Tschetschenien an.

Ein Ex-Offizier soll 250'000 Franken versprochen haben

Laut Staatsanwaltschaft handelten die Täter aus Gewinnsucht. Ein ehemaliger tschetschenischer Offizier soll ihnen umgerechnet 250'000 Franken versprochen haben. Die Frage nach dem Warum bleibt offen. Der angebliche Auftraggeber ist zur Fahndung ausgeschrieben, konnte aber bislang nicht gefasst werden.

Die Angeklagten sind familiär und dienstlich auf vielfache Weise mit hochrangigen Politikern und Beamten aus Tschetschenien verbunden. Dadajews Vorgesetzter im Bataillon Sewer ist Kommandant Alibek Delimchanow. Dessen Bruder sitzt als Abgeordneter im russischen Parlament und gilt als Kadyrows Vertreter in Moskau. Der Mitangeklagte Tamerlan Eskerchanow diente in einer anderen Einheit, die von einem Bruder des tschetschenischen Senators Sulejman Geremejew geführt wird.

Alle fünf Angeklagten bestritten bei der Prozesseröffnung ihre Schuld. Sie wollen im Laufe des Verfahrens umfassend aussagen, um den Geschworenen ihre Unschuld zu beweisen.

Die Kritik der Tochter

Schanna Nemzowa, älteste Tochter von Boris Nemzow, die heute in Deutschland lebt, wird in dem Prozess als Nebenklägerin von ihren Anwälten vertreten, reist aber aus Sorge um ihre Sicherheit nicht nach Moskau. Sie kritisiert gegenüber dem TA, dass Organisatoren und Auftraggeber nicht ermittelt wurden. «Die Ermittler haben auch nicht vor, das zu tun. Meiner Ansicht nach wurde eine vollwertige Aufklärung auf der obersten Ebene des russischen Staates blockiert, weil möglicherweise eine Reihe von hochrangigen Personen in Tschetschenien beteiligt war, darunter das Oberhaupt der Region, Ramsan Kadyrow», teilt sie per E-Mail mit.

Das Motiv bleibe ebenfalls im Dunkeln, sagt die 32-jährige Journalistin. «Sie haben die Frage ‹Warum wurde Boris Nemzow ermordet?› nicht beantwortet.» Das russische Strafgesetzbuch kennt einen eigenen Paragrafen für Mord an einer öffentlichen Person, und trotzdem wird das Verfahren als gewöhnlicher Mordprozess geführt. «Der Staat will nicht zugeben, dass das ein politischer Mord war – und letzten Endes eine Abrechnung mit einem Gegner von Putin», schreibt Nemzowa.

Selbst wenn die Angeklagten verurteilt würden – Gerechtigkeit sei erst dann hergestellt, wenn die wahren Auftraggeber und Motive ans Licht kämen. «Aber ich bezweifle, dass das unter dem gegenwärtigen Regime möglich sein wird.» Als Tochter wolle sie die ganze Wahrheit erfahren. «Wenn Morde an politischen Gegnern bei uns so geahndet werden, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich das wiederholt.»

Erstellt: 03.10.2016, 20:14 Uhr

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