Ein Mini-Technorama für Rumänien

Geld für Lehrlinge oder ein Kindergarten im Roma-Quartier: Beispiele für das Schweizer Milliarden-Engagement im Osten Europas. Eine Reise auf den Spuren der Kohäsionsmilliarde.

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Jeden Monat holt Mitko Iliev, Elektrotechnik-Lehrling im ersten Lehrjahr, im Büro des Rektors seinen Lohn ab. Er bekommt ihn in bar, 50 bulgarische Lev, knapp 28 Franken. Sein Salär bezahlt die Schweiz. Es kommt aus einem Topf, der exakt 1'302'000'000 Franken fasst. Mitko weiss das nicht so genau, aber ihm ist klar, dass er Teil eines speziellen Programms ist – und das nicht nur, weil er heute im Schulzimmer ein leuchtend rotes Polo-Shirt trägt, auf dem die bulgarische und die Schweizer Flagge zu sehen sind.

Foto: Hristo Vladev
«Ich habe die Ausbildung im Internet gesehen. Mir gefällt, dass ich nicht nur in der Schule herumsitzen werde. Ich gehe auch in eine Firma, wie in der Schweiz.»
Lehrling Mitko Iliev, Sofia, Bulgarien

In den Korridoren der Vaptsarov-Schule in Bulgariens Hauptstadt Sofia zeugen Vitrinen voller Memorabilien von studentischen Spitzenleistungen vergangener Jahre. Rektor Mardiros Zovikyan (67) entschuldigt sich, dass er kein Englisch spreche, er komme aus einer anderen Zeit, als es noch keine Billigflüge in den Westen gab. Im System von Bulgarien, erzählt er, umfasse eine Ausbildung als Elektrotechniker heute vier Jahre theoretischer Ausbildung. Praxiserfahrung? Fehlt.

Zwischen 1990 und 2015 sank Bulgariens Einwohnerzahl von 8,8 auf 7,2 Millionen, vor allem die Jungen gehen. Das Bildungssystem spuckt noch immer Abgänger aus, die keinen Tag in einer Firma verbracht haben. Der Wirtschaft fehlt es an gut ausgebildetem Nachwuchs.

Bulgarien hat deshalb begonnen, die Schweizer Berufslehre zu adaptieren. Bern hilft mit Spezialisten und Kontakten. Und wenn es nötig ist, zahlt man auch einen Teil der Lehrlingslöhne. «Der Schweizer Ansatz traf einen Nerv», sagt Projektleiterin Petya Evtimova.

Was 2015 mit 81 Schülern in vier Klassen begann, ist mittlerweile unter dem Namen «Domino» auf 16 Schulen und 425 Lehrlinge im ganzen Land gewachsen. Köche oder Elektriker durchlaufen eine Ausbildung, wie sie Jugendliche in der Schweiz kennen: Eine Hälfte der Zeit in der Schule, eine Hälfte im Betrieb, am Ende ein Abschluss – und die Aussicht auf eine feste Stelle. Das Projekt kostet die Schweiz drei Millionen Franken. Unter anderem arbeiten drei von der Schweiz angestellte Spezialisten im Bildungsministerium, um den Versuch auf weitere Branchen auszudehnen.

Ab dem zweiten Lehrjahr wird Mitko Iliev seinen Lohn vielleicht von Nestlé Bulgarien erhalten, vielleicht von einer lokalen Firma. Er will sich noch nicht festlegen, erst will er schnuppern gehen, wie in der Schweiz.

Fünf Länder, 17 Projekte

«Domino» ist eines von 324 Projekten. 1,3 Milliarden Franken verteilt die Schweiz in Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern. Am 14. Juni 2017 läuft ein Grossteil des Programms aus. In zehn Ländern müssen die Gelder ausgegeben sein. Was ist damit passiert? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat zwei Reporter losgeschickt, die sich durch Berichte wühlten, mit Beamten, Politikern und Bürgern sprachen – und 17 Projekte in fünf Ländern besuchten.

Karte: Wo Projekte besucht wurdenKarte vergrössern

Der Eindruck, der nach den ersten Reisetagen entsteht: Effizient ist das Schweizer Programm besonders dort, wo die Mittel nicht über viele kleine Projekte gestreut wurden, sondern wo man Schwerpunkte setzte. Etwa in Litauen, wo die Schweiz 46 von 71 Millionen Franken in Spitäler investierte, die damit zum Beispiel ihre Geburtenstationen modernisierten. «In keinem anderem Land haben wir uns so sehr auf einen Bereich konzentriert», sagt Hugo Bruggmann, Leiter des Erweiterungsbeitrags beim Staatssekretariat für Wirtschaft. Die Säuglingssterblichkeit sei dank der Hilfe um bis zu 80 Prozent gesunken.

Ein zweiter Punkt, der unterwegs immer wieder auftaucht: Probleme mit der «Nachhaltigkeit» von Projekten. Wie stellt man sicher, dass eine Initiative nach Ende der Schweizer Finanzierung nicht einfach abstirbt?

«Die Rumänen sind Barbaren!»

Genau damit kämpft Gabriela Ionescu. Sie hat in Rumäniens Hauptstadt Bukarest ein «Haus der Experimente» aufgebaut, ein Mini-Technorama. Von der Schweiz erhielt sie dafür 236'000 Franken. 2016 öffnete das «Casa Experimentelor» seine Türen zu Attraktionen, die Generationen von Schweizer Schülern aus dem Science Center in Oberwinterthur kennen: die Tesla-Spule, die Blitze erzeugt; der Van-de-Graaf-Generator, der Haare zu Berge stehen lässt. Beim Design der Anlagen halfen Spezialisten des Technoramas.

Foto: Petrut Calinescu
«Ich bin dankbar für die Hilfe der Schweiz. Aber: Werden wir genug Eintrittskarten verkaufen, damit unser ‹Haus der Experimente› überleben kann?»
Gabriela Ionescu, Bukarest, Rumänien

Gabriela Ionescu erzählt, dass sie zu Beginn fast nur damit beschäftigt war, Experimente zu reparieren, weil niemand die Bedienungsanleitungen las. «Ich weinte jeden Tag. Ich dachte: Die Rumänen sind Barbaren!» Inzwischen hat sie die Wartung im Griff – und andere Sorgen. Die Schweizer Finanzhilfe ist aufgebraucht, das Zentrum muss auf eigenen Füssen stehen.

«Bei uns gibt es aber keine Mäzen-Tradition», sagt Ionescu. Anfangs verlangte sie keinen Eintritt, nun bezahlt ein Erwachsener 28 Lei, knapp 7 Franken. «Die Wahrheit ist: Wir wissen nicht, ob es reicht.» Dann braucht sie eine Zigarette.

Die Roma-Diplomaten

Lilia Gouneva macht sich ähnliche Sorgen. Die Bulgarin, die früher für Médecins sans Frontiers in Kasachstan arbeitete, steht auf einem staubigen Parkplatz nahe der nordbulgarischen Stadt Montana. Es ist der Zugang zur Roma-Siedlung Koscharnik, einem Ghetto mit rund 3000 Bewohnern, davon 1000 Kinder und Jugendliche.

Foto: Hristo Vladev
«Das Schweizer Programm endet 2019. Wir wissen nicht, wer in Zukunft die Vermittler bezahlen wird, die den Roma helfen.»
Lilia Guneva, Montana, Bulgarien

Folgt man der ruppigen Strasse ins Viertel, steht man bald zwischen illegalen Squats – hastig gemauerte Hütten, hingestellt auf eine abfallende Wiese, die lokalen Bauern und der Gemeinde gehören. Männer sitzen auf umgedrehten Eimern unter Plastikplanen, eine Frau hängt Wäsche über einen Maschendrahtzaun. Manche Bewohner haben das Ghetto noch nie verlassen. Arbeit ist rar.

Die grössten Probleme der Roma-Quartiere sind die medizinische Versorgung und Bildung – manche Kinder besuchen nicht einmal die Grundschule. Die Schweiz bezahlt in sechs Ghettos Vermittler, die mit den Roma in Kontakt treten. Vermittlerin Sonja geht an diesem Morgen von Haus zu Haus, um die Anwohner zu überzeugen, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen. In anderen Siedlungen ist eine Epidemie ausgebrochen, Koscharnik soll verschont bleiben. Sonja hilft auch mit Krankenkassen-Formularen und erklärt Verhütungsmethoden. Sie verdient den Mindestlohn, 460 Lev, etwa 250 Franken.

In Koscharnik baut die Schweiz nun für 500'000 Franken einen neuen Kindergarten – «das kommt gut», sagt Lilia Gouneva. Sie sorgt sich vor allem um die Ausbildungsvermittler, die Roma-Familien überzeugen sollen, ihre Kinder nicht aus der Schule zu nehmen. Und die Bulgarisch-Nachhilfe geben, manche Roma sprechen die Sprache wenig oder gar nicht. «Wir wissen nicht, wer die Vermittler künftig bezahlt.» Das Programm läuft 2019 aus, Gouneva fürchtet, dass die Fortschritt bei der Einbindung der Roma ins Schulsystem gefährdet sind.

Bürokratie als Hürde

Manchmal ist auch Geld da, kann aber nicht ausgegeben werden. Maximilian-Axel Nicolae, Direktor der rumänischen Agentur gegen Menschenhandel, hat diese Erfahrung mit 1,8 Millionen Franken gemacht. Mit dem Geld will die Schweiz rumänische Nichtregierungsorganisationen (NGO) unterstützen, die Notunterkünfte für Opfer betreiben – etwa für Frauen, die mit falschen Versprechungen in den Westen gelockt, dort zur Prostitution gezwungen werden und traumatisiert zurückkehren.

Als die Agentur das Projekt ausschrieb, bewarb sich keine einzige NGO dafür. Nicolae ging der Sache nach: Das Innenministerium forderte den Erwerb einer komplizierten Lizenz, was den Organisationen zu aufwändig war – lieber verzichteten sie auf die Schweizer Hilfe. «Natürlich ist die Bürokratie ein Problem», sagt Roland Python. Der Romand arbeitet für die Kohäsionsmilliarde als Länderchef in Rumänien und Bulgarien, er wacht über ein Budget von 257 Millionen Franken: «Wir müssen jetzt mit allen Beteiligten diskutieren, wie wir das Projekt retten können. Wenn das nicht gelingt, zahlen wir das Geld nicht aus.»

Der Gestank aus der Scheune

Bisweilen klemmen Projekte wegen solcher Bürokratie-Blockaden jahrelang. Angel Petrov, Vizebürgermeister der Gemeinde Varshets im Norden Bulgariens, wartet seit einer gefühlten Ewigkeit auf die Entsorgung einer gefährlichen Altlast. «Das Zeug da drin stammt aus sozialistischer Zeit», sagt Petrov und zeigt auf einen halb verfallenen Schuppen, an dessen Fassade ein Totenkopf prangt. Im Inneren lagern fünfeinhalb Tonnen verbotener Pestizide. Ein scharfer Geruch dringt aus dem Bau, als würde man den Kopf in einen Sack Düngemittel stecken.

Die Schweiz hat 19,9 Millionen Franken bereitgestellt, um Pestizide in 200 Lagerstätten im ganzen Land zu entsorgen. Es ist der grösste Brocken der Kohäsionsmilliarde in Bulgarien. Nur: Das Projekt ist noch immer nicht in Umsetzung. Länderchef Rolan Python erklärt: Weil die öffentliche Ausschreibung so komplex war, brauchte es eine Ausschreibung zum Ausarbeiten der Ausschreibung. Dann änderten die Beschaffungs-Gesetze, und dann ging noch eine Beschwerde gegen die erste Ausschreibung ein. «Die Zeitreserve ist aufgebraucht», sagt Python. «Wir gehen aber davon aus, dass wir das Projekt bis 2019 rechtzeitig abschliessen können.»

Als Angel Petrov das hört, sagt er: «Wir werden sehen, ob die Schweizer liefern.» Dann bekreuzigt er sich.

Stadler Rail schlägt Skoda

Eine dicke Smogglocke hängt über Ostrava, dem Zentrum der tschechischen Schwerindustrie; links und rechts der vierspurigen Schnellstrasse sind verrostete Hochöfen zu sehen. Nirgends ist die Umweltbelastung so hoch wie hier, die Böden sind mit Resten alter Kohleminen verseucht. Die Schweiz will dabei helfen, Ostrava in eine saubere Zukunft zu bringen: 6,5 Millionen Franken stellte sie der 300'000-Einwohner-Stadt zur Verfügung, die in den Bau von Tramhaltestellen und einer Trolleybuslinie flossen. Trams und Busse gelten in Tschechien immer noch als Verkehrsmittel für Arme. «Von diesem Image wollen wir weg», sagt Bürgermeister Tomas Macura.

Foto: Bernhard Odehnal
«Wir wollen vom schlechten Image des öffentlichen Verkehrs weg. Dabei hat uns der Schweizer Beitrag sehr geholfen.»
Tomas Macura, Ostrava, Tschechien

Indirekt profitiert davon auch die Schweizer Industrie. Als erste Stadt in Tschechien wird Ostrava nun 40 neue Trams nicht beim heimischen Produzenten Skoda, sondern bei der Schweizer Stadler Rail kaufen. Auftragswert: 55 Millionen Franken. Der Auftrag stehe in keinem Zusammenhang mit der schweizerisch-tschechischen Zusammenarbeit, betont der Bürgermeister. Solche Anschaffungen müssten international ausgeschrieben werden und Stadler habe «die besten Bedingungen geboten». Macura spricht aber von «so etwas wie dem Pünktchen auf dem i», dem Gipfel einer erfolgreichen Kooperation.

Immer wieder neu erklären

300 Kilometer südlich von Ostrava liegt Bratislava, Hauptstadt der Slowakei. In der Schweizer Botschaft steht Lajos Szabo vor einer Landkarte der Slowakei, in die Dutzende Schweizer Fähnchen gepinnt sind. Jede Nadel markiert ein Projekt: Kläranlagen, Tourismus, Berufsschulen. Als Leiter des Schweizer Beitrags in der Slowakei hat Szabo alle Projekte persönlich inspiziert, häufig in Begleitung von Schweizer Delegationen. Die «Two Loops», die zweistufige Bewertung von eingereichten Projekten, habe viele Organisationen überfordert, erzählt er von den Anfängen. Problematisch seien auch die häufigen Personalwechsel bei slowakischen Behörden: «Da sitzen neue Leute, denen wir alles noch einmal erklären müssen.»

Ein Fähnchen markiert Kosice, die Industriestadt im Osten der Slowakei. In einem Park zwischen Plattenbauten steht dort das leuchtend gelbe Haus von Domko, einem Heim für geistig behinderte Menschen. Ziemlich heruntergekommen und nur für Tagesgäste geeignet war das Haus vor der Renovierung, erinnert sich Heimleiter Martin Varga. Heute betreuen 33 Mitarbeiter 70 Klienten, von denen 10 über Nacht bleiben können. Als Tagesprogramm gibt es Webkurse, Licht- und Aromatherapie und ein eigenes Hausorchester.

Foto: Bernhard Odehnal
«Unsere Schweizer Partner waren sehr flexibel. Bei EU-Fonds ist es schwieriger, alle Genehmigungen zu bekommen.»
Martin Vatra, Kosice, Slowakei

Die Aufwertung des Frankens hatte für die Kohäsionsmilliarde einen unerwarteten Effekt: Weil die lokalen Partner in ihrer Währung budgetierten, die Schweiz aber in Franken, war plötzlich im Verhältnis viel mehr Geld da, bis zu 100 Millionen Franken.

Bei Domko konnte Martin Varga ­darum zusätzlich zur Sanierung noch eine Küche bauen lassen und den Garten umgestalten. «Unsere Schweizer Partner waren flexibel», sagt er, «bei EU-Fonds ist es schwieriger, alle Genehmigungen zu bekommen.» Langfristig ist der Betrieb von Domko durch die Regionalverwaltung von Kosice gesichert. 1,3 Millionen Franken hat die Schweiz für die Sanierung des Zentrums ausgegeben. Eine gute Investition, findet Zlata Duszova, Mutter eines behinderten Sohnes. «Es gibt jetzt viel Platz hier. Für meinen Janko ist es ein zweites Zuhause.»

Im Geistermuseum

Von Kosice sind es nur wenige Kilometer bis zur ungarischen Grenze. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs waren die Regionen wirtschaftlich eng verbunden. Aus dem ungarischen Rudabanya kam das Erz für das riesige Stahlwerk in Kosice. Ende der 80er-Jahre aber wurde die Mine stillgelegt. Jetzt soll der Fund eines Urzeitmenschen, des sogenannten «Rudapithecus», Touristen anlocken. Rund um die Ausgrabungsstätte wurde mit Geld aus Brüssel ein monströses Museum aus rosa Beton errichtet. Wegweiser fehlen jedoch, und die schmale Strasse ist für normale Autos kaum befahrbar, geschweige denn für Cars.

In Rudabanya sind die meisten Jobs verschwunden, an diesem Mittag bildet sich eine Menschenschlange vor einer Suppenküche für pensionierte Minenarbeiter. Zur Förderung des Tourismus liess die Schweiz zwei Häuser sanieren. Der alte Kindergarten wurde umgebaut und als «Rudapithecus-Museum mit Themengarten» eröffnet. Heute stehen vier Tierfiguren verloren im Garten und ein paar leere Vitrinen im Haus, das schon wieder eine Baustelle ist: Die Ziegelwände müssen trockengelegt werden. Dafür setzt die Gemeinde Arbeitslose ein. 54'000 Forint Monatslohn (185 Franken) bekommen sie für die «gemeinnützige» Arbeit. Von der Schweizer Kohäsionsmilliarde haben sie noch nie etwas gehört.

Das zweite mit Schweizer Geld sanierte Gebäude steht im Roma-Ghetto von Rudabanya. In dem historischen Bauernhaus sind Alltagsgegenstände aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt. ­Gemeindearbeiter Janos Juhasz schliesst für die unerwarteten Besucher auf. Er arbeitete zuvor in einer Fabrik in Winterthur. Juhasz würde gerne zurück, denn «in zwei Jahren Schweiz verdiene ich so viel wie in 40 Jahren Ungarn.»

Überhöhte Rechnungen?

Aus der Ferne sieht das Bauernmuseum ganz ordentlich aus – weisse Wände, gepflasterter Vorplatz, Rollstuhlrampe. Aber die nähere Betrachtung zeigt: Der Verputz bröckelt. «Da werden wohl Nacharbeiten notwendig», fürchtet Juhasz. Die Rechnung an die Schweiz, die sich auf 72 Millionen Forint (255'000 Franken) für beide Häuser beläuft, halten Nachbarn für massiv überhöht: Mehr als 25 Millionen Forint würde so eine Renovierung nicht kosten, sagen sie.

An einen Aufschwung dank auswärtigen Besuchern glaubt im Dorf kaum jemand. «Unsere Gegend gilt als Zentrum von Armut und Verbrechen», sagt eine Frau, die das Trottoir kehrt: «Wer sollte uns denn besuchen wollen?»

Auch im Nachbarort Sajokaza sollen Touristen die Wirtschaft ankurbeln, hier finanziert die Schweiz die Sanierung eines Barockschlosses. Aber seit 2012, als das DTagesanzeiger.ch/Newsnetorf zum ersten Mal besuchte, hat sich nichts verändert: Der frühere Prachtbau verfällt noch immer. Die Gemeinde zögert den Baubeginn immer weiter hinaus. Fragen nach Gründen für die Verspätung beantwortete der Bürgermeister nicht.

Andere Tourismusprogramme, welche die Schweiz mitbezahlt, laufen besser. Vor allem Schulungen mit Schweizer Experten hätten geholfen, «dass unsere Leute ihr Potential erkennen», sagt Zofia Kordela-Borczyk, die in Polen das Projekt «Know-how aus den Alpen für die Karpaten» leitet. Aber einmal mehr gilt: Dass die Programme in Zukunft weiterlaufen, ist nicht garantiert. Die Regierung will die Regionalförderung zentralisieren. Kordela-Borczyk sieht dadurch einige Projekte gefährdet, welche die Schweiz mitgesponsert hat. Kleinere Partner «werden wohl die nächsten zwei Jahre nicht überleben», sagt sie.

Neue Jobs im «Inkubator»

Die letzte Station der Reise führt nach Kazincbarcika, einer Stadt im ungarischen «Rust Belt», wo früher die Hochöfen glühten, heute aber nur noch ein einzelnes Chemiewerk dem Strukturwandel trotzt. 4,8 Millionen Franken aus der Schweiz fliessen in dieses Krisengebiet. 2,4 Millionen kostet der Umbau der alten Zentralschule von Kazincbarcika in ein «Business and Incubator Centre», das Büroräume für Start-ups zur Verfügung stellt. Als Tagesanzeiger.ch/Newsnet 2012 einen ersten Augenschein nahm, kündigte Bürgermeister Peter Szitka die Eröffnung für Frühling 2013 an.

Beim nächsten Besuch im Frühjahr 2014 war die Schule immer noch eine Ruine. Es gebe Probleme mit der Auftragsvergabe, hatte die Stadt damals erklärt und die Eröffnung für 2015 angekündigt. Auch dieser Termin hielt nicht.

Erst im April 2016 begann der Umbau. Ein Jahr später führt Bauleiter Peter Toth über das Gelände. Die Räume sind klimatisiert, die Böden mit Parkett ausgelegt. «Der Keller wurde auf Wunsch der Geldgeber mit Schweizer Technik trockengelegt», sagt Toth. Erste Anmeldungen gibt es schon. Jungunternehmer wollen eine 3-D-Druckerei betreiben, in die frühere Turnhalle zieht ein TV-Studio ein. Das Haus ist zum Blickfang in der grauen Stadt geworden. Eine Passantin schaut sich die frisch verputzte Fassade an. Ob das neue Zentrum der Stadt helfen wird? Sie nickt: «Wenn es neue Jobs gibt, laufen unsere Jungen nicht mehr davon.»

Erstellt: 26.05.2017, 07:17 Uhr

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