Ein Land im Jugendwahn

Mit 31 Jahren könnte Sebastian Kurz der jüngste Kanzler Österreichs werden. Alle, die noch jünger sind, haben in seiner ÖVP beste Chancen auf Erfolg und politische Ämter.

Will als Teenager in den österreichischen Nationalrat: ÖVP-Kandidatin Anna Dinhobl. Foto: Natalie Neomi Isser

Will als Teenager in den österreichischen Nationalrat: ÖVP-Kandidatin Anna Dinhobl. Foto: Natalie Neomi Isser

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Wahlkampf in der Fussgängerzone von Wiener Neustadt, Auftritt von Anna Dinhobl und ihrem Team von der Österreichischen Volkspartei: «Darf ich Ihnen eine Kleinigkeit mitgeben», ruft Dinhobl einem älteren Herrn entgegen, «das ist vom Sebastian Kurz und von mir.» Natürlich nimmt der Herr das gern. So ein nettes Lächeln, so eine freundliche junge Frau, und die ÖVP, sagt er, wähle er eh seit ewigen Zeiten. «Ich bin 74», sagt er, «ich könnte auch dieses Land führen, nur hat mich noch keiner gefragt.» Dabei wird es wohl bleiben. Die Alten stehen gerade nicht so hoch im Kurs in Österreichs Politik. Da geht es momentan sehr um die Jungen.

Als der Herr auf den Faltzettel blickt, der ihm samt Schokolade in die Hand gedrückt wurde, stutzt er. Vorne auf dem Foto lächelt ihn jene junge Frau an, die vor ihm steht. «Anna Dinhobl. Ihre Kandidatin für den Nationalrat», steht unter dem Bild. Dinhobl will am Sonntag ins Parlament gewählt werden – als jüngste Abgeordnete aller Zeiten.

Als im Sommer die Kandidaten aufgestellt wurden, da war sie 18 Jahre alt. Mittlerweile ist sie 19, Medizinstudentin im ersten Semester, und zur Wahl steht sie auf dem achten Platz der Regionalliste. Ein Durchmarschticket fürs Parlament ist das nicht. Also kämpft Dinhobl fast jeden Tag um Stimmen. Denn ihre Kandidatur ist auch als Signal gedacht fürs ganze Land: Die Jugend drängt nach vorn – und das in der bislang eher altbackenen Volkspartei.

Ausgelöst hat das alles Sebastian Kurz, der als Spitzenkandidat der ÖVP mit 31 Jahren Kanzler werden will. Er gilt ja schon lange als politisches Wunderkind. Staatssekretär mit 24, Aussenminister mit 27, Parteichef mit 30. Doch rund um den Frontmann hat sich mittlerweile eine junge Truppe etabliert, die sich anschickt, nach der Volkspartei nun auch das Land zu übernehmen. Sie setzen ganz auf den Willen der Österreicher zum Wechsel. «Veränderung» und «Aufbruch», das sind die Slogans, und obendrein wird ein «neuer Stil» versprochen. Auch danach sehnen sich die Bürger, die in diesem Wahlkampf angewidert auf eine Schmutzkampagne blicken, bei der ein Spindoktor der SPÖ den Konkurrenten Kurz mit gefakten Facebook-Seiten in Misskredit bringen wollte. «Schluss mit dem gegenseitigen Anpatzen», fordert nun Kurz. Sein Versprechen an die Wähler: «Ich habe den festen Willen, das alte System aufzubrechen.»

Elastischer Machtinstinkt

Starke Sprüche sind das, doch fürchten muss und soll sich keiner. Zum Systemsturz nämlich tritt Kurz im eleganten Slim-Fit-Anzug an, und Anna Dinhobl trägt Bluse. Die Jungen sind keine Wilden, sondern vor allem gut erzogen, und die Barrikaden werden mit elastischem Machtinstinkt erklommen.

Was es bei diesem Aufbruch zu verändern gilt, das sind zunächst einmal die Machtverhältnisse im Land: Österreich wird seit zehn Jahren von sozialdemokratischen Kanzlern regiert, die Volkspartei ist nur Juniorpartner. Wenn sich das ändern soll, geht das nicht mit alten Rezepten und alten Köpfen. Kurz hat das erkannt, seine Partei hat sich gebeugt – und seither läuft es. Gewandelt aber hat sich vor allem die Hülle, nicht die Substanz. Es ist ja nicht so, dass der junge Kurz auf junge Themen setzt, auf Generationengerechtigkeit zum Beispiel oder Umweltschutz. Er führt vielmehr einen weitgehend monothematischen Wahlkampf: Es geht um Flüchtlinge. Es geht um Flüchtlinge, um die Angst vor Flüchtlingen und um deren Abwehr.

In der Selbstvermarktung unterscheidet er sich aber deutlich von den Politikern der herkömmlichen Art. Allem hat er einen frischen Anstrich verpasst. Die Parteifarbe wechselte von Schwarz zu Türkis, die Auftritte von behäbig zu lässig, und die grösste Veränderung ist die Personalisierung der gesamten Politik: Die ÖVP firmiert jetzt als «Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei». Sein jugendlich-strahlendes Gesicht prangt auf allen Plakaten, sein Name ist Programm geworden, und bisweilen wuchert dahinter, durchaus gewollt, eine fast messianische Heilserwartung.

Ohne Zweifel aber hat er damit eine Aufbruchstimmung erzeugt, nicht nur in seiner Partei, sondern im ganzen Land. Das schlägt sich nieder in Umfragewerten für Kurz und seine Liste, von denen die Volkspartei vor einem halben Jahr nicht einmal zu träumen wagte. Sie führt klar vor der Konkurrenz von SPÖ und FPÖ. Und wer sehen will, wie viel Elan und Begeisterung dahintersteckt, der muss nur nach Wiener Neustadt reisen.

50 Kilometer von der Hauptstadt entfernt liegt dieses 46'000-Einwohner-Städtchen. «Wien» trägt es seit dem 17. Jahrhundert im Namen, zur besseren Unterscheidung von all den anderen Neustadts. Ansonsten erinnert hier wenig an die Metropole. In der Rosengasse 9 liegt das türkisfarbene Hauptquartier. Früher wurden hier Autoersatzteile verkauft, jetzt ist es eines der vielen Freiwilligenbüros der ÖVP, von denen aus sie im ganzen Land Wahlkampf für Sebastian Kurz machen. Nach amerikanischem Vorbild kann jeder mitmachen, und von den rund 50 Helfern in Wiener Neustadt ist die Hälfte vorher nie politisch aktiv gewesen.

Mit der türkisfarbenen Kurzjacke sitzt Anna Dinhobl auf dem Sofa, geniesst die gute Stimmung und faltet die Handzettel, die sie nachher in der Fussgängerzone verteilen wird. Für sie ist Kurz ein «Vorbild». In der Flüchtlingspolitik steht sie «voll hinter ihm». Sie selbst will sich «für Bildung» und im «Gesundheitsbereich» einsetzen. Ihre Motivation: «Wir sind die, die sehr lange mit den Entscheidungen leben müssen, die jetzt getroffen werden.» Deshalb sei es so wichtig, dass nun auch die Jungen Verantwortung übernehmen. Ob ihr manchmal der Atem stockt beim Gedanken an einen Parlamentssitz? «Man wächst mit seinen Aufgaben.»

Plötzlich interessiert Politik

Das klingt nach der Rhetorikschule von Kurz, der gern so vage bleibt, dass man alles auf ihn projizieren kann. Damit fängt er die Älteren ein, die ihm nicht mal mehr seine Jugend übel nehmen wollen. Und auch die Jungen, für die er die eigenen Hoffnungen verkörpert. Seit Kurz so viel Wirbel macht, interessieren sich in Österreich, wo man schon ab 16 wählen darf, tatsächlich auch mehr junge Leute für Politik. 85 Prozent wollen zur Wahl gehen, 2013 waren es nur 70. Und in den Umfragen unter Jungwählern liegt die Volkspartei auf Platz eins, knapp vor der FPÖ. Die Sozialdemokraten folgen weit dahinter.

Für Stefan Schnöll sind das erfreuliche Zahlen. Der 29-jährige Jurist ist designierter Vorsitzender der Jungen Volkspartei (JVP), und er ist viel unterwegs in diesen Wochen. In Salzburg macht er Wahlkampf, dort kandidiert er auf Platz drei der Landesliste und sitzt damit ziemlich sicher im nächsten Nationalrat. Den Posten an der Spitze der ÖVP-Jugend hat er im Mai von Sebastian Kurz übernommen, als der zum Chef der Gesamtpartei aufstieg. Über mangelnden Zulauf kann er nicht klagen. «Jede Woche kommen Neue zu uns», sagt er. Mehr als 100 000 Mitglieder zählen sie.

Seit 2009 führte Kurz die JVP. Seitdem knüpft er an einem Netzwerk der Jungen, das sich mittlerweile übers ganze Land spannt. Seine Vertrauten und Gefolgsleute sitzen inzwischen an den Schalthebeln im Parteiapparat. Sie sind Bürgermeister, Gemeinderäte oder Europaabgeordnete. Es ist ein Kreis, der früher zusammen gefeiert hat und jetzt zusammen regieren will.

Wenn man diese Truppe als «Prätorianergarde» von Kurz bezeichnet, dann findet Schnöll das «ein bisschen übertrieben». Aber er weiss zu erzählen, wie tief in diesem jungen Netzwerk das Zusammengehörigkeitsgefühl verankert ist und wie stark das alles auf den Mann an der Spitze ausgerichtet ist. Er selbst hat Kurz vor zehn Jahren kennen gelernt, bei der JVP in Wien. Seitdem marschieren sie durch die Institutionen, eine «persönliche Freundschaft» sei dabei entstanden, sagt Schnöll.

Ein bisschen wild

Als sie anfingen mit der Politik, da waren sie tatsächlich noch ein bisschen wild. In der ersten Kampagne warben sie schlüpfrig für «24 Stunden Verkehr» am Wochenende, gemeint war ein U-Bahn-Fahrplan rund um die Uhr. Es folgte das «Geilomobil»-Video, das heute von allen als «Jugendsünde» bezeichnet wird. Sebastian Kurz und ein paar leichter bekleidete Mädchen machten darin Wahlkampf auf der Kühlerhaube eines Jeeps. Die Botschaft: «Schwarz macht geile Politik. Schwarz macht geile Partys. Schwarz macht Wien geil.» Immerhin hat das den Jungen neben Spott und Hohn so viel Aufmerksamkeit gebracht, dass Kurz 2011 zum Staatssekretär für Integrationsfragen berufen wurde.

«Das hat alles geändert», sagt Schnöll. Gemeint ist damit jedoch nicht, dass dies der Durchbruch war für die Jungen. Im Gegenteil: In den Medien, bei der Konkurrenz und zum Teil auch in der eigenen Partei brach ein Sturm los ob dieser Ernennung – und das war ein prägendes Erlebnis für Kurz ebenso wie für seine Mitstreiter. «Das hat bei uns die Reihen total geschlossen», sagt Schnöll. Alle für einen, einer für alle – mit diesem Korpsgeist macht die junge Garde Politik. Natürlich braucht sie dazu auch noch die Älteren, selbstverständlich wird der Wert von «Erfahrung» betont und gern auch mal von «Demut» gesprochen. Aber aufhalten lassen wollen sich die Jungen nicht mehr.

Sebastian Kurz könnte bald der jüngste Regierungschef Europas sein, Stefan Schnöll ziemlich sicher und Anna Dinhobl vielleicht ins Parlament einziehen. Das Studium müsste warten, aber allzu viele Gedanken, sagt sie, hat sie sich darüber noch nicht gemacht. Erst einmal plant sie nur bis zum Wahltag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2017, 18:50 Uhr

Vor der Wahl

In jeder Umfrage in Führung

Vier Tage vor der Parlamentswahl in Österreich liegt die konservative Österreichische Volkspartei (ÖVP) in der Wählergunst deutlich vorn. In den jüngsten Umfragen erreichte die Partei mit Spitzenkandidat Sebastian Kurz jeweils gegen 35 Prozent. Die sozialdemokratische SPÖ des amtierenden Kanzlers Christian Kern und die rechtspopulistische FPÖ mit Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache kommen jeweils auf rund ein Viertel der Wählerstimmen und liefern sich seit Wochen einen Kampf um Platz zwei.

Rund 6,4 Millionen wahlberechtigte Österreicher wählen am Sonntag vorzeitig ein neues Parlament. Regulärer Wahltermin wäre im Herbst 2018 gewesen. Die Grosse Koalition aus SPÖ und ÖVP, die Österreich während zehn Jahren regiert hat, war im Frühjahr nach zahlreichen Streitereien zerbrochen. Zuvor hatte Sebastian Kurz die Führung der ÖVP übernommen und öffentlich auf Neuwahlen gedrängt. Seitdem liegt die Partei in allen Umfragen klar vorn.

Experten erwarten, dass die ÖVP nach einem Sieg am ehesten eine Koalition mit der FPÖ eingeht. Eine Neuauflage des rot-schwarzen Bündnisses gilt als unwahrscheinlich. (TA/Reuters)

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