Ein neues Gesicht – um fast jeden Preis

Der ukrainische Präsidentschaftskandidat Selenski liegt in Umfragen deutlich vor Poroschenko. Aber nicht, weil die Ukrainer den Komiker so toll finden würden.

Ein süsses Porträt aus 3000 Bonbons: Komiker Wolodimir Selenski, der Herausforderer von Petro Poroschenko. Foto: Alexander Demianchuk (Tass)

Ein süsses Porträt aus 3000 Bonbons: Komiker Wolodimir Selenski, der Herausforderer von Petro Poroschenko. Foto: Alexander Demianchuk (Tass)

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Walentina Radtschenko muss nicht lange überlegen, um Anhänger von Wolodimir Selenski aufzuzählen. Ihre Freundin in der Westukraine stimme für den 41 Jahre alten Komiker. Ebenso ihre Arbeitskollegin. Und als die 54 Jahre alte Buchhalterin ihre Eltern besucht, die in der Nähe des zentralukrainischen Poltawa ein kleines Haus, einen Garten und fünf Hühner haben, verkündet ihr 83 Jahre alter Vater Boris, er werde für Selenski stimmen.

Vor der Stichwahl gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko am Sonntag sagen Umfragen dem Komiker bis zu 73 Prozent der Stimmen voraus; Poroschenko kommt bestenfalls auf 27 Prozent. Diese Ausgangslage hat wenig mit dem Komiker und viel mit Poroschenko zu tun: Der Präsident hat in seinen fünf Jahren im Amt viele Ukrainer enttäuscht. In Poltawa, einer Stadt mit 300'000 Einwohnern 330 Kilometer östlich von Kiew, gewann der Präsident im ersten Wahlgang am 31. März nur 11 Prozent der Stimmen, Herausforderer Selenski fast 36 Prozent.

Walentina Radtschenko ist Patriotin. Als Russland 2014 die Krim besetzte und den Krieg in der Ostukraine begann, stimmte sie für Poroschenko. «Sein Versprechen, den Krieg schnell zu beenden, hielt ich schon damals nicht für realistisch», sagt sie. Laut UNO-Angaben sind im Krieg in der Ostukraine über 13'000 Menschen getötet worden und ein Ende des Konflikts ist nicht in Sicht. «Aber ich habe gehofft, wir würden wenigstens bei anderen Dingen wie der Wirtschaft Fortschritte machen», sagt Radtschenko. «Aber unser Land tritt auf der Stelle.»

Den Lokalfürsten überlassen

Als Buchhalterin in einer Computerfirma verdient sie umgerechnet 350 Franken, ihr Mann hat als Nachtwächter einen noch niedrigeren Lohn. Wenn die Radtschenkos ein neues Haushaltsgerät für ihre 46-Quadratmeter-Wohnung aus sowjetischer Zeit kaufen wollen, stottern sie den Kaufpreis per Kleinkredit ab. Und die beiden Söhne haben trotz abgeschlossener Ingenieurstudien keinen Job gefunden, der ihrer Qualifikation entspricht.

Gewiss hat Poroschenko auch erfolgreiche Reformen durchgesetzt – etwa im Gesundheitswesen oder bei der Dezentralisierung. Ukrainische Städte und Regionen haben heute nicht nur mehr Vollmachten, sondern auch mehr Geld. Das Budget von Poltawa liegt heute bei 150 Millionen Franken – siebenmal mehr als vor acht Jahren. «Doch alle Erfolge Poroschenkos werden von Korruption und Amtsmissbrauch überschattet», sagt Olexei Serdjukow, Chefredaktor des Poltawer Nachrichtenportals Zmist. «Er ist bei den Wählern auch deshalb so tief gefallen, weil er die Städte und Regionen oft fragwürdigen Clans und Lokalfürsten überlassen hat, die ihm die Stimmen für die Wiederwahl sichern sollten, doch vor allem ihre eigenen Geschäfte verfolgten.»

In Poltawa verschwieg der Bürgermeister dem Stadtrat etwa, dass eine Frau, die städtische Grundstücke bekommen hatte, seine Stieftochter war. Als ein Staatsanwalt Anklage erhob, wurde der zuständigen Richterin ihrer Aussage zufolge «erst Bestechungsgeld angeboten, dann das Verfahren entzogen und der Bürgermeister schliesslich freigesprochen». Einem einflussreichen Unternehmer, der zur Poroschenko-Partei gehört, erlaubte die Stadt, an der prominentesten Ausgehmeile in der einzigen Durchfahrt zu einem Wohnkomplex und Kinderspielplatz ein Café zu eröffnen. Um Fakten zu schaffen, liess der Unternehmer die Durchfahrt von kräftigen Männern mit Eisenplatten versperren. Als ein Bürgerrechtler die Aktion verhindern wollte, wurde er niedergestochen. «Der Anschlag auf mich ist zwei Jahre her, doch er ist bis heute nicht aufgeklärt», sagt der Mann.

In Poltawa geriet auch der vom Präsidenten ernannte Gouverneur ins Zwielicht. Dem Anti-Korruptions-Büro der Ukraine zufolge sollen er und andere Beamte für öffentliche Aufträge allein von zwei Firmen 200'000 Franken Bestechungsgeld, Luxusurlaube in Spanien und einen Luxus-Jeep bekommen haben. Der Gouverneur bestreitet die Vorwürfe, doch Mitte März feuerte ihn Poroschenko.

Allerdings half das kaum mehr fürs Image. Denn da hatten zwei neue Skandale den Präsidenten erreicht. Poroschenkos langjähriger Vertrauter Igor Kononenko soll an millionenschweren Manipulationen im Stromsektor beteiligt sein. Und der Sohn eines anderen langjährigen Freundes soll Waffenersatzteile aus Russland geschmuggelt und der ukrainischen Armee zu zigfach über dem Marktpreis liegenden Preisen verkauft haben.

Nicht nur Reformer, sondern auch überzeugte Nationalisten sind vom Präsidenten enttäuscht. «In der Armee ist es allen Selbstpreisungen Poroschenkos zum Trotz immer noch so, dass Familien ihren Söhnen gute kugelsichere Westen kaufen, bevor sie an die Front müssen», sagt Anatoli Schijan, der Leiter des «Nationalen Korpus» in Poltawa, der ultrarechten Partei, die zum Freiwilligenbataillon Asow gehört. Und dass sich Soldaten gegenseitig bestehlen, sei an der Tagesordnung. Seit Bekanntwerden des Skandals um die überhöhten Waffenpreise haben die Rechtsnationalisten bei jedem Wahlkampfauftritt Poroschenkos demonstriert und die Aufarbeitung des Skandals gefordert. Auch in Poltawa musste Poro­schenko Sprechchöre der Ultranationalisten übertönen, als er Mitte März zum Wahlkampfauftritt in die Stadt kam.

Millionen arbeiten in der EU

Immerhin eins hat der Präsident dem Land erstritten, das sie auch in Poltawa zu schätzen wissen: die Visa-freie Einreise in die EU. Millionen Ukrainer sind seither nach Europa gereist – oft zum Geldverdienen. Allein in Polen arbeiten bis zu zwei Millionen Ukrainer; viele auch in anderen EU-Ländern, meist nur einige Monate, bevor sie in die Ukraine zurückkehren. «Unter meinen Bekannten verdienen mindestens zehn ihr Geld in Europa», sagt Olexander Schamota. Er ist seit einigen Monaten Interims-Bürgermeister von Poltawa, nachdem das alte Stadtoberhaupt aus dem Amt entlassen wurde. «Millionen Ukrainer kommen aus Europa nicht nur mit Geld zurück, sondern auch mit der Erfahrung, wie gutes Regieren wirklich aussieht. Jetzt wollen sie das Gleiche endlich auch in der Ukraine. Mit neuen Gesichtern, da sie von den alten enttäuscht sind», sagt Schamota.

Wolodimir Selenski ist für viele dieses neue Gesicht. Buchhalterin Radtschenko jedoch hat eine andere Entscheidung getroffen. «Keine Treffen mit Wählern, blödsinnige Clips im Internet – das ist keine Art für einen Präsidentschaftskandidaten.» So wird sie am Sonntag, anders als viele ihrer Bekannten, zähneknirschend wieder für Petro Poroschenko stimmen.

Erstellt: 19.04.2019, 21:03 Uhr

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