«Ein Grexit wäre für die Schweiz am schlimmsten»

Chefökonom der ZKB, Anastassios Frangulidis, spricht über die wirtschaftlichen Folgen des Griechen-Neins.

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Die Griechen entscheiden sich gegen das Angebot der EU und stützen ihre Regierung. Was bedeutet das?
Das hängt vom Verhalten der Gläubiger Griechenlands ab. Ich gehe davon aus, dass sie trotz des Neins ein grosses Interesse haben, eine Einigung mit Griechenland zu finden – auch wenn das unter diesen Umständen schwieriger wird. Knackpunkt der Verhandlungen ist die Umstrukturierung der Schulden. Diese müssten zu einem sehr grossen Teil abgeschrieben werden, wenn Griechenland die Eurozone verlässt. Zudem ist Griechenland aus geopolitischer Sicht von grosser Bedeutung. Darum liegt die Wahrscheinlichkeit für einen baldigen Grexit meiner Meinung nach auch nach dem Nein nicht über 50 Prozent.

Glauben Sie, dass die Märkte das auch so sehen? Wie werden die Börsen am Montag reagieren?
Sicher negativ. Wir werden auch beim Franken einen Aufwertungsdruck sehen. Wie stark die Reaktionen ausfallen, hängt von den ersten Aussagen von Tsipras und den Gläubigern ab. Sollten diese ihre Bereitschaft, eine Lösung zu finden, klar zum Ausdruck bringen, werden die Börsen nicht stark einbrechen.

Was bedeutet das Nein fürdie griechischen Banken?
Die Europäische Zentralbank (EZB) spielt dabei eine bedeutende Rolle. Das griechische Finanzsystem braucht dringend neue Liquidität – nur schon, um das bisherige Regime unter den Kapitalverkehrskontrollen aufrechtzuerhalten. Und diese zusätzliche Liquidität kann nur die EZB sprechen.

Das heisst, die Banken können vorerst nicht wieder öffnen?
Nein. Im Moment ist sogar fraglich, wie lange die Griechen noch jeden Tag die bisher zugesicherten 60 Euro abheben können. Wenn die EZB kein neues Geld spricht, erhalten die Griechen vielleicht bald nur noch 20 Euro pro Tag.

Und wovon hängt das ab?
Die EZB wird sich nur dann bewegen, wenn beide Seiten ein klares Bekenntnis zu Verhandlungen abgeben. Falls das geschieht, dürfte die EZB den Griechen ermöglichen, den Status quo beizubehalten – also die 60 Euro. Die Banken bleiben aber weiterhin zu.

Sie betonen, die Umstrukturierung der Schulden sei zentral. Bräuchte es nicht einen Schuldenschnitt?
Das wäre eigentlich der richtige Weg. Der Internationale Währungsfonds geht in seiner jüngsten Studie davon aus, dass Griechenland den Haushaltsplan bis 2022 nur dann erfüllen kann, wenn 30 Prozent der Verbindlichkeiten abgeschrieben werden. Politisch hat das aber keine Chancen, weil die europäischen Steuerzahler dafür aufkommen müssen. Darum tendiert man dazu, Schulden massiv in die Zukunft zu verlagern und die Zinsen zu stunden – was einen ähnlichen Effekt hat wie ein Schuldenschnitt.

Die Rechnung geht aber nur auf, wenn Griechenland wieder wächst.
Die Gläubiger bestehen zu Recht darauf, dass Griechenland aus der Klientelwirtschaft aussteigt und ökonomische und politische Rahmenbedingungen so anpasst, damit das Land wachsen kann. Sonst wären weitere Hilfsprogramme nutzlos. Dazu war die Regierung Tsipras bislang aber nicht bereit. Die entscheidende Frage ist, ob unter den neuen Vorzeichen eine Einigung gelingt.

Wenn nicht, kommt es doch noch zum Grexit. Was dann?
Das grösste Risiko wäre nicht der direkte finanzielle Verlust für die Eurozone an sich. Sondern die Zweifel, die so ein Austritt säen würde. Stellen Sie sich vor, antieuropäische Kräfte setzten sich in anderen schwachen europäischen Ländern durch. Das würde mit ziemlicher Sicherheit die Risikoaufschläge für Staatsanleihen des entsprechenden Landes erhöhen, die Finanzierungskosten stiegen. Wahrscheinlich müsste die EZB einspringen, um Druck aus den Märkten zu nehmen. Der Anfang einer Spirale, wie wir sie mittlerweile kennen.

Das wäre auch für die Schweiz kein erfreuliches Szenario.
Es wäre sogar die schlimmste aus heutiger Sicht vorstellbare Entwicklung für die Schweiz. Die Zukäufe der EZB und die Unsicherheit würden den Aufwärtsdruck auf den Franken nur noch verstärken. Das können wir nicht wollen.

Wäre der Grexit wenigstensfür Griechenland gut?
Auch das glaube ich nicht – entgegen dem, was man im Moment gemeinhin hört. Die Schulden wären immer noch da – und zwar in Euro und nicht in Drachmen. Eine ungeordnete Umstrukturierung der Schulden würde die griechische Volkswirtschaft stark belasten. Zudem würde der Druck sinken, die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Aber die Griechen könnten günstiger exportieren.
Auch dieses Argument halte ich für falsch. Die Volkswirtschaft ist mit einem Anteil von knapp über 20 Prozent Exporten so geschlossen wie sonst kaum eine in Europa. Schuld daran sind vor allem die schlechten Rahmenbedingungen wie beispielsweise der ineffiziente und teilweise korrupte Staatsapparat – und nicht die Produktionskosten. Die Abwertung hätte zudem den Effekt, dass die Kosten für ausländische Vorleistungen stark steigen würden. Griechenland ist nicht Argentinien – das Land besitzt kaum Rohstoffe. Dadurch würde der Grossteil der positiven Abwertungseffekte gleich wieder aufgefressen. Und sogar beim Tourismus habe ich Zweifel, ob die Drachme wirklich mehr Gäste bringen würde. Immerhin fand das grösste Wachstum während der Krise der letzten Jahre statt.

Erstellt: 05.07.2015, 22:33 Uhr

Der 46-jährige Chefökonom der Zürcher Kantonalbank ist in Thessaloniki aufgewachsen und hat an der Uni Zürich studiert. Er arbeitet seit 1999 für die Bank.(PD)

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