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«Ein Merkmal des moralischen Verfalls ist der Furbismo»

Der bekannte Krimiautor Andrea Camilleri zeichnet ein düsteres Bild von Italien. Silvio Berlusconi verseuche das Wesen der Italiener, und er werde wie der Faschismus grosse moralische Schäden hinterlassen.

Gewisse Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen: Benito Mussolini und Silvio Berlusconi.
Gewisse Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen: Benito Mussolini und Silvio Berlusconi.

Italien feiert im nächsten Jahr das 150-Jahr-Jubiläum der Einigung zum Staat. Andrea Camilleri ist allerdings gar nicht zum Feiern zumute. Der Schriftsteller, der mit seinem Commissario Montalbano auch in der Schweiz bekannt wurde, beschreibt Italien als Land, das seit Jahrzehnten im Schlamassel steckt. Und es wird nicht besser – ganz im Gegenteil. Camilleris düstere Diagnose hat sehr viel mit dem Berlusconismus zu tun, der Italien seit den Neunzigerjahren beherrscht.

«Nach meiner Ansicht gibt es vor allem einen fortschreitenden Verfall der Moral in der bestimmenden Klasse, die die Bevölkerung stark beeinflusst hat», sagt der bald 85-jährige Sizilianer in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». Man könne im Zentrum des Staates nicht Leute haben, die gar nicht an die Verfassung glaubten. «Die Schäden des Berlusconismus werden so sein wie die Schäden des Faschismus. Es ist wie eine Verseuchung des Wesens der Italiener.» Ein Merkmal des moralischen Verfalls ist der «Furbismo»: Der Versuch, um jeden Preis gerissener zu sein als andere.

Neue Formen des Faschismus

Camilleri erinnert sich an seine Jugendzeit, als er einen Artikel des grossen amerikanischen Journalisten Herbert Matthews las. «Die Überschrift hiess: ‹Ihr habt ihn nicht getötet.› Er meinte, indem ihr Mussolini umgebracht habt, habt ihr nicht den Faschismus getötet.» Matthews habe beschrieben, welche Schäden der Faschismus sogar in der DNS der Italiener hinterlassen habe. «Der Faschismus ist wie ein mutierendes Virus. Und so befinden wir uns in neuen Formen des Faschismus.»

Berlusconi verkörpere eine Anomalie in der italienischen Demokratie, sagt Camilleri. Und er nennt eine Reihe von Beispielen. Berlusconi greife ständig die Richterschaft an und schwäche sie auf jede mögliche Art. Berlusconi versuche, Staatspräsident Giorgio Napolitano zu delegitimieren. Berlusconi behaupte, es sei richtig, Steuern nicht zu zahlen, wenn sie über eine bestimmte Höhe hinausgehen. Berlusconi mache Gesetze, die ihm nützen. Berlusconi verstricke sich in enorme Interessenskonflikte. Und so weiter.

Ein Interessenskonflikt zeigt sich beim Fernsehen, das einen Grundpfeiler für Berlusconis Aufstieg und Macht darstellt. Als interimistischer Wirtschaftsminister ist Berlusconi zuständig für die Abkommen mit dem öffentlichen und privaten Fernsehen. Zur Erinnerung: Die drei grossen Privatsender gehören ihm. Von den drei Staatsprogrammen, die Berlusconi als Regierungssender ansieht, werden zwei direkt kontrolliert von Leuten seiner Partei. Dann gibt es den unabhängigen Sender «La 7», der eine grosse Verbreitung hat. «Es steht 5:2 für Berlusconi», stellt Camilleri fest.

Camilleri kritisiert, dass die Linke die Bedeutung des Fernsehens noch nicht erkannt habe. Die Linke entferne sich auch immer mehr von den Leuten – ganz im Gegensatz zur Lega Nord. «Die Opposition hat nicht die Kraft, Opposition zu sein.»

30 Millionen Analphabeten und Halb-Alphabeten

Die Medienlandschaft ist ein prägender Faktor der politischen Kultur in Italien. In diesem Zusammenhang zitiert Camilleri eine Studie des in Italien bedeutenden Linguisten Tullio de Mauro. Zwei Millionen sind völlige Analphabeten, 13 Millionen sind Halb-Alphabeten (Leute, die ihren Namen schreiben können, aber nicht fähig sind, die Zeitung zu lesen), und 15 Millionen sind sekundäre Analphabeten (sie konnten schon lesen und schreiben, haben es aber wieder verlernt).

Das sind insgesamt 30 Millionen Menschen, also rund die Hälfte der italienischen Bevölkerung. «Die einzige Information dieser Analphabeten ist das Fernsehen und nicht die Zeitung», sagt Camilleri. «Zeitung lesen ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung. Von diesen 20 Prozent lesen zwölf Prozent nur die Überschriften. Und man muss bedenken, dass in Italien die Überschriften fast nie mit den Artikeln übereinstimmen.»

Camilleri zieht ein trauriges Fazit: «Italien ist 150 Jahre alt, und dem Land geht es schlechter als mir mit 85.»

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