Ein Kopfstoss im Herzen der Hauptstadt

Die Italiener wundern sich über eine rechtsfreie Zone – mitten in Rom.

Roberto Spada schlägt auf den TV-Journalisten ein. (Video: Tamedia/AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ostia im Winter. Der Himmel ist schwarz, erste Blitze am Horizont, gleich wird es regnen. Die Palmen an der Uferpromenade des «Mare di Roma», wie die Römer ihren Meeranstoss nennen, haben sie in grüne Plastiksäcke gesteckt, um sie zu schützen. Im Winter ist das schmucklose, mit viel Beton verbaute Ostia noch trauriger als im Sommer. Wie weggepackt, stillgelegt. Kein Mensch weit und breit. Ausgerechnet in dieser Phase, da nur die vergilbten Länderfahnen im Wind an den Sommer erinnern, gibt Ostia zu reden. Überall im Land. Wegen einer kurzen, brutalen Bildsequenz, die alle italienischen Fernsehsender gezeigt haben – unzensiert, in der Tagesschau.

Man sieht darin einen Fernsehjour­nalisten von RAI Due, wie er dem Betreiber einer Boxschule von Ostia politische Fragen stellt, ganz ruhig. Plötzlich verliert der Befragte die Kontrolle. Er versetzt dem Reporter einen Kopfstoss mitten ins Gesicht, mit aller Wucht, bricht ihm dabei die Nase, zieht einen Schlagstock aus dem Ärmel, prügelt auf den Journalisten ein, dann auf den Kameramann. Er war sich bewusst, dass die Kamera lief. Das kümmerte ihn offensichtlich nicht. Vielleicht spornte es ihn erst richtig an.

Aufruf für die Neofaschisten

Der Schläger heisst Roberto Spada. Sein Familienname ist stadtbekannt und berüchtigt. Roberto ist der Bruder von Carmine Spada alias «Romoletto», kleiner Romulus, dem inhaftierten Boss des gleichnamigen Clans: Geld machen sie mit der Verwaltung von Sozialwohnungen, die eigentlich der Stadt gehören, mit Drogenhandel, mit Erpressung – und mit der Bewirtschaftung von Strand­bädern. Neu ist das nicht. Die Spadas teilen sich die Herrschaft über Ostia seit vielen Jahren mit den Familien Fasciani und Triassi. Im Moment gibt es genug Business für alle Clans, sie bekämpfen sich nicht. Der Staat kontrolliert Ostia höchstens zum Teil, obschon es nur dreissig Kilometer entfernt ist vom Zentrum der Macht.

Die Crew von RAI Due fuhr nach Ostia, um Roberto Spada nach seinen ­politischen Vorlieben zu befragen. Am ­vergangenen Sonntag hatte Ostia ­nämlich gewählt. Es war keine gewöhnliche Wahl. Der Küstenort mit seinen 100'000 Einwohnern gehört administrativ zu Rom, hat aber einen eigenen Bezirksrat und einen Bezirkspräsidenten, einen sogenannten Mini-Bürgermeister. Vor zwei Jahren wurde der Bezirksrat von Ostia aufgelöst, weil ihr Chef, ein Linker, Verbindungen zur Mafia gehabt haben soll. Es übernahm ein Sonderkommissar der Regierung, nun läuft sein Mandat ab.

Die neofaschistische Partei Casa Pound brachte es aus dem Nichts auf 9 Prozent.

Im ersten Wahlgang gewannen die Rechte und die Protestpartei Cinque Stelle am meisten Stimmen. Für Auf­sehen aber sorgte vor allem das Resultat der kleinen, neofaschistischen Partei Casa Pound. Aus dem Nichts brachte sie es auf 9 Prozent. Im Viertel der ­Fa­milie Spada, in Nuova Ostia, schaffte sie sogar 18 Prozent. Roberto Spada hatte auf Facebook zur Wahl der Neo­faschisten aufgerufen und dann dafür gesorgt, dass seine Leute auch wählen gingen: Leute des Clans sollen vor den Wahllokalen Pikett gestanden haben. Hört man.

Doch offen reden mag niemand an der Via Domenico Baffigo in Nuova Ostia, einer langen Häuserzeile mit heruntergekommenen Sozialbauten aus Backsteinen. Es ist mehr Polizei da als sonst, und Polizisten sind hier «sbirri», Bullen. So steht es an einer Hausmauer. An einer anderen hat jemand «Ostia è fascista» hingesprayt, Ostia ist faschistisch. Samt stilisiertem Liktorenbündel und dem einschlägigen Appell zur «nationalen Revolte».

Der Fernsehsender RAI Due wollte also von Roberto Spada wissen, ob er denke, dass Casa Pound dank seiner Empfehlung so viele Stimmen geholt habe, wie die Zeitungen schrieben. Spada sagte, er lese keine Zeitungen, und versetzte dem Reporter den Kopfstoss. Nun haben sie ihn verhaftet, wegen schwerer Körperverletzung. Als die Carabinieri vorfuhren, gab es Pfiffe und Proteste – gegen die Carabinieri.

Politiker zeigen sich entrüstet

Politiker aller Lager geben sich entrüstet. Es sei «inakzeptabel», was da in Ostia passiere. Gemeint ist nicht nur der Kopfstoss, sondern die Botschaft dahinter, das Fanal für die Gesetzlosigkeit. Der abtretende Sonderkommissar liess ausrichten, zwei Jahre Sonderverwaltung seien viel zu wenig: Zehn Jahre seien mindestens nötig, um Ostia in den Rechtsstaat zurückzuführen.

Roberto Saviano, der Autor des Bestsellers «Gomorrha», sagt es so: «Ostia ist wie Corleone und Scampia.» Wie die Zentren der sizilianischen und der neapolitanischen Mafia also. Mit dem Unterschied, dass Ostia Rom ist, X. Bezirk der Hauptstadt Italiens, dreissig Kilometer nur entfernt vom Innenministerium und den grossen Polizeikasernen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2017, 23:46 Uhr

Artikel zum Thema

Polizei beschlagnahmt über 50-Mafia-Millionen

In mehreren italienischen Regionen gehen Beamten gleichzeitig gegen Organisationen mit Verbindungen zur Mafia vor. Mehrere Personen wurden verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Mehr...

Mafia-Boss ordnet Mord an eigener Tochter an

In Sizilien wollte ein führender Mafioso seine Tochter umbringen lassen, weil diese mit einem Polizisten liiert war. Ihr Bruder sollte den Mord ausführen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...