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Ein Makel bleibt trotz des Freispruchs

Für das Oberste Gericht in Rom ist Stephan Schmidheinys mögliche Straftat bei der Asbestproduktion verjährt. Das ist eine Ungerechtigkeit.

Stephan Schmidheiny ist seinen Albtraum los. Das Kassationsgericht in Rom hat die langjährige Haftstrafe gegen ihn aufgehoben, es hält seine mögliche Straftat bei der Asbestproduktion im italienischen Werk für verjährt. Damit deckt sich die italienische Rechtsauffassung mit der schweizerischen: Auch hier sind in dieser Frage keine Klagen mehr möglich, das Bundesgericht hält die Verjährung für sinnvoll, weil nach Jahrzehnten kaum mehr eine vernünftige Beweisführung möglich ist.

Man mag Schmidheiny diesen Freispruch gönnen, er war ein herausragend guter Industrieller in der Schweiz, vielleicht der beste im 20. Jahrhundert. Und doch bleibt ihm dieser Makel auch nach der Aufhebung des Urteils: Mit seinem nur stufenweisen Ausstieg aus der asbesthaltigen Eternitproduktion nahm er wissentlich in Kauf, dass weitere Arbeiter geschädigt wurden in den Fabriken, an denen er beteiligt war. Ein sofortiger Produktionsunterbruch hätte wohl den Konkurs und den Verlust vieler Arbeitsplätze bedeutet – aber was ist dieser Verlust im Verhältnis zum qualvollen Tod, den viele Arbeiter Jahrzehnte später erlitten?

Die Verjährung ist bei vielen Straftaten ein sinnvolles Institut im Rechtsstaat. Bei Schäden, die erst nach 20 oder mehr Jahren auftreten, ist sie eine Ungerechtigkeit. Kein Opfer wird damit zu seinem Recht kommen, das hält auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte für stossend. Er hat die Schweiz kürzlich in dieser Frage gerügt und wird voraussichtlich auch Italien rügen, wenn die Opfervereinigungen ihre Klage nach Strassburg weiterziehen werden. Das hätte voraussichtlich auch Schmidheiny bei einer Verurteilung gemacht. Der Freispruch wird ihn nun daran hindern, aber keine Gerechtigkeit schaffen.

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