Ein Oligarch mit Zähnen

Der Milliardär Igor Kolomojski, der hinter dem neuen Präsidenten der Ukraine steht, steuert sein Imperium aus Israel.

Ist der wichtigste Wahlhelfer des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski: Unternehmer Igor Kolomojski. Foto: Reuters

Ist der wichtigste Wahlhelfer des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski: Unternehmer Igor Kolomojski. Foto: Reuters

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Wenn Igor Kolomojski einen Gesprächspartner überzeugen wollte, dass mit ihm trotz seines gemütlichen Aussehens mit runden Wangen, weissem Bart und silberner Nickelbrille nicht zu spassen sei, griff er zur Futterdose. Dann fütterte er einen gut fünf Meter langen Hai, den er in einem riesigen Aquarium in seinem Büro hielt. Zu Beginn des Krieges gegen Russland Anfang 2014 wurde Kolomojski, in der Ukraine jetzt wichtigster Wahlhelfer des neuen Präsidenten Wolodimir Selenski, zum Gouverneur seiner Heimat Dnipro ernannt.

Im Kampf gegen die Russen bezahlte Kolomojski den Aufbau der Freiwilligenbataillone «Dnipro» und «Asow», bot seinen Männern 10'000 Dollar für jeden gefangenen Russen und nannte Präsident Wladimir Putin einen «schizophrenen Zwerg». Anders als Luhansk oder Donezk blieb Dnipro unter ukrainischer Kontrolle – und Kolomojski wurde für viele ein Held.

Kolomojski legte den Grundstein seines Imperiums aus Industriefirmen, Banken, Medien und Fluglinien in den 90er-Jahren: Gegnern zufolge auch mit der gewaltsamen Eroberung von Firmen. 2005 wurde Kolomojski verdächtigt, einen Mordversuch in Auftrag gegeben zu haben. Er bestritt alle Vorwürfe. 2015 feuerte Präsident Petro Poroschenko Kolomojski als Gouverneur – der Beginn einer Erzfeindschaft. Ende 2016 wurde Kolomojskis PrivatBank verstaatlicht, nachdem die Bank so ausgeplündert worden war, dass in der Bilanz ein Loch von gut fünf Milliarden Dollar klaffte, so die Nationalbank. Kolomojski dagegen stellt sich bis heute als Opfer einer politischen Intrige dar.

Gefahr für Präsidentschaft

2016 wurde sein Geschäftspartner Gennadij Korban wegen des Verdachts auf Mord und Kidnapping festgenommen. Kolomojski zog in die Schweiz, 2018 weiter nach Israel. Kolomojski, der – wie auch Selenski – Jude ist, hat einen israelischen Pass, was nach ukrainischem Gesetz strafbar ist, doch den Vorteil hat, dass Israel seine Staatsbürger nicht ausliefert. Gegen Kolomojski laufen in der Ukraine und in der Schweiz etliche Gerichtsverfahren; auch das FBI soll gegen ihn wegen des Verdachts auf Geldwäsche ermitteln – sein Anwalt bestreitet jedes Vergehen.

Im Wahlkampf setzte Kolomojski auf einen Gegenkandidaten seines Erzfeindes Poroschenko, auf Wolodimir Selenski, als Schauspieler und Produzent Kolomojskis Fernsehsender 1+1 seit Jahren verbunden. Selenski bestreitet eine Rolle Kolomojskis. Doch seit 2017 besuchte er Kolomojski 14-mal in Genf und Israel, das letzte Mal im Dezember 2018 gleich für vier Tage. Am Silvestertag durfte Selenski dann auf 1+1 um Mitternacht anstelle des Präsidenten sprechen und seine Kandidatur erklären.

Kolomojskis Anwalt Andrij Bohdan spielt auch bei Selenski eine Rolle und wurde von diesem bereits zu Geheimtreffen etwa mit dem Chef des gegen Kolomojski ermittelnden Antikorruptionsbüros geschickt. Ein Kiewer Gericht mit einer Tradition fragwürdiger Entscheidungen erklärte kurz vor Selenskis Sieg die Verstaatlichung der PrivatBank für rechtswidrig – Kolomojski könnten Milliardenentschädigungen winken. Jetzt sei der mögliche Einfluss Kolomojskis «die grösste Gefahr für seine Präsidentschaft», sagte ein Selenski-Berater dieser Zeitung.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.04.2019, 18:42 Uhr

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