Ein Pianist spielt gegen Trump, Brexit und die AfD

Ode an den politischsten aller Klavierspieler – Igor Levit. Ein Weltstar, der etwas bewirken will.

Seit Brexit, seit Trump, seit dem Aufstieg der AfD in Deutschland hat er sich verändert: Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit. Foto: Getty Images

Seit Brexit, seit Trump, seit dem Aufstieg der AfD in Deutschland hat er sich verändert: Der russisch-deutsche Pianist Igor Levit. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als ich Igor Levit das erste Mal traf, sass er im Restaurant Borchardt auf einer der roten Bänke mit Samtbezug, wo die guten Tische sind für die Leute, die darauf achten, wo die guten Tische sind, in dieser immer noch unfertigen Stadt Berlin, die nie so gross sein wird, wie sie eigentlich sein will, nie so offen wie manche Menschen, die hier leben, Igor zum Beispiel.

Er war mit dem Schriftsteller Maxim Biller verabredet, ein alter Freund von mir und ein neuer Freund von Igor. Maxim hatte mir erzählt, dass Igor bald ein weltberühmter Pianist sein werde, «weltberühmt!», hatte er am Telefon gesagt, und auch die «Frankfurter Allgemeine» hatte es schon geschrieben, «Jahrhundertpianist» oder so, und weil ich mich meistens freue, Maxim zu sehen, und mich so wuchtige Aussagen immer neugierig machen und ich eh ums Eck war, kam ich zum Lunch dazu.

Was mir sofort auffiel an Igor und was ich gleich mochte, das war, wie alt und gleichzeitig jung er war. Äusserlich Mitte zwanzig, aber in manchen Momenten noch jünger, naiver, neugieriger; wie er sich über Ideen freute, wie er Sätze betrachtete wie Schmuckstücke, wie er sich Gedanken erst mal anvertraute und sie anprobierte, wie ein neues Kleidungsstück. Und je länger wir sprachen, desto mehr merkte ich, dass er in seinem Denken sehr viel weiter ist, älter, von seinem Blick auf die Welt her, von dem, was er wusste, ohne es zu sagen, nur als Haltung, als Sicht auf die Dinge. Eher so 75 Jahre alt. Vielleicht kommt das ja daher, denke ich, dass er ständig mit Menschen kommuniziert, die die Tiefe der Welt durchschritten haben, jene Komponisten, tote und lebendige, deren Werke er spielt und deren Musik, Kunst, Leben ihn verändern und prägen, das ist ja sein Beruf.

Was heisst das also, wenn jemand von jungen Tagen an in dieser Intensität lebt, die die Musik ist, diese Täler durchwandert, diesen Donner hört, diese Trauer erblickt, was heisst es, zu lieben, ohne zu wissen, was Liebe ist, was heisst es, den Tod zu erkennen, ohne zu wissen, was der Tod ist? Wie wächst man auf als Künstler und Kind, und was bleibt an Naivität? Denn alle andere Kunst, die Literatur, die Malerei, alles andere, entsteht ja erst im Erwachsenenalter, während Igor seine Kindheit in der Gesellschaft von Revolutionären, Verlorenen, Poeten, Fantasten, Weltsuchern und Welterfindern verbrachte?

Igor hörte erst mal nur zu bei diesem Mittagessen, er hörte zu, wie Maxim und ich unser übliches Pointen-Pingpong spielten. Aber bald mischte er sich ein, fand den Bogen des Gesprächs, variierte das Thema, führte es weiter, als sei es ein Trio, das wir hier spielten, und aus uns drei entstand der Moment, entstand die Musik, als Improvisation auf das, was wir waren und dachten. Igor war dabei zugleich selbstbewusst und zurückhaltend, er hörte genau zu, wie er es gut kann, denn er liebt die Menschen, er ist gierig nach Worten, nach Ideen, nach allem, was seine Welt grösser macht, reicher, tiefer und wahrer.

Er teilt gerne, was er hat und kann: Igor Levit spielt die Goldberg Variations, Aria von Bach. Video: Youtube

Ich glaube, dass viele Menschen, die den Pianisten Igor Levit treffen, das an ihm schätzen, diese Energie, die von ihm ausgeht, weil er Gedanken aufnimmt und weiterträgt, weil er sich für Politik genauso interessiert wie für Bücher, Brillen, Essen, na ja, vielleicht nicht genauso, aber davon später ein wenig mehr. Ich glaube auch, dass sie für seine Kunst wichtig ist, diese Neugier auf die Welt, wie er sie liebt und sucht, ich glaube, dass auch das die Menschen spüren, wenn sie ihn Klavier spielen hören, ob sie es wissen oder nicht: Da ist jemand, der wach ist, da ist jemand, der sucht und findet, da ist jemand, der das gern teilt, was er hat und kann.

Das alles ist eine Ewigkeit her und wirkt doch wie gestern. Viel ist seither passiert, draussen in der Welt und drinnen in uns allen. Igor wurde tatsächlich weltberühmt und blieb doch so sehr Igor, dass ich mich manchmal wundere, wie er das schafft. Er zog von Hannover, wo seine Eltern und seine Schwester immer noch leben, nach Berlin, und die Frage ist, wie lange er noch bleibt in dieser Stadt, weil New York eben doch verlockend ist und die Welt auf ihn wartet und auch, weil Deutschland immer dunkler wird für jemanden, der die Freiheit liebt, die Toleranz, die Menschenwürde. Wir haben viel darüber gesprochen, ja unsere Freundschaft gründet auf diesen Gesprächen über Politik, würde ich sagen, das war der Anfang jedenfalls, dieser gemeinsame Versuch zu verstehen, was da gerade passiert.

Freunde

Irgendwann, es mag im Jahr 2014 gewesen sein, und Igor hatte gerade angefangen, sich auf Twitter und in Interviews sehr deutlich und sehr links zu positionieren, da dachte ich noch: Ob das für ihn so gut ist, ob er das durchhält, diese politisierte Öffentlichkeit, ob es gut ist für sein Image oder eher ein Problem? Und dieser Gedanke ist so äusserlich, das verstand ich dann auch schnell, ist so weit weg von dem, was Igor ist und tut, weil er alles, was er ist und tut, aus sich heraus schafft, weil es, wenn man es so nennen will, authentisch ist und er im Grunde gar keine Wahl hat. Es ist so sehr Teil von ihm und seiner Kunst.

Er nahm mehrere Alben auf in dieser Zeit und wurde immer berühmter. Er spielte Bach, als sei er sein Freund, und Beethoven wie einen Bruder. Er las und lernte und reiste viel, und die Politik wurde immer wichtiger, weil die Zeiten immer rauer wurden, und manchmal war Igor so verzweifelt über die Schlechtigkeit der Welt, dass ich merkte, wie unmittelbar er alles erlebt, wie durchlässig er ist und auch verletzlich.

Unsere Freundschaft, die so begonnen hatte, wie Freundschaft bei Igor eben beginnt, spontan, intensiv, inspirierend, direkt, wuchs in diesen Jahren. Für mich war das neu, weil Igor so viel jünger ist und ich kaum jüngere Freunde habe. Es war beglückend, weil Igor ein Mensch ist, der sehr aufmerksam ist, der sehr viel gibt, der einen fordert, weil er wissen will, was man selbst denkt, wie man selbst sich fühlt. Es ist ein dauerndes Gespräch mit Igor, und ich kenne viele Menschen, denen es so geht, weil Igor ein Talent dazu hat, Menschen zu sehen und von Menschen gesehen zu werden. Und weil diese Menschen so unterschiedlich sind, zeigt sich in ihnen auch die Spannweite seiner Leidenschaften.

Da ist jemand wie der amerikanische Komponist und Kommunist Frederic Rzewski, der so komplizierte Klavierstücke schreibt, dass nur wenige sie spielen können, und dessen Radikalität sich nicht auf die Musik beschränkt,weil er in seinen Werken von Unterdrückung, Ausbeutung, Widerstand erzählt, weil er die Schönheit des Protestes genauso feiert wie den scheinbar vergeblichen Kampf. Igor schrieb ihn einfach an, da war er noch Student, und fragte ihn, ob er ein Stück für ihn komponieren würde. Seither sind sie Freunde. Igor hat an ihm sein Denken und Handeln geschärft, er verehrt ihn auf eine ganz und gar nicht anbiedernde Art und Weise, und der so viel ältere Rzewski, den Igor ins Zentrum der Musikwelt holen will, und der gefeierte junge Pianist sind darüber hinaus ein wunderbares Duo von schneidendem Witz.

Ein anderer enger Freund ist der Juraprofessor Paul Gewirtz von der Yale University, der sich mit China genauso auskennt wie mit Bach und eigentlich einen Platz in der Regierung von Hillary Clinton bekommen sollte, und wenn er über Igor redet, dann wirkt er fast verliebt. Es ist eine kindliche Ergriffenheit darüber, wie sehr es ihn berührt, was Igor auf der Bühne tut, und fast noch mehr ist es das Glück, ja, Glück, das er empfindet, jemandem begegnet zu sein, der mit so viel Wachheit durch die Welt geht, weil etwas davon auch bei denen bleibt, die mit Igor in Berührung kommen.

Mit seinem neuen Album Life präsentiert er persönliche Stücke: Der offizielle Trailer. Video: Youtube

Da ist jemand wie Alex Poots, der Musik-und Kunstmacher, der in New York den experimentellen Kunstraum The Shed leitet und Igor mit so unterschiedlichen Künstlern wie Marina Abramovi? und Hans Haacke zusammengebracht hat, die in Igor Levit einen Gleichgesinnten sehen, weil er seine Kunst nicht vom Leben trennt und schon gar nicht von der Politik, weil er Kunst, in seinem Fall Musik, als Mittel sieht, das Leben zu leben und die Politik zu reflektieren, also das Weh und das Wüten genauso zu sehen wie die Liebe, die Schönheit, den Verlust und das Private zu verbinden mit dem, was alle teilen, die fühlen und empfinden.

Da ist Markus Hinterhäuser, der Intendant der Salzburger Festspiele, der Igor ermutigt, schwierige Programme und programmatische Konstellationen von Stücken zu spielen; da ist Alan Rusbridger, der ehemalige Chefredaktor des «Guardian», mit dem Igor, der besessene Medienkonsument und Twitternutzer, sich über die Ups und Downs dieser so wichtigen, so strauchelnden Branche unterhält, und da sind seine beiden engen Mitarbeiterinnen für Management und Presse, denen er vertraut.

Igors Geschichte

Und so gibt es einen Kosmos Levit mit den Menschen, die er anzieht und die etwas in ihm sehen, so wie er etwas in ihnen sieht; entscheidend in diesem Kosmos, für sein Leben, für seine Kunst, ist die Kommunikation, das Reden. Es sind Erzählungen, die er mit seinen Konzerten beginnt, die von ihm selbst handeln und der grossen Politik, von den kleinen Momenten und dem ganzen Grauen, das Menschen einander antun. Diese Geschichten sind es auch, die Freundschaften antreiben, die nie enden, so scheint es, nicht mal mit dem Tod. Oder?

Denn einer fehlt in diesem Kosmos, und für Igor war das die Person, die alles zusammengehalten hat: ein Freund und doch viel mehr, eine Art Vaterfigur, ein Künstler, der die kleinen Gesten und den feinen Humor liebte, ein Mensch wie Igor, und seit der Maler Hannes Malte Mahler vor etwas mehr als zwei Jahren durch einen Unfall ums Leben gekommen ist, durch einen fast lächerlichen, dummen, tragischen Unfall, klafft diese Lücke, fehlt dieses Zentrum, sucht Igor einen Halt, den es in der Musik nicht geben kann, weil sie klingende Luft ist und nicht Hannes – und trotzdem ist es Musik, die Igor Levit dem Freund gewidmet hat, die er zur Erinnerung an ihn gesammelt hat, von Busoni bis Bach, von Liszt bis Rzewski und Bill Evans: «Life» heisst dieses Album, das vor kurzem erschienen ist und sehr brüchig ist und traurig und kaum tröstlich und vielleicht gerade darum tröstlich.

Wenn Igor von diesem Verlust erzählt, dann leuchten seine Augen. Seine Stimme bekommt einen anderen Hall und Klang, seine Sätze, die manchmal noch ein wenig in der Luft zu hängen scheinen, bevor sie zu Ende gehen, bleiben noch ein wenig länger so stehen, diese Worte, weil Worte in vielem das sind, was von Hannes Malte Mahler bleibt, die Worte, in denen er für Igor lebendig wird.

Als die ersten Zelte am Strassenrand zu sehen waren, da wurden wir stiller und waren froh, dass wir nicht reden mussten.

Mahler starb im Juli 2016, und ein paar Wochen später fuhren wir beide, Igor und ich, spontan nach Griechenland. Wir hatten zwar bereits seit längerem davon gesprochen, dass wir die Realität derer sehen wollten, über die immer gesprochen wurde, gestritten vor allem, gewarnt, die Geflüchteten also, die über das Mittelmeer gekommen waren und nun in Nordgriechenland an eine Grenze stiessen, an das Ende ihrer Reise, das Ende ihrer Hoffnungen.

Die Entscheidung zu fahren, trafen wir dann schnell. Wir dachten nicht gross nach, wir nahmen einen Easy-Jet-Flug und mieteten ein Auto und fuhren von Thessaloniki aus eine Stunde nach Norden, und als die ersten Zelte am Strassenrand zu sehen waren, da wurden wir stiller und waren froh, dass wir nicht reden mussten. Das Lager, das wir suchten, war in der kleinen Grenzstadt Idomeni, Tausende waren hier gestrandet, Hilfsorganisationen hatten Container aufgestellt, in denen es medizinische Versorgung gab, vor manchen Zelten sassen Mädchen und verkauften Tomaten oder ein paar Dosen Coca-Cola, es gab ein paar provisorische Restaurants in Zelten, mit offenem Feuer, und auf den Bahngleisen, auf denen kein Zug mehr fuhr, spielten die Kinder im Abendlicht Fangen.

Igor war vor allem wütend, wütend auf die Welt und manche Menschen in ihr.

Es hatte sehr viel geregnet in den Tagen zuvor, viele Geflüchtete hatten das Lager verlassen, weil sie wussten, dass es bald geräumt werden sollte. An diesem Abend war der Himmel klar und blau, und eine seltsame Ruhe lag über den Zelten und den Menschen, die nicht wussten, wohin.

Wir verbrachten die Nacht in einem kleinen Hotel ein paar Kilometer südlich von Idomeni, wo sich im grossen Essraum all die Helfer und Aktivisten versammelt hatten, die versuchten, das Schicksal der Gestrandeten wenigstens ein wenig zu erleichtern. Sie besprachen den nächsten Tag, sie redeten vom Polizeieinsatz, der erwartet wurde, wie sie sich verhalten sollten, wenn die Lage unübersichtlich oder gefährlich werden würde. Sie waren alle sehr jung, es hing ein saurer Geruch von ungewaschenen Körpern in der Luft, sie waren ernst und angespannt und kamen aus allen Teilen der Welt.

Igor und ich unterhielten uns beim Essen über die Journalisten, die von «Abgründen der Moral» sprachen und damit die meinten, die in Idomeni halfen, wir redeten über Philosophen wie Slavoj Žižek, der ebenfalls diesen Überschuss an Moral kritisiert hatte, und Igor war bei allem Unverständnis für diese Art von Argumentation angesichts der Hoffnungslosigkeit dieser Menschen vor allem wütend, wütend auf die Welt und manche Menschen in ihr.

Er nutzte Interviews und Twitter, um gegen Rassismus und die rechtsextremen Parteien zu reden: Hier gastierte Igor Levit in der Philharmonie Köln. Foto: Getty Images

Am nächsten Tag wurde das Lager tatsächlich geräumt, wir sahen es nur aus der Ferne, von den Berghügeln, wohin wir umgeleitet wurden, weil der Zugang und die Strassen zum Lager selbst gesperrt waren. Wir fuhren dann in einem grossen Bogen um das Lager herum und kamen zu der Autobahn, die in Richtung Thessaloniki führt, gerade zu dem Zeitpunkt, als ein paar der Busse in die Stadt fuhren, mit Geflüchteten, die bereit waren, friedlich zu gehen. Es waren die allermeisten.

Wir folgten dem Bus bis zu der alten und schmutzigen Fabrikhalle, wir warteten, bis sie ausstiegen, und das dauerte eine Weile, denn sie konnten nicht verstehen, was sie hier sollten, in diesem Niemandsland am Rand der Stadt. Sie stiegen dann schliesslich doch aus, und wir redeten mit ein paar von ihnen, und mit einem von ihnen, einem jungen syrischen Lehrer, tauschte Igor Nummern aus, und er blieb in Kontakt mit ihm, schickte ihm hundert Euro, bis sich der Kontakt verlor und die Nachricht kam, dass der junge Lehrer angeblich eine Frau im Lager belästigt habe.

Beethovens Donner

Unsere Reise dauerte nur knapp zwei Tage, aber die Bilder blieben und veränderten Igor und auch mich. Igor wurde noch politischer in den Monaten danach, seine Argumente wurden schärfer, seine Gegnerschaft zu allem Geschehenlassen und Stillhalten wurde grundsätzlicher. Er nutzte Interviews und Twitter, um gegen Rassismus und die rechtsextremen Parteien zu reden. Er suchte den Kontakt zu Menschen, die wie er nach anderen politischen Lösungen forschten, und sie suchten den Kontakt zu ihm. In vielem ist er ein wunder Zeitgenosse, und wenn er von Beethoven redet und dessen Gegenwartsnähe, dann geht es um den Donner in Beethovens Zeit, der zu uns herübergrollt und uns warnt.

All das ist, wie gesagt, eine Zugabe zur Musik und ist es doch nicht. Denn die Art, wie Igor seine Zeit erlebt, öffnet seinem Spiel einen anderen Raum. Das heisst nicht, dass er in jedem Moment politisch ist; andererseits, doch, er ist es schon, wie sollte es ein Mensch auch nicht sein, der denkt und fühlt und einen Sinn für Ungerechtigkeit hat? Aber die Politik ist eben nicht äusserlich zu Igors Musik, sie ist Teil von ihm selbst und findet damit Eingang in sein Klavierspiel. Sie ist Teil seines Wesens, und weil er so ist, wie er ist, erklingt in manchem, was er spielt, dieses Wissen um den Donner der Geschichte, diese Ahnung von Verlust, dieses Ringen mit den Feiglingen, Zensoren, Herzlosen, das ihn antreibt.

Er erkannte, was seine Rolle und seine Möglichkeit ist als Künstler.

Und so hat er sich noch einmal verändert, seit 2016, seit Brexit, seit Trump, seit dem Aufstieg der AfD in Deutschland und der Verrohung der politischen Auseinandersetzung und dem schleichenden Opportunismus von so vielen. Er trat in London bei der Night of the Proms auf und spielte als Zugabe eine Variation über Beethovens heimliche Europa-Hymne, die «Ode an die Freude» und «Alle Menschen werden Brüder», was einen kleinen Skandal verursachte und Igor extrem freute, weil er mit so wenig Mitteln so eine grosse Wirkung und Aufmerksamkeit erzeugen konnte.

Er verstand etwas in dieser Zeit, er erkannte, was seine Rolle und seine Möglichkeit ist als Künstler. Er haderte und hadert immer noch damit, wie sehr viele Kolleginnen und Kollegen ihr Wirken beschränken auf ihre Musik und sich nicht ihrer Verantwortung stellen, sich zurückziehen auf die Position, dass Kunst und Leben, Kunst und Politik zu trennen sind, was ja auch möglich ist, aber um welchen Preis, in dieser Epoche?

Igor ist so fasziniert von Schostakowitsch und der Frage von Ideologie, Verrat und dem Beharren.

Igor hat sich anders entschieden. Für ihn gehören Beethoven und Flucht zusammen, Rzewski und Revolution, Bach und Gerechtigkeit, für ihn ist ein Auftritt von Menschen immer auch die Chance, gemeinsam über das nachzudenken, was Menschen, was Humanität ausmacht.

So war das etwa im Sommer 2017 bei den Salzburger Festspielen, als er über zwei Stunden lang die dunkle, grelle, verrückte, bewegende Musik von Dmitri Schostakowitsch spielte, alle 24 Präludien und Fugen, und als das Publikum danach gemeinsam aufstand, um Igor zuzujubeln, der so fasziniert ist von Schostakowitsch und der Frage von Ideologie, Verrat und dem Beharren auf das, was Musik leisten kann, da jubelten sie nicht nur, sie waren sich auch bewusst, glaube ich, dass hier jemand von den Tiefen des 20. Jahrhunderts erzählt und dabei auch vor den Gefahren des 21. Jahrhunderts gewarnt hatte.

Als Musiker und Mensch hatte er es immer für überflüssig gehalten, sich die Frage nach seiner Identität zu stellen: Igor Levit spielt Bill Evans, Peace Piece (Official Video). Video: Youtube

Igor nutzte auch Twitter immer mehr und immer intensiver in dieser Zeit, er postete oft und aggressiv gegen die AfD, gegen Donald Trump, gegen «Bild» und all die Rechtsverschieber, die Relativierer, die die Humanität verraten, so sieht er es. Für ihn ist das fast physisch als Schmerz erlebbar. Und wenn es ein Ereignis gibt wie etwa die Anhörung von Christine Blasey Ford und Brett Kavanaugh vor dem amerikanischen Senatsausschuss, dann schaut er sich das stundenlang an, obwohl er dringend ein kompliziertes Stück üben sollte. Er ist frustriert und verzweifelt und wütend und versinkt einerseits in diesem Gefühl und wehrt sich andererseits dagegen, seine Verzweiflung ist real. Und der Schutz gegen die Wirklichkeit, wie sie auf ihn, wie sie auf uns einbrandet, dieser grausame Karneval der Gegenwart, muss jeden Tag neu aktiviert werden.

Besonders bedrückt hat Igor in letzter Zeit all das, was in Deutschland unter dem Hashtag MeTwo zusammengefasst wurde: Die Reaktion auf eine Äusserung des deutschen Innenministers Horst Seehofer von der CSU, der sagte, dass Migration «die Mutter aller Probleme» sei – Igor fühlte sich direkt angesprochen, direkt ausgeschlossen aus dem, was Seehofer als die deutsche Bevölkerung oder das deutsche Volk sah. Und der Rassismus, der darin aufschien, fachte seine Wut an, wie auch die vieler anderer Deutscher mit Migrationshintergrund, wie man das so nennt.

Sie alle posteten ihre Geschichten von stillem oder offenem Rassismus, von Verachtung, Ausgrenzung oder einfach fehlender Empathie auf Twitter, es war ein kultureller, ein politischer, ein gesellschaftlicher Moment, der das Land ein wenig veränderte und Igor auch, weil er sich die Frage nach seiner Identität stellen musste, etwas, das er als Musiker und Mensch, wie er sich selbst bezeichnen würde, immer für überflüssig gehalten hatte.

Hass und Herkunft

Warum also die Frage nach der Herkunft? Igor wurde in Russland geboren, in Nischni Nowgorod, einer alten Handelsstadt 400 Kilometer östlich von Moskau, wo die Oka in die Wolga mündet. Igor war nicht mehr dort, seit seine Familie das Land verliess, da war er acht Jahre. Seltsam, sagt er, ich habe nie darüber nachgedacht. Und ich glaube, das stimmt sogar. Auch wenn es tatsächlich seltsam ist, denn die Frage nach der Herkunft ist etwas so Elementares, um zu verstehen, wer man ist und was man tut.

Andererseits, wie sagt es einer von Igors Lieblingsautoren, James Baldwin: «Identität ist wie ein Anzug, der die Nacktheit des Selbst bedeckt: In diesem Fall ist es das Beste, wenn der Anzug recht locker sitzt, ein wenig wie der Kaftan der Wüsten, unter dem die eigene Nacktheit immer zu spüren und, manchmal, auch zu sehen ist. Dieses Vertrauen in die eigene Nacktheit ist es, was einem die Kraft gibt, die Kleidung zu wechseln.»

Es ist nie fertig, was Igor in seinen Konzerten zeigt und bei den Aufnahmen, es ist immer ein Anfang.

Als Igor Baldwin entdeckte, vor etwas über zwei Jahren, da war es, als habe er einen alten Freund gefunden, von dessen Existenz er wusste, den er aber nie persönlich getroffen hatte. Seine Sprache fasste die Sehnsucht danach zusammen, dass die Welt anders sein könnte, freier, und sie deutete den Kampf an, der dafür nötig sein würde.

Er las «The Fire Next Time» und andere Essays, die davon erzählen, wie Baldwin den Rassismus der USA floh und nach Paris ging, in den 1950er-Jahren, wo er im Exil diese Freiheit fand und auch wieder nicht. Es war ein ständiges Beschwören der eigenen Geschichte, des eigenen Schicksals. Ich habe mich oft gefragt, was die schwarze und die jüdische Erfahrung verbindet und ob es der Blick in die Abgründe des Lebens und des Hasses ist, der zugleich den Blick auf die Liebe und das Schöne schärft.

Igor kann wunderbar jüdische Witze erzählen. Jüdische Witze, sagt Igor, enden immer mit einer Frage. Und so geht er auch durchs Leben, mit lauter Fragen. So spielt er auch seine Konzerte, es sind intime Momente der Selbsterkundung, er öffnet sich dann und lässt einen dabei zuschauen, lässt einen miterleben, wie er hineinhört in die Musik, die er selbst erklingen lässt. Es ist nie fertig, was Igor in seinen Konzerten zeigt und bei den Aufnahmen, es ist immer ein Anfang. Selbst wenn er von einem Ende erzählt, wie auf dem Album «Life».

Er trifft sich mit Denkern, Aktivisten, Künstlern, um darüber zu reden, wie man Politik anders gestalten könnte.

Es ist schwer zu sagen, wohin ihn das alles noch bringen wird. Pianisten wie Igor Levit leben in einer etwas anderen Zeit. Sie wissen, was sie 2019 und 2020 machen werden und oft auch, was danach kommt. Das Zukünftige ist so real wie das Vergangene. Für Igor bedeutet das, dass er im Beethoven-Jahr 2020 alle seine Sonaten spielen wird, was nicht nur eine physische, sondern auch eine gedankliche und emotionale Herausforderung ist. Es bedeutet auch, dass er sich genau überlegt, was er mit dem Preisgeld macht, das mit dem Gilmore Artist Award kommt, den er dieses Jahr gewonnen hat und der nur alle vier Jahre an einen jungen Pianisten vergeben wird und mit 300 000 Dollar dotiert ist.

Wir gehen nur noch selten ins Borchardt, eigentlich fast nie, weil diese Zeit, diese samtrote Zeit vorbei zu sein scheint. Igor trifft sich mit Politikern, die von ihm wissen wollen, wie er die Lage sieht. Er trifft sich mit Denkern, Aktivisten, Künstlern, um darüber zu reden, wie man Politik anders gestalten könnte.

Sein Interesse, sein Feuer ist ungebremst. Und gleichzeitig sind die Zweifel grösser geworden, was das alles bedeutet, wo das alles hinführt. Er hat sie ja gesehen, die Schrecken der vergangenen Zeit, sie sind ihm begegnet als Echo in den Werken, die er spielt. Er kennt sie, die Fratzen der Geschichte, sie sind bei Beethoven wie bei Henze, bei Liszt wie bei Rzewski. Er kennt aber auch die andere Seite, die Hoffnung, eine Art von Erlösung oder wenigstens ein Versprechen. Sie ist in den Menschen.

So sieht Igor das. Es ist, für ihn, die Grundlage von allem.

(Das Magazin)

Erstellt: 27.10.2018, 16:09 Uhr

Artikel zum Thema

In den Fängen des meistgehassten Intellektuellen der westlichen Welt

Er protestierte gegen die Verwendung von Trans-Pronomen. Seither folgen ihm Millionen orientierungsloser Männer. Wie gefährlich ist Petersons Zauber? Mehr...

Ohne Vertrauen geht gar nichts

Fake News, Verschwörungstheorien, Lügen: Vertrauen wird gerade in heutigen Zeiten oft hinterfragt. Dabei ist es unser wichtigstes immaterielles Gut. Mehr...

Wann kippt ein Land?

Der Aufstieg der AfD wurde kulturell vorbereitet. Publizist Georg Diez analysiert zentrale Debatten und Filme, die dazu beitrugen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Glück gehabt: Am Flughafen von Kuala Lumpur wurden 32 kleine Boxen beschlagnahmt, in denen zwei Männer 5225 Rotwangen-Schmuckschildkröten schmuggeln wollten. (26. Juni 2019)
(Bild: Fazry Ismail) Mehr...