Ein Oligarch vor dem totalen Absturz

Wegen der US-Sanktionen fährt Oleg Deripaska Milliardenverluste ein. Ganzen Städten droht deswegen die Arbeitslosigkeit.

Seit Verhängung der Strafmassnahmen sind die Aktien von Deripaskas Unternehmen um die Hälfte eingebrochen. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

Seit Verhängung der Strafmassnahmen sind die Aktien von Deripaskas Unternehmen um die Hälfte eingebrochen. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

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Als Washington letzten Monat neue Sanktionen gegen Russland verhängte, stand eine von Oleg Deripaskas drei Gulfstreams gerade in Basel. Umgehend wurde der Luxusjet nach Moskau zurückbeordert. Anschliessend tourte der Chef noch mit seinem teuren Spielzeug durch Sibirien, doch nun stehen die Maschinen für rund 30 Millionen Dollar das Stück zum Verkauf.

Deripaska könne die Flugzeuge wegen der Sanktionen nicht mehr benutzen und habe den Leasingvertrag frühzeitig auflösen müssen, heisst es bei der Firma, welche die Jets für die Kreditgeber verkauft. Die Jets gehören offenbar teilweise der Credit Suisse. Man kommentiere grundsätzlich keine Kundenbeziehungen, heisst es dazu bei der CS. Die Linie in Sachen Russland-Sanktionen ist jedoch klar: «Die Credit Suisse arbeitet mit internationalen Regulierungsbehörden zusammen, um die Einhaltung von Sanktionen sicherzustellen. Dazu gehört auch die Einhaltung der jüngsten Sanktionen gegen Russland.»

Von der Aussenwelt abgeschnitten

Das Beispiel belegt, wie tief die Sanktionen, welche die USA am 6. April gegen 38 russische Firmen und Einzelpersonen verhängt haben, den mächtigen Oligarchen treffen. Denn die Jets sind wohl noch sein kleinstes Problem: Deripaska steht nicht nur als Person auf der Strafliste, betroffen sind auch seine acht Unternehmen, allen voran Rusal, der zweitgrösste Aluminiumproduzent der Welt. Die US-Sanktionen haben den international vernetzten Konzern faktisch von der Aussenwelt abgeschnitten. US-Firmen oder amerikanische Bürger dürfen keine Geschäfte mehr machen mit Personen und Firmen auf der Sanktionsliste. Und auch nichtamerikanische Unternehmen können bestraft werden, wenn sie mit den Sanktionierten zusammenarbeiten.

Seit Verhängung der Strafmassnahmen gegen Deripaskas Imperium sind die Aktien von Rusal um rund die Hälfte eingebrochen. Deripaska soll bereits in den ersten Tagen mehrere Milliarden Dollar verloren haben. In seinen Produktionsstätten stapelt sich das Aluminium. Viele internationale Kunden haben die Käufe sofort gestoppt, Banken das Geld gesperrt. Experten schätzen, dass Rusal den Zugang zu mehr als der Hälfte seiner Kunden verloren hat.

In der neusten Umfrage geben 80 Prozent der Russen an, dass sie die US-Sanktionen nicht beunruhigen. Doch unter Deripaskas Angestellten geht die Angst um. 150'000 Menschen arbeiten für den Oligarchen, 60'000 allein für Rusal, das letztes Jahr fette Gewinne eingebracht hat. Ganze Regionen hängen vom Aluminium ab. Die sibirische Stadt Sajanogorsk etwa wurde 1976 gleich zusammen mit dem Aluwerk gegründet. Muss die Produktion schliessen, ist die Stadt tot, denn etwas anderes gibt es dort nicht zu tun. Das würde eine Revolte geben, sagen Arbeiter vor Ort, sie seien in diesem Streit zu Geiseln geworden. Und dass man sich hier zu wehren wissen, haben die Menschen bereits in den 90er-Jahren beweisen: Damals gingen Zehntausende Kumpel auf die Strassen und setzten Präsident Boris Jelzin unter massiven Druck.

Im Zeitalter Wladimir Putins ist ein solcher Aufstand undenkbar. Deshalb schmiedet man im Kreml offensichtlich schon Rettungspläne. Allerdings nicht für Oleg Deripaska, sondern für Rusal. Die USA haben den Oligarchen mit der Begründung auf die Sanktionsliste gesetzt, er stehe Putin besonders nahe. Dies entspricht jedoch nur bedingt der Realität. Natürlich bemüht sich Deripaska um ein gutes Verhältnis zum Kreml, damit seine Geschäfte reibungslos laufen. Er stellt sich auch gerne bescheiden als Makler dar, der Rusal sozusagen im Interesse des Staates verwaltet.

Eine Verstaatlichung seines Imperiums würde ihn vom mächtigen Oligarchen zum abgehalfterten Manager machen.

Doch Deripaska ist noch einer der wenigen Oligarchen der Jelzin-Zeit, denen Putin und seine Leute bis heute mit Misstrauen begegnen. Deshalb vermuten viele, dass der Kreml Rusal früher oder später verstaatlichen wird. Russische Experten sind überzeugt, dass die jüngste Runde von US-Sanktionen dazu führen wird, dass der Besitz im Land neu verteilt wird: und zwar primär von den Jelzin-Oligarchen an die Putin-Leute. Der Präsident ist auch Verstaatlichungen nicht abgeneigt, in seiner Amtszeit hat sich der Anteil der Staatsbetriebe deutlich erhöht. Und die Russen sehen das nach den schlechten Erfahrungen mit dem Räuberkapitalismus eh als ihre beste Rückversicherung für die Zukunft an.

Diese Aussicht ist dann selbst den Verfassern der Sanktionsliste zu viel geworden. Es sei nicht das Ziel gewesen, Rusal vom Weltmarkt zu vertreiben, sagt US-Finanzminister Steven Mnuchin. Und «die US-Regierung zielt nicht auf die hart arbeitenden Menschen, die von Rusal abhängig sind». Wenn Deripaska sich aus seinen Firmen zurückziehe, könnten die Sanktionen gelockert oder Unternehmen gar wieder von der Liste gestrichen werden, sagt Mnuchin. Zudem verlängerte er die Frist für Firmen, ihre Geschäftsbeziehungen mit Rusal zu beenden, von Anfang Juni auf Ende Oktober.

Deripaska hofft nun, einen Deal zu finden mit den USA und damit der Umarmung durch den russischen Staat zu entgehen. Denn eine Verstaatlichung seines Imperiums würde ihn ohne Zweifel den grössten Teil seines Vermögens kosten. Und aus einem mächtigen Oligarchen einen abgehalfterten Manager machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 18:02 Uhr

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