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Ein Opfer des alten und des neuen Judenhasses

Eine 85-jährige Überlebende des Holocaust ist in Paris brutal ermordet worden. Die Ermittler gehen von einer antisemitischen Tat aus.

Ihr Schicksal ruft böse Erinnerungen wach: Die ermordete Holocaust-Überlebende Mireille Knoll. (Video: Tamedia, Reuters)

Mireille Knoll war neun Jahre alt, als sie im Juli 1942 zum Pariser Vélodrome d’Hiver gebracht werden sollte. Mehr als 13'000 Juden wurden damals von der französischen Polizei an die deutsche Gestapo übergeben und anschliessend zu Vernichtungslagern transportiert. Knoll überlebte. Nun wurde die 85-Jährige mit Messerstichen übersät tot in ihrer Wohnung in Paris gefunden. An zwei Orten in der Wohnung war Feuer gelegt worden. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Frau wegen ihres jüdischen Glaubens Opfer der Gewalttat wurde. Gestern wurden zwei junge Männer laut Angaben aus Justizkreisen wegen vorsätzlicher Tötung in Untersuchungshaft genommen.

Der Vorfall ruft in der jüdischen Gemeinde böse Erinnerungen wach. Im April vergangenen Jahres wurde die 65-jährige Jüdin Sarah Halimi von ihrem Nachbarn in ihrer eigenen Wohnung misshandelt und aus dem Fenster geworfen. Der muslimische Nachbar war nach Aussagen der Familie Halimi vorher wiederholt durch antisemitische Pöbeleien aufgefallen. Nachbarn und Polizei hörten, wie der Täter während des Mordes «Allahu akbar» rief, den Koran rezitierte und schliesslich brüllte, er habe den «Teufel getötet». So schockierend die Tat war, so erschütternd war auch, dass sie in den Medien kaum beachtet wurde. Erst nach Monaten nannte die Staatsanwaltschaft Antisemitismus als mögliches Tatmotiv.

Wurzeln im Islamismus

Der Vorsitzende des Dachverbandes der jüdischen Organisationen, Francis Kalifat, spricht von einer «tiefen Beunruhigung der Juden Frankreichs». Und der jüdische, rechtskonservative Politiker Meyer Habib schreibt auf seiner Facebook-Seite: «Ich befürchte, dass Mireille Knoll nach Sarah Halimi nun das neue Opfer dieses Judenhasses geworden ist, der in den Quartiers grassiert und seine Wurzeln im Islamismus hat.» Der mutmassliche Mörder sei, so Habib, ein vermutlich islamistischer Nachbar, den Knoll schon lange kannte.

Dass Habib so schnell Verdächtigungen ausspricht, zeigt, wie unsicher sich Juden heute in Frankreich fühlen. Spätestens seit der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris parallel zu dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift «Charlie Hebdo» durch islamistische Terroristen im Januar 2015 spricht man von einer «Welle der Gewalt» gegenüber den Juden des Landes.

Neu ist der Antisemitismus weder in Frankreich noch im Rest Europas. In den Neunzigerjahren waren es Rechts­radikale, die jüdische Friedhöfe und Synagogen schändeten und Juden und Muslime angriffen. Heute ist es der islamistisch geprägte Judenhass mancher muslimischer Jugendlicher, der Antisemitismus in Frankreich erneut zur alltäglichen Bedrohung macht.

Ein Umstand, auf den die Pariser Politik selten reagierte. Denn auch die Muslime sind zahlreichen gewaltsamen Angriffen und Beleidigungen ausgesetzt. Aus Angst, die Diskriminierung der einen zu verstärken, wird die Diskriminierung der anderen verschwiegen. «Es schmerzt, dass wir gefangen sind zwischen dem traditionellen Antisemitismus der Rechtsradikalen, dem Antizionismus der Linksradikalen und dem muslimischen Antisemitismus, der bei den 15- bis 25-Jährigen sehr präsent ist», sagt der Vorsitzende des Dachverbandes, Francis Kalifat.

Präsident Emmanuel Macron hat versprochen, sich schützend vor die Juden des Landes stellen. Auf dem Höhepunkt seiner Präsidentschaftskampagne, zwischen den beiden Wahlgängen, besuchte Macron im April 2017 die Schoah-Gedenkstätte in Paris. Und als sich am 17. Juli 2017 die Massenfestnahme im Vel d’Hiv zum 75. Mal jährte, fand Macron klare Worte: «Es war Frankreich, das diese Razzia organisiert hat und die anschliessenden Deportationen, die für beinahe alle 13'152 Juden, die damals aus ihren Familien herausgerissen wurden, den Tod brachte.» Die rechtsradikale Politikerin Marine Le Pen versucht, die Razzia als Werk der deutschen Nazis darzustellen und so Frankreich aus der Verantwortung zu nehmen.

Zehntausende wandern aus

Premierminister Édouard Philippe stellte vergangene Woche einen nationalen Plan gegen Rassismus und Antisemitismus vor. Zwar gehe die Gesamtzahl rassistisch motivierter Verbrechen ­zurück, doch der Anteil gewalttätiger Übergriffe steige. 27'000 französische Juden sind laut der Jewish Agency zwischen 2013 und 2017 nach Israel ausgewandert, rund dreimal so viele wie in den fünf Jahren zuvor. 2015 erreichte die Auswanderungswelle einen Höhepunkt: 8000 Juden verliessen das Land.

Dass die Zahl nun wieder rückläufig ist, hat einen ernüchternden Grund. Der Anschlag auf die Strandpromenade in Nizza im Juli 2015 und der Angriff auf den Pariser Club Bataclan im November 2015 zeigten, dass der islamistische Terror Menschen völlig unabhängig von Herkunft und Religion trifft. Die Gewalt richtet sich gegen eine Gesellschaft, in der Juden, Muslime, Christen und Atheisten zusammenleben.

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